Collinas Erben

"Collinas Erben" suchen Profis Schalker grollen Gagelmann

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Die Schalker Spieler, hier Kevin-Prince Boateng, und Schiedsrichter Peter Gagelmann waren sich am Samstag mehr als einmal uneinig.

(Foto: AP)

Nach der knappen Niederlage gegen Bayer Leverkusen in der Fußball-Bundesliga machen die Schalker den Schiedsrichter mitverantwortlich - und vergessen dabei, dass sie selbst Glück mit dem Unparteiischen hatten.

René Vollath hat ein Hobby, das für einen Fußballprofi höchst ungewöhnlich ist. Der 25-jährige Torwart in Diensten des Zweitligisten Karlsruher SC ist seit Kurzem nämlich auch amtlich geprüfter Unparteiischer. Als solcher leitet er Spiele in den unteren Amateurklassen, wenn es sich mit dem Trainings- und Spielplan seines Klubs vereinbaren lässt. Wie es dazu kam, hat Vollath dem Fußballmagazin "11 Freunde" unlängst in einem Interview verraten: "Ich bin in der Vergangenheit häufiger mit Schiedsrichtern aneinandergeraten, weil ich im Spiel manchmal aus der Haut fahre, wenn meine Mannschaft benachteiligt wird. Ich habe mich nach den Spielen oft mit dem Schiedsrichterbeobachter unterhalten. Als ich mal wieder unzufrieden war, meinte er: 'Dann mach das doch mal selbst.' Von daher war es eine Art Therapiemaßnahme für mich. Ich wollte die andere Seite kennenlernen und sehen, ob ich es vielleicht besser hinbekomme als so mancher zuvor von mir kritisierte Kollege."

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Mit Erfolg, wie es scheint - das Feedback der Kreisligaspieler nach seinen ersten Einsätzen sei jedenfalls positiv ausgefallen, berichtet Vollath. Die Tätigkeit an der Pfeife bereite ihm großen Spaß. Außerdem habe ihn die Schiedsrichterausbildung "etwas ruhiger gemacht, weil ich nun auch die andere Seite kenne". Beim Spiel des KSC in Heidenheim sei es zu einigen kritischen Situationen gekommen, da habe er seine Mitspieler beruhigt. "Dass ich da eine Art Vorbildrolle einnehme und versuche zu schlichten, war bisher noch nie der Fall."

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Vielleicht sollte sich der eine oder andere Kicker im Oberhaus des deutschen Fußballs ein Beispiel an Vollath nehmen. So auch beim FC Schalke 04, wo sie nach dem 0:1 gegen Bayer 04 Leverkusen vernehmlich in Richtung des Referees Peter Gagelmann schimpften. Besonders lautstark echauffierte sich Marco Höger - darüber nämlich, dass der Schiedsrichter in der 54. Minute weiterspielen ließ, als der Leverkusener Torwart Bernd Leno den Ball nach einem Rückpass seines Teamkollegen Ömer Toprak mit den Händen aufnahm. Absicht von Toprak sei das gewesen, fand Höger. "Das sieht jeder Blinde, nur der Gagelmann hat das nicht gesehen!" Sein Mitspieler Christian Fuchs schloss sich an: "Augenscheinlicher geht’s nicht." In den Fußballregeln heißt es dazu lapidar, dass ein Torwart den Ball nicht mit der Hand berühren darf, wenn er ihn von einem Mitspieler absichtlich mit dem Fuß zugespielt bekommen hat. Tut er es trotzdem, muss der Schiedsrichter auf indirekten Freistoß entscheiden. Ergänzend dazu präzisiert der DFB: "Ein indirekter Freistoß ist auch dann zu verhängen, wenn ein Mitspieler des Torhüters den Ball mit dem Fuß absichtlich stoppt und der Torhüter diesen Ball mit der Hand berührt." War am Samstagabend nicht genau das der Fall?

