Collinas Erben

"Collinas Erben" schmunzeln Und wenn die BVB-Taube getroffen hätte?

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Die graue Taube ist müde? Eher nicht. Und Wolfsburgs Torhüter Koen Casteels müht sich vergeblich.

(Foto: imago images / Horstmüller)

Für die Schiedsrichter geht es an diesem 27. Spieltag der Fußball-Bundesliga relativ ruhig zu, doch es gibt einige auch regeltechnisch bemerkenswerte Kuriositäten. Im Mittelpunkt steht ein Vogel im Dortmunder Westfalenstadion. Was, wenn er ein Tor erzielt hätte?

Wenn die Schiedsrichter derart selten im Blickpunkt stehen wie am 27. Spieltag der Fußball-Bundesliga, dann ist das überaus erfreulich für sie, weil es zeigt, dass ihre Entscheidungen in einer wichtigen Phase der Saison kaum einmal für Kontroversen gesorgt haben. Die Unparteiischen traten insgesamt sehr sicher und souverän auf, die Video-Assistenten griffen kein einziges Mal ein. Den Kolumnisten, der strittige Pfiffe analysieren soll, stellt das allerdings vor ein Problem: Was tun, wenn fast keine Entscheidung zu erklären sind? Zum Glück gibt es da zumindest die kleinen Geschichten, die Randnotizen, die Kuriositäten, die auch regeltechnisch von Belang sein können. So wie die Straßentaube, die am Samstag während der Partie zwischen Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg (2:0) auf den Rasen flog und allen Versuchen trotzte, sie von dort dauerhaft zu verscheuchen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

In den sozialen Netzwerken blühte der Flachs über das Tier und die erfolglosen Versuche einiger Spieler, es aus dem Weg zu schaffen. Beiden Torhütern gelang das nicht, und der Dortmunder Raphael Guerreiro stolperte sogar fast über den Vogel. Am Ende der Begegnung hatte die Taube es sich schließlich im Netzraum des Wolfsburger Tores bequem gemacht. Dort hatte sie gewissermaßen den Premiumplatz bei den beiden späten Treffern des BVB. Doch was wäre geschehen, wenn sie dort nicht so seelenruhig verharrt hätte, sondern beispielsweise dem Wolfsburger Schlussmann Koen Casteels beim Abwehrversuch entscheidend in die Quere gekommen wäre? Oder wenn sie gar den Ball auf dessen Weg ins Tor abgelenkt oder aufgehalten hätte?

Diese Fragen sind in der Regel 5 (Der Schiedsrichter) geklärt, konkret: im Abschnitt "Eingriffe von außen". Dort heißt es, dass der Schiedsrichter für den Fall, dass "bei laufendem Spiel ein zweiter Ball, ein anderes Objekt oder ein Tier aufs Spielfeld gelangt", die Begegnung nur dann unterbrechen muss, wenn das Spielgeschehen gestört wurde. Eine solche Störung liegt beispielsweise vor, wenn Spieler dadurch erkennbar irritiert oder gar behindert werden – oder wenn gar der Ball in seinem Lauf beeinträchtigt wird. In diesen Fällen gibt es einen Schiedsrichterball, und zwar dort, wo sich der Ball bei der Unterbrechung befand. War er zu diesem Zeitpunkt im Torraum, dann wird der Schiedsrichterball auf der Torraumlinie ausgeführt.

Dortmunder Taube verpasst die Gunst der Stunde

Eine Ausnahme ist in den Regeln allerdings im Zusammenhang mit der Torerzielung festgelegt: "Wenn der Ball unabhängig vom Eingriff ins Tor geht und der Eingriff keinen verteidigenden Spieler am Spielen des Balls gehindert hat, zählt der Treffer (selbst bei einem Kontakt mit dem Ball)." Das heißt: Hätte die Taube beispielsweise bei Paco Alcácers Freistoß, der zum 1:0 führte, den Ball noch berührt, bevor er ins Tor flog, dabei aber keinem Wolfsburger die Chance genommen, die Kugel abzuwehren, dann hätte es für Schiedsrichter Markus Schmidt keinen Grund gegeben, den Treffer zu annullieren. Die Gunst der Stunde, sich auf diese Weise in den Annalen der Bundesliga zu verewigen, wusste der Vogel in Dortmund jedoch nicht zu nutzen.

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Ging einen Schritt zu weit: Schiedsrichter Markus Schmidt.

(Foto: imago images / DeFodi)

Ein bisschen geärgert über den Unparteiischen haben sich am Ende die Wolfburger, weil dieser die Mauer beim Freistoß deutlich weiter als die vorgeschriebenen 9,15 Meter vom Ball entfernt positionierte und sich die Gäste dadurch benachteiligt wähnten. Tatsächlich ging Schmidt hier buchstäblich einen Schritt zu weit, auch wenn es sich beim vorgesehenen Abstand der Mauer um eine Mindestdistanz handelt. Doch seitdem das Freistoßspray eingesetzt wird, verkürzen die Verteidiger die Entfernung kaum noch unerlaubterweise vor der Ausführung des Freistoßes. Für die Referees besteht deshalb keine Veranlassung mehr, die Mauer prophylaktisch weiter nach hinten zu stellen. Anders, als es der Wolfsburger Maximilian Arnold glaubt, fällt die Überwachung des 9,15-Meter-Abstandes allerdings nicht in den Zuständigkeitsbereich des Video-Assistenten. Die Festlegung dieser Distanz ist die alleinige Aufgabe des Schiedsrichters.

Der Verzicht auf Schienbeinschoner ist nicht erlaubt

Zu einem Kuriosum kam es auch im Spiel von Fortuna Düsseldorf gegen Borussia Mönchengladbach (3:1), als sich der Düsseldorfer Torhüter Michael Rensing nach etwas mehr als einer Stunde seiner Schienbeinschoner entledigte. Referee Tobias Stieler bemerkte das jedoch und wies den Keeper umgehend an, sie wieder anzuziehen. Das Tragen dieser Schoner ist seit 1990 verpflichtend, denn das Regelwerk sieht auch Maßnahmen zum Selbstschutz der Spieler vor. Der freiwillige Verzicht darauf ist nicht gestattet, Spieler mit heruntergerollten Stutzen wie früher etwa Paul Breitner sieht man deshalb nicht mehr. Dennoch bekommt ein Spieler, der ohne Schienbeinschützer unterwegs ist, nicht gleich eine Gelbe Karte. Er wird zunächst lediglich aufgefordert, sie anzulegen. Erst bei einer Weigerung oder im Wiederholungsfall verwarnt ihn der Unparteiische – und lässt ihn wieder mitspielen, sobald die Schoner an Ort und Stelle sind.

In der Partie des SV Werder Bremen gegen den 1. FSV Mainz 05 (3:1) gab es derweil die einzige Szene dieses Spieltags, in der eine Intervention des Video-Assistenten ernsthaft in Betracht hätte kommen können. Der Bremer Niklas Moisander hatte Robin Quaison nach elf Minuten im eigenen Strafraum vom Ball getrennt, nach der Wahrnehmung von Schiedsrichter Marco Fritz mit fairen Mitteln, denn es gab einen Eckstoß. Die Wiederholung zeigte jedoch einen leichten Tritt von Moisander gegen den rechten Fuß des Mainzers und zudem ein Beinstellen, den Ball hatte der Bremer nicht gespielt. Dem Video-Assistenten Tobias Welz genügte das jedoch nicht für einen Eingriff, was man durchaus kritisch sehen kann. Der Protest der Mainzer hielt sich allerdings in engen Grenzen - wie so oft an diesem für die Unparteiischen ruhigen Spieltag.

Quelle: n-tv.de

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