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Elfmeter? Mark Uth bekommt ihn nach einem umstrittenen Foul von Hannovers Torhüter Philipp Tschauner zugesprochen.
Elfmeter? Mark Uth bekommt ihn nach einem umstrittenen Foul von Hannovers Torhüter Philipp Tschauner zugesprochen.(Foto: imago/Jan Huebner)
Montag, 05. November 2018

"Collinas Erben" am Limit: Uth lässt Video-Assistenten verzweifeln

Von Alex Feuerherdt

Auf Schalke testet ein Fußball-Bundesliga-Spieler die Grenzen des Video-Assistenten aus. Ein Düsseldorfer ist sich ebenfalls keiner Schuld bewusst und leidet unter den strengen Maßstäben, die bei der WM in Russland gesetzt wurden.

Mark Uth übte sich in jener Form von Fußballerdiplomatie, die immer dann zum Tragen kommt, wenn sich ein Spieler nicht selbst belasten, aber auch keine zu offensichtlichen Ausflüchte gebrauchen will. "Es ging sehr, sehr schnell", sagte der Stürmer des FC Schalke 04 nach dem Schlusspfiff der Partie gegen Hannover 96 (3:1) zu der Szene in der 56. Minute, in der er einen Strafstoß zugesprochen bekommen hatte. "Ich habe den Ball gespielt und eine Berührung gespürt. Bei dem Tempo reicht das dann." Außerdem gebe es schließlich den Video-Assistenten. Der könne "ja eingreifen, wenn es eine Schwalbe sein sollte". Das tat er aber nicht, der Elfmeterpfiff von Schiedsrichter Markus Schmidt blieb unbeanstandet. Nabil Bentaleb verwandelte vom Punkt aus zum 1:0 für die Hausherren.

In Echtzeit deutete viel auf ein Foulspiel hin: Uth hatte den Ball nach einem Abpraller des Hannoveraner Torwarts Philipp Tschauner an der Grundlinie als Erster erreicht und war dann, als der Keeper der Gäste im Fallen vergeblich mit den Händen nachgesetzt hatte, zu Boden gegangen. Die Zeitlupen zeigten jedoch, dass der Schalker von Tschauner nur leicht an Knie und Fuß berührt wurde. Dass das "bei dem Tempo reicht", wie Uth meinte, darf man zumindest bezweifeln. Aber war es auch ein klarer und offensichtlicher Fehler, der den Video-Assistenten auf den Plan hätte rufen müssen? Nein - jedenfalls dann nicht, wenn dessen Eingriffsschwelle grundsätzlich hoch liegen soll, der Unparteiische die Situation zudem aus günstiger Perspektive beobachtet hat und ein Kontakt schlechterdings nicht abzustreiten ist.

Beinstellen versus Treten

Wieder ist Mark Uth an einer kritischen Szene beteiligt.
Wieder ist Mark Uth an einer kritischen Szene beteiligt.(Foto: imago/Pakusch)

Andererseits hatte es in diesem Spiel zuvor einen ausgesprochen niedrigschwelligen Eingriff aus der Kölner Videozentrale gegeben. Wiederum war Mark Uth beteiligt, der nach einer halben Stunde im Zweikampf mit Josip Elez im Strafraum der Gäste zu Fall gekommen war. Der Hannoveraner Verteidiger hatte sein Bein just in dem Moment zum Ball bewegt, als Uth zum Schuss ausgeholt hatte. Dadurch traf der Schalker Angreifer am Ende den Fuß seines Gegenspielers, wodurch er selbst das Gleichgewicht verlor und zu Boden ging. Eine unübersichtliche, regeltechnisch komplizierte Situation, in der sowohl ein Beinstellen des Verteidigers - weil Elez die Kugel nicht spielte - als auch ein Treten des Stürmers als zu ahndendes Vergehen in Betracht kamen. Schiedsrichter Schmidt entschied sich zunächst für Ersteres und erkannte auf Strafstoß. Doch dann meldete sich sein Video-Assistent.