Er muss hundertprozentig überzeugt sein

Entscheidend für die Beurteilung der Szene ist, ob man in Topraks Aktion eine bewusste, kontrollierte - eben absichtliche - Handlung sieht oder eher ein nicht gewolltes, also unabsichtliches leichtes Verspringen des Balles bei der Annahme. Für beide Sichtweisen gibt es gute Argumente, vielleicht ein paar mehr für die erstgenannte, wenn man bedenkt, dass es sich beim Leverkusener Verteidiger um einen technisch recht beschlagenen Spieler handelt. Aber der Schiedsrichter muss schon hundertprozentig von einem absichtlichen Rückpass überzeugt sein, um eine gravierende Entscheidung wie einen indirekten Freistoß fünf Meter vor dem Tor zu treffen. Sobald er auch nur den Hauch eines Zweifels hat - und das war bei Gagelmann der Fall -, wird er weiterspielen lassen. Mit der von Höger behaupteten Sehbehinderung hat das jedenfalls nichts zu tun.

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Dieses Rückspiel von Bayers Ömer Toprak auf seinen Keeper Bernd Leno erregte die Gemüter der Schalker.

(Foto: AP)

Die Schalker kritisierten den Bremer Referee aber auch, weil er in der 82. Minute nach einem Handspiel des Leverkuseners Roberto Hilbert im Strafraum der Gäste keinen Elfmeter gegeben hatte. "Wenn die Hand vom Körper weg ist, dann gibt es Elfer, wenn man die Hand beim Körper hat und angeschossen wird, ist es kein Elfer", referierte Klaas-Jan Huntelaar, was er bei der obligatorischen Regelschulung vor der Saison gelernt zu haben glaubte.

Der Schalker Stürmer spielte damit auf die "Vergrößerung der Körperfläche" an, die eines der Kriterien dafür ist, wann ein Handspiel als absichtlich bewertet werden muss. Strafbar ist ein Handspiel mit abgewinkeltem Arm allerdings nur dann, wenn der Schiedsrichter davon überzeugt ist, dass der Spieler so bewusst den Ball aufhalten wollte. Sieht er die Armhaltung dagegen als Teil einer natürlichen, fußballtypischen Lauf- oder Grätschbewegung an, lässt er die Begegnung weiterlaufen. Der Grat zwischen dem einen und dem anderen ist manchmal schmal, so auch bei Hilberts Handspiel. Gemessen daran, welche Handspiele in dieser Saison bislang von den Unparteiischen als strafbar betrachtet und deshalb geahndet wurden, muss man allerdings sagen: Ein Elfmeterpfiff wäre die bessere Entscheidung gewesen. Für den bereits vorbelasteten Hilbert hätte das in diesem Fall zusätzlich eine Gelb-Rote Karte zur Folge gehabt, weil das Blockieren eines Torschusses mit der Hand zwingend eine Verwarnung nach sich zieht.

Profis an die Pfeife!

Doch auch die Schalker hatten in zwei Situationen viel Glück, ungestraft davongekommen zu sein. Zum einen hätte sich der schon verwarnte Marco Höger nicht beschweren dürfen, wenn er in der 66. Minute nach einer rustikalen Grätsche gegen Karim Bellarabi mit Gelb-Rot vom Feld geschickt worden wäre. Zum anderen konnte man in der Art und Weise, wie Kaan Ayhan nach 79 Minuten Bellarabi im eigenen Strafraum stoppte, durchaus ein elfmeterwürdiges Beinstellen erkennen. Auch in diesen beiden Situationen verfuhr Peter Gagelmann nach dem Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten", genau wie auf Leverkusener Seite. Es hätte den Gastgebern deshalb gut zu Gesicht gestanden, ihre Kritik am Schiedsrichter etwas leiser und ausgewogener zu formulieren.

Aber vielleicht tut es ja doch noch jemand von ihnen René Vollath gleich. Das wäre nicht nur deshalb von Vorteil, weil es dann mehr Verständnis für das oft schwierige Amt der Referees gäbe, sondern es könnte noch ganz andere Perspektiven eröffnen, wie Vollath glaubt: "Es würde dem Schiedsrichterwesen gut tun, Profis oder ehemalige Profis als Schiedsrichter zu rekrutieren. Auch wenn es jede Saison nur zwei oder drei Leute wären, hätte man schon sehr gut vorqualifiziertes Personal angeworben." Von den derzeitigen Erstligaspielern haben zwei – im zarten Alter von 14 Jahren – die Schiedsrichterprüfung abgelegt, nämlich der Mönchengladbacher Max Kruse und der Stuttgarter Martin Harnik. Beide haben die Pfeife jedoch längst wieder an den Nagel gehängt. Schade eigentlich.

Quelle: ntv.de