Collinas Erben

"Collinas Erben" hin- und hergerissen Spahic fliegt, Holtby flunkert, Hilbert patzt

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Lief nicht rund in Köln: Emir Spahic und Lewis Holtby.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Sind der Platzverweis gegen Hamburgs Spahic in Köln und der Elfmeter heillos überzogen? Grantelt Leverkusens Schmidt in München grundlos über den Schiedsrichter? Und warum feiern die Fans den Unparteiischen mit Gesängen?

Genau 78 Minuten lang lief das Spiel in der Fußball-Bundesliga zwischen dem 1. FC Köln und dem Hamburger SV für Deniz Aytekin wie am Schnürchen. Der 37-Jährige, neben Felix Brych der einzige deutsche Schiedsrichter in der Elite-Gruppe der Uefa-Referees, hatte die intensive Partie im Griff, genoss die Akzeptanz aller Beteiligten und überzeugte mit einer sinnvollen Linie bei der Zweikampfbeurteilung, viel Ruhe und einer klaren Körpersprache. Dann setzte der eingewechselte Kölner Bundesliga-Debütant Philipp Hosiner seinen Mitspieler Anthony Modeste bei einem schnellen Konter glänzend in Szene. Und was nun folgte, war eine so strittige wie spielentscheidende Szene, bei der Aytekin sich zwangsläufig den geballten Zorn von einer der beiden Seiten zuziehen musste - ganz egal, wie er entscheiden würde.

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Denn Modeste stellte sich bei der Ballannahme ein wenig ungeschickt an und geriet deshalb ins Straucheln. Der zurückgeeilte Hamburger Verteidiger Emir Spahic brachte ihn durch einen leichten Schubser in den Rücken und einen Kontakt im Fußbereich endgültig aus dem Gleichgewicht. Das Ganze spielte sich im Strafraum des HSV ab, etwa 13 Meter vor dem Tor in zentraler Position, und außer dem Hamburger Torwart Andreas Hirzel hatte Modeste keinen Gegenspieler mehr vor sich.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

In Sekundenbruchteilen und ohne jedes technische Hilfsmittel musste der Schiedsrichter nun entscheiden: War’s ein Foul von Spahic? Dann konnte die Konsequenz nur lauten: Rot wegen einer "Notbremse" und Strafstoß. Oder war Modeste im Zuge seiner schlampigen Ballannahme schon so weit aus dem Tritt geraten, dass Spahics Körpereinsatz vernachlässigt und auf Weiterspielen entschieden werden konnte?

Aytekin entschied sich nach kurzem Zögern für Ersteres, verwies den Hamburger des Feldes und gab einen Elfmeter für Köln, den Modeste zum 2:1-Siegtreffer verwandelte. Der HSV tobte und musste später öffentlich die Behauptung seines Spielers Lewis Holtby dementieren, dass der Unparteiische in die Kabine der Gäste gekommen sei und sich "für die Fehlentscheidung entschuldigt" habe. Die ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter Peter Gagelmann ("Das war ein klares Foul und eine klare Rote Karte") und Thorsten Kinhöfer ("Es war tatsächlich eine harte, aber vollkommen vertretbare Entscheidung") ergriffen Partei für ihren früheren Kollegen. Deniz Aytekin selbst nannte seine Entscheidungen "diskussionswürdig". Anweisungskonform waren sie zumindest, denn Spahics etwas unbedachtes Vorgehen lässt sich regeltechnisch als Mischung aus Stoßen und Beinstellen einstufen, wodurch eine klare Torchance verhindert wurde.

Allerdings kann man noch bessere Gründe für die Auffassung geltend machen, dass der vergleichsweise leichte Kontakt durch den Hamburger Abwehrspieler nicht ursächlich für Modestes Sturz war und die Strafstoßentscheidung sowie der Platzverweis damit in dieser Situation unangemessen harte Konsequenzen darstellten. Weiterspielen zu lassen hätte ohnehin besser zu Aytekins insgesamt eher großzügiger Regelauslegung gepasst. So ließ der Unparteiische die Partie auch kurz vor Schluss zu Recht laufen, als Marcel Risse im eigenen Strafraum den Ball aus kürzester Distanz an den herabhängenden, angelegten Arm geschossen bekam und die Hamburger nun ihrerseits vehement einen Elfmeter forderten.

Roger Schmidt grummelt zu Unrecht

Unterdessen legte Aytekins Kollege Florian Meyer zu Beginn des Spitzenspiels zwischen dem FC Bayern München und Bayer 04 Leverkusen strenge Maßstäbe an, zumindest bei den Personalstrafen. Nach nicht einmal 20 Minuten standen bereits vier Verwarnungen zu Buche, zwei auf jeder Seite - allesamt vertretbare, aber nicht in jedem Fall zwingende Gelbe Karten, mit denen der erfahrene Referee erkennbar Ruhe in die anfangs recht harte Partie bringen wollte. Ein solches Unterfangen kann für den Schiedsrichter ein Vabanquespiel sein, denn wenn die Akteure die Zeichen nicht erkennen und ihr raues Spiel fortsetzen, ist eine unschöne Kartenflut beinahe unvermeidlich, will der Unparteiische nicht inkonsequent sein.

Meyer jedoch hatte mit seiner Strategie Erfolg. Bis zum Schlusspfiff musste er nur noch einmal in die Brusttasche greifen, und das auch nicht für ein Foul, sondern wegen eines unsportlichen Handspiels des Leverkuseners Robbie Kruse. Die Verwarnungen hatten also die gewünschte Wirkung gezeigt, die Spieler hielten sich nach dem rüden Auftakt erkennbar zurück. Deshalb konnte der Unparteiische die Zügel fortan etwas länger lassen, was beispielsweise dem bereits verwarnten Leverkusener Verteidiger Wendell zugutekam, den der souveräne Meyer in der 58. Minute nach einem grenzwertigen Foul an Thomas Müller ein letztes Mal streng ermahnte.

Ganz richtig lag Meyer auch mit den beiden Strafstößen für den Rekordmeister. Vor dem ersten hatte der Leverkusener Roberto Hilbert dem zum Ball springenden Arturo Vidal einen Stoß in den Rücken versetzt - nicht fest, aber so effektiv, dass der Münchner keine Chance mehr hatte, die Kugel zu erreichen. Und vor dem zweiten hatte der unglückliche Hilbert bei einer Flanke von Douglas Costa beide Arme vor sein Gesicht gerissen und damit in die Flugbahn des Balles gebracht. Der traf ihn daraufhin am Oberarm. Auch hier blieb dem Referee keine andere Wahl, als auf den Elfmeterpunkt zu zeigen, selbst wenn der Leverkusener Trainer Roger Schmidt nach dem Spiel grummelte: "Beide kann er pfeifen. Beide muss er nicht pfeifen."

In England hatte Fifa-Schiedsrichter Michael Oliver derweil einen außerordentlichen und vor allem gänzlich unerwarteten Einsatz. Als sich beim Spiel um den Continental-Cup zwischen den Frauenteams des FC Arsenal und des FC Reading eine Assistentin verletzte, wurde über den Stadionlautsprecher nach Ersatz gesucht. Der unter den Zuschauern befindliche Oliver, der seit fünf Jahren Spiele in der Premier League leitet und seit 2012 auf der Fifa-Liste steht, zögerte nicht und sprang ein. Von den Fans wurde er dafür mit Gesängen wie "Es gibt nur einen Michael Oliver" gefeiert. Die Schiedsrichterin der Partie ist dem 30-Jährigen übrigens bestens bekannt: Es handelt sich um keine geringere als seine Ehefrau Lucy.

Quelle: ntv.de