Collinas Erben

"Collinas Erben" ganz nüchtern Reyna lässt dem VAR keine andere Wahl

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Doch kein Tor: Dortmunds Giovanni Reyna.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Dem BVB wird in Leverkusen nach einem Eingriff des Video-Assistenten ein Tor aberkannt. Die Entscheidung ist zweifellos korrekt, trotzdem sorgt sie bei vielen für Unbehagen. Das Vergehen, dessentwegen der Schiedsrichter dem Treffer die Anerkennung versagt, hat mit der Torerzielung nichts zu tun.

Mit gewagten Vergleichen soll man vorsichtig sein, aber dieser drängt sich dann doch ein wenig auf: Beinahe so stürmisch wie der Orkan "Sabine" war das 4:3 zwischen Bayer 04 Leverkusen und Borussia Dortmund (4:3) am 21. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Beide Angriffsreihen zeigten sich nahezu unwiderstehlich und trafen jeweils vier Mal. Den Gästen erkannte Schiedsrichter Markus Schmidt allerdings ein Tor ab, nach 52 Minuten beim Stand von 2:2. Sein Video-Assistent (VAR) Benjamin Brand hatte ihn auf etwas aufmerksam gemacht, das dem sehr gut leitenden Unparteiischen ausnahmsweise entgangen war. Doch obwohl die Entscheidung unzweifelhaft richtig war, hinterließ sie einige fragende Gesichter.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Geschehen war dies: Auf dem linken Flügel in der Leverkusener Hälfte kam Jadon Sancho in Ballbesitz, zog mit Tempo zur Mitte und legte die Kugel nach rechts zu Achraf Hakimi. Dessen Pass in den Rückraum erreichte Sancho, der aus elf Metern traf. Der BVB jubelte, die Gastgeber senkten die Köpfe - und der VAR überprüfte wie nach jedem Tor die Angriffsphase, die dem Treffer vorausgegangen war. Bei der Torerzielung selbst war alles korrekt: Weder lag ein Abseits vor, noch hatte Sancho anderweitig gegen die Regeln verstoßen.

Als er in Ballbesitz gekommen war, hatte sich allerdings einige Meter hinter ihm ein Zweikampf zwischen seinem Mitspieler Giovanni Reyna und Lars Bender zugetragen. Der Leverkusener war dabei mit seiner Schulter auf Tuchfühlung gegangen, jedoch keineswegs regelwidrig, sondern im Rahmen des Zulässigen. Reyna reagierte darauf, indem er Benders linken Arm mit beiden Händen kurz festhielt und seinen Gegenspieler so zu Fall brachte. Der Unparteiische war dem Lauf des Balles gefolgt und hatte deshalb dieses Duell etwas abseits des Geschehens nicht wahrgenommen. Nun sah er es jedoch auf dem Monitor am Spielfeldrand, denn Video-Assistent Brand hatte ihm ein On-Field-Review empfohlen.

Der VAR schränkt die Spielräume des Schiedsrichters ein

Als Schmidt zurückkehrte, annullierte er Sanchos Tor und entschied auf Freistoß für die Leverkusener, dort, wo Reyna an Benders Arm gezogen hatte. Regeltechnisch war das eine eindeutige Angelegenheit, hier lag ein glasklares strafbares Halten vor, mithin ein Foulspiel. Dass der Ball dabei nicht in der Nähe war, dass Bender nach menschlichem Ermessen auch ohne das Foul nicht mehr ins Spielgeschehen hätte eingreifen können, dass Reynas Aktion also eigentlich keinerlei Auswirkung auf die Torerzielung hatte - all dies spielte für die Bewertung der Szene keine Rolle und durfte nach den Regeln auch keine Rolle spielen.

Dass nicht wenigen Beobachtern diese Entscheidung missfiel, hängt mit einer Art ungeschriebenem Gesetz zusammen: In der Praxis sehen viele Schiedsrichter darüber hinweg, wenn sich ein Vergehen abseits des Spielgeschehens zuträgt, solange es keine Tätlichkeit ist. So, wie sie auch ein Foulspiel im Strafraum unmittelbar nach dem erfolglosen Torschuss eines Angreifers oft ungeahndet lassen, weil dem Stürmer und seinem Team aus der Regelübertretung des Gegners ja keine Beeinträchtigung erwächst.

In Partien mit Video-Assistenten ist der Spielraum für solche - durchaus auch von Spielern, Trainern und Fans akzeptierten - Praktiken allerdings erheblich kleiner geworden. Denn wenn die Bilder in einer überprüfbaren Situation deutlich ein Vergehen zeigen, das der Unparteiische nicht wahrgenommen hat, kommt letztlich nur jene Entscheidung in Betracht, die das Regelwerk nun mal vorsieht. Denn dieses ist verbindlich, anders als ungeschriebene Gesetze, auf die man sich, sonst hießen sie nicht so, nur schwer berufen kann. Den Handlungsspielraum der Referees schränkt der VAR in manchen Situationen ein, was beileibe nicht immer nur auf Zustimmung stößt - bei den Mannschaften wie auch bei den Schiedsrichtern selbst. Auf der anderen Seite muss man sagen: Eine Aktion wie die von Reyna gegen Bender ist sinnlos und überflüssig. Und das umso mehr, wenn es Kameras gibt, die sie einfangen und am Ende dem Unparteiischen offenbaren.

Was sonst noch wichtig war:

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    Berlins Dedryck Boyata bringt den Mainzer Karim Onisiwo zu Fall.

    (Foto: dpa)

    Die Strafstoßentscheidung für die Gäste in der Nachspielzeit der Begegnung zwischen Hertha BSC und dem 1. FSV Mainz 05 (1:3) war zwar isoliert betrachtet richtig. Doch viele fragten sich: Ging dem Foulspiel des Berliners Dedryk Boyata an Karim Onisiwo nicht ein strafbares Abseits voraus? Tatsächlich war der Mainzer Robin Quaison bei einem langen Ball aus der eigenen Hälfte der gegnerischen Torlinie klar näher als der vorletzte Abwehrspieler der Hertha. Allerdings trabte er dem Ball nur hinterher und überließ ihn schließlich Onisiwo. Durch dieses Manöver sei die Hintermannschaft der Hertha irritiert worden, argumentierten viele. Das aber ist nicht der Punkt, die Frage war mit Blick auf das Regelwerk vielmehr: Beeinträchtigte Quaison einen Gegner - konkret: Boyata -, indem er dessen Sicht versperrte, mit ihm einen Zweikampf um den Ball führte, den Ball in seiner Nähe zu spielen versuchte oder eindeutig aktiv wurde und so dessen Möglichkeit beeinflusste, den Ball zu spielen? Allenfalls der letztgenannte Fall kam in Betracht, doch darüber, ob der Mainzer wirklich eindeutig (!) aktiv wurde, kann man streiten. Dass Boyata offenbar einen Abseitspfiff erwartete, ist jedenfalls kein Kriterium. Eine Szene, die dem Schiedsrichter einen Ermessensspielraum bot und dessen Entscheidung damit vertretbar werden ließ.
  • Nach dem Abpfiff des Spitzenspiels zwischen dem FC Bayern München und RB Leipzig (0:0) war der Schiedsrichter überhaupt kein Thema. Für einen Unparteiischen ist es meist ein gutes Zeichen, wenn nicht über ihn gesprochen wird, dabei war die Leistung von Marco Fritz allemal der Rede wert: Der 42-Jährige leitete die zwar torlose, aber dennoch intensive Partie souverän und mit viel Umsicht. Sowohl bei der Zweikampfbeurteilung als auch beim Strafmaß verfolgte er eine klare und berechenbare Linie, die vollauf zum Spielcharakter passte. Auch die vom Video-Assistenten empfohlene Rücknahme des ansonsten unbestritten richtigen Strafstoßes für die Bayern wegen einer vorangegangenen Abseitsstellung von Robert Lewandowski war korrekt.

Der FC Bayern bleibt Tabellenführer der Fußball-Bundesliga. Und das finden die Münchner gut. Ein wenig hadern sie aber schon damit, dass sie im Spitzenspiel des 21. Spieltags gegen Leipzig nicht gewinnen können. Ein (kleiner) Gewinner dieses Spiels ist der BVB. Hier geht's zum Schnellcheck des Kollegen Tobias Nordmann.

Quelle: ntv.de