Collinas Erben

"Collinas Erben" sind fokussiert Und wieder gibt es Streit ums Handspiel

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In Mainz klemmt ein Spieler im Strafraum den Fußball im Liegen zwischen seinen Armen ein. Doch der Schiedsrichter gibt keinen Elfmeter und bekommt auch vom Video-Assistenten keine gegenteilige Empfehlung. Ein Blick auf eine andere Bundesliga-Partie hilft bei der kniffligen Entscheidung.

Eine Viertelstunde war in der Partie zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und Borussia Dortmund (0:4) absolviert, als Marco Reus bei einem Angriff des BVB am linken Strafraumrand der Gastgeber in Ballbesitz kam und die Kugel in den Rückraum des Mainzer Tores spielen wollte. Doch Jeremiah St. Juste hatte etwas dagegen. Er warf sich im Sechzehnmeterraum dem Ball entgegen, das rechte Bein ausgefahren, das linke angezogen. Den rechten Arm hatte St. Juste erhoben, mit dem linken stützte er sich auf dem Boden ab. Gegen diesen linken Arm flog nun der Ball, den rechten führte der Verteidiger derweil in einer Drehbewegung ebenfalls auf den Rasen.

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Der Mainzer St. Juste stoppt den von Dortmunds Reus gespielten Ball auf unkonventionelle Weise.

(Foto: imago images/Thomas Frey)

Dadurch kam er auf dem Bauch zum Liegen, der Ball befand sich kurz zwischen beiden Armen, die der Mainzer schließlich nach hinten zog. Vehement forderten die Dortmunder einen Handelfmeter, doch der gut postierte Schiedsrichter Benjamin Cortus ließ weiterspielen. Als der Ball kurz darauf ins Seitenaus ging, blockierte der Unparteiische zwar die Spielfortsetzung, damit sein Video-Assistent die Überprüfung der Szene abschließen konnte. Doch eine Review-Empfehlung aus Köln gab es am Ende nicht. Die Begegnung ging mit einem Einwurf weiter.

Augenscheinlich war St. Justes Handspiel für den Referee also nicht strafbar, und der Video-Assistent fand diese Einschätzung zumindest nicht klar und offensichtlich falsch, denn sonst hätte er eingegriffen. Das verwunderte so manchen, schließlich hatte der Abwehrspieler den Ball nicht nur mit beiden Armen berührt, sondern ihn vorübergehend sogar zwischen ihnen eingeklemmt. Konnte das mit rechten Dingen zugegangen sein? Man neigt angesichts der Bilder spontan dazu, diese Frage zu verneinen. Doch ganz so einfach ist es nicht, trotz der Reform der Handspielregel im vergangenen Sommer.

Denn wenn ein Spieler mit einem Arm einen Sturz abfängt und dann mit diesem Arm den Ball berührt, ist das normalerweise nicht strafbar. Schließlich dient diese Bewegung nur der Vermeidung einer Verletzung und nicht dazu, den Ball aufzuhalten. Zwar beschränkt die Regel dies eigentlich auf den Moment, in dem der Spieler im Fallen begriffen, also noch nicht auf dem Boden angekommen ist. Doch die Schiedsrichter-Kommission des DFB hatte Ende Oktober in einer Erklärung deutlich gemacht, dass auch solche Handspiele straflos bleiben sollen, die geschehen, wenn ein Spieler bei einer Grätsche zum Abstützen des Körpers die Arme seitlich zum Boden abspreizt.

Für einen Elfmeter hätte es gute Argumente gegeben

Zu dieser Erklärung war es gekommen, nachdem sich am 9. Spieltag in der Partie zwischen Bayer 04 Leverkusen und Werder Bremen ein vergleichbares Handspiel ereignet hatte wie nun in Mainz. Seinerzeit war der Leverkusener Nadiem Amiri im eigenen Strafraum einer Hereingabe entgegengerutscht und hatte den Ball ebenfalls erst mit dem "Abstützarm" berührt und dann auch den anderen Arm zum Ball geführt. Schiedsrichter Martin Petersen hatte, genau wie nun sein Kollege Benjamin Cortus, auf weiterspielen entschieden.

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Entschied mutmaßlich richtig in einer kniffligen Spielsituation: Schiedsrichter Benjamin Cortus.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Das war aus Sicht der Schiedsrichter-Kommission korrekt, denn "eine bewusste Abwehraktion mit den Armen zum Ball" sei "in dem Bewegungsablauf nicht zweifelsfrei auszumachen" gewesen. Womöglich hatten der Unparteiische und der Video-Assistent der Begegnung in Mainz nun diese Szene einschließlich ihrer Bewertung im Hinterkopf, als sie das Handspiel von St. Juste beurteilen mussten. Argumentieren ließe sich allerdings, dass dessen Bewegung zum Ball mit dem Arm, der nicht dem Abstützen diente, unnatürlicher war und deutlicher aussah als bei Amiri.

Für einen Elfmeter hätte also mehr gesprochen als vor einigen Wochen in Leverkusen, wo ein Strafstoßpfiff allerdings auch schon im Bereich des allemal Vertretbaren lag. Aber hätte der Video-Assistent deshalb beim Spiel in Mainz intervenieren müssen? Nach der Partie zwischen Bayer und Werder hatte die DFB-Schiedsrichter-Kommission mitgeteilt: "Der Schiedsrichter hatte zu dieser Situation eine klare Wahrnehmung und den Vorgang bewertet. Die Sichtung des Videomaterials lieferte keine klar und offensichtlich andere Information." Gut möglich, dass es diesmal genauso war.

Was sonst noch wichtig war:

  • Auch in der Begegnung Fortuna Düsseldorf gegen RB Leipzig (0:3) gab es ein Handspiel im Strafraum: Nach 56 Minuten lenkte der Düsseldorfer Kaan Ayhan den Ball wenige Meter vor dem eigenen Tor mit erhobenen Händen ab. Schiedsrichter Robert Hartmann unternahm zunächst nichts, doch sein Video-Assistent empfahl ihm ein Review. Anders als sein Kollege in Mainz hatte der Referee das Handspiel offenkundig gar nicht gesehen und damit auch nicht bewertet. Dieser Umstand ändert die Ausgangslage entscheidend, denn bei einer fehlenden Wahrnehmung durch den Schiedsrichter ist die Eingriffsschwelle für den VAR niedriger als bei einer falschen Wahrnehmung. Nach dem Betrachten der Bilder entschied Hartmann regelkonform auf Strafstoß, Ayhan sah zudem die Gelbe Karte. Das war unumgänglich: Nach den Regeln muss die unfaire Unterbindung einer aussichtsreichen Angriffsmöglichkeit - und dazu zählt auch das strafbare Blockieren eines Torschusses mit der Hand oder dem Arm - zwingend eine Verwarnung nach sich ziehen. Für den Referee gibt es dabei keinen Spielraum.
  • Als Xaver Schlager in der Partie des VfL Wolfsburg gegen Borussia Mönchengladbach (2:1) nach 13 Minuten das Führungstor zum 1:0 für die Hausherren erzielte, befand sich sein Mitspieler João Victor in der Flugbahn des Balles und nahm dem Gladbacher Torwart Yann Sommer die freie Sicht. Der Wolfsburger war dabei knapp im Abseits, wenn die Bilder des Fernsehsenders Sky nicht täuschen. Eine solche Beeinträchtigung des Sichtfelds ist aus den Blickwinkeln des Schiedsrichters und seiner Assistenten auf dem Feld äußerst schwer zu erkennen, doch dem Video-Assistenten stehen bekanntlich mehrere Perspektiven zur Verfügung. Dass er hier dennoch nicht eingriff, lag offenbar daran, dass er beim obligatorischen Check nach der Torerzielung versäumt hatte, eine mögliche Abseitsstellung zu überprüfen. Das soll die DFL jedenfalls auf Nachfrage gegenüber Sky geäußert haben. Wenn es sich tatsächlich so zugetragen haben sollte, wäre das ein erstaunlicher und irritierender Fehler.
  • Ebenfalls bemerkenswert, allerdings in positiver Hinsicht, war die Spielleitung von Manuel Gräfe im rheinischen Nachbarschaftsduell zwischen dem 1. FC Köln und Bayer 04 Leverkusen (2:0). Der 46-Jährige brachte die stellenweise hitzige Begegnung gewohnt sicher und gelassen über die Bühne, dabei scheute er auch die Konsequenz nicht: Kai Havertz sah für eine Schwalbe im Kölner Strafraum die Gelbe Karte, Leon Bailey flog für seinen Griff ins Gesicht von Kingsley Ehizibue sogar vom Platz. Auch Gelb-Rot gegen Aleksandar Dragovic war berechtigt, nicht jedoch die erste Gelbe Karte gegen den Leverkusener. Beim Kölner Führungstreffer lag ganz knapp kein Abseits vor, was Gräfes Assistent bereits auf dem Feld richtig einschätzte, obwohl es extrem schwierig zu beurteilen war. Die Akzeptanz, die der erfahrene Unparteiische aus Berlin erfährt, ist immer wieder herausragend. Mit seiner kommunikativen und souveränen Art versteht es Gräfe exzellent, auch schwierige Charaktere ins Boot zu holen.

Quelle: ntv.de