Es kam schließlich zu einem On-Field-Review, und als der Unparteiische aufs Feld zurückkehrte, nahm er die Elfmeterentscheidung zurück und gab stattdessen einen Freistoß für Hannover 96. Schmidt hatte beim Betrachten der Bilder also ein Stürmerfoul gesehen, was Uth als "Wahnsinn" kritisierte. Auch der Schalker Manager Christian Heidel ärgerte sich über die Korrektur: "Niemand wird behaupten, dass das" - gemeint war der Elfmeterpfiff - "eine glasklare Fehlentscheidung ist". Der zweite Strafstoß für die Gastgeber wirkte im Vergleich jedenfalls zweifelhafter. Dennoch war es richtig, dass der Video-Assistent nicht ein weiteres Mal die Eingriffsschwelle so weit senkte. Auch wenn ihn Heidels Kommentar - "Bei unserem Elfer hatten wir ein bisschen Glück, da hat es sich dann ausgeglichen" - nicht erfreut haben dürfte.

Zu Recht kein Elfmeter für die Bayern

Kaan Ayhan ist fassungslos.
Kaan Ayhan ist fassungslos.(Foto: imago/Jan Huebner)

Andernorts sorgte einmal mehr das leidige Thema Handspiel für Diskussionen. Bei der Partie des FC Bayern München gegen den SC Freiburg (1:1) sprang dem Freiburger Verteidiger Manuel Gulde in der 56. Minute der Ball im eigenen Strafraum nach einer verunglückten Aktion von Robert Lewandowski an den Arm, was Schiedsrichter Felix Zwayer jedoch verborgen geblieben war. Hier lag also kein klarer, offensichtlicher Fehler des Unparteiischen vor, sondern eine übersehene Aktion, die im Falle der Wahrnehmung durch den Schiedsrichter womöglich zu einem Strafstoß geführt hätte. Deshalb riet der Video-Assistent zu einem Review. Zwayer entschied sich nach dem Betrachten der Bilder jedoch nachvollziehbar dafür, Guldes Handspiel als unabsichtlich zu bewerten - zu überraschend war der Ball auf den Freiburger zugekommen, der seinen Arm zudem vollkommen natürlich gehalten hatte.

Anders verhielt es sich im Sonntagsspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und Fortuna Düsseldorf (3:0). Da nämlich zögerte Schiedsrichter Felix Brych nicht, auf den Elfmeterpunkt zu zeigen, als der Düsseldorfer Kaan Ayhan kurz nach der Pause den Ball nach einem Schuss von Alassane Plea im Strafraum der Gäste mit dem rechten Unterarm spielte. Ayhan sah außerdem die Gelbe Karte, was folgerichtig war. Denn wenn, wie in diesem Fall geschehen, ein Torschuss durch ein als strafbar eingestuftes Handspiel blockiert wird, ist eine Verwarnung zwingend vorgeschrieben, weil dieses Vergehen regeltechnisch als Verhinderung eines aussichtsreichen Angriffs gewertet wird.

Strengere Auslegung beim Handspiel seit der WM

"Für mich war es einfach kein Elfmeter", sagte gleichwohl Fortunas Trainer Friedhelm Funkel nach der Begegnung. Er fragte: "Wo sollen die Leute denn hin? Die blocken den Schuss doch nicht absichtlich mit der Hand." Auch Ayhan selbst war mit Brychs Entscheidung nicht einverstanden: "Ich versuche, den Ball abzublocken, und kriege den an den Ellenbogen. Ich habe mir die ganze Zeit selbst die Frage gestellt, wie ich hingehen soll." Tatsächlich drehte sich der Düsseldorfer ein Stück aus der Schussrichtung, allerdings mit angespanntem Arm, der vor den Körper gehalten wurde. Der Ball kam aus kurzer Distanz, jedoch nicht unerwartet auf ihn zu.

Die Weltmeisterschaft hat in puncto Handspiel noch einmal neue Maßstäbe gesetzt, die Auslegung ist zugunsten der angreifenden Mannschaft strenger geworden. Deshalb war Brychs Strafstoßentscheidung korrekt und somit auch kein Fall für eine Intervention des Video-Assistenten. Es sei "nun mal eine Vergrößerung der Körperfläche, wenn die Hand oder der Arm vom Körper weg geht", befand der Mönchengladbacher Sportdirektor Max Eberl zu Recht. "Wenn es eine klare Entscheidung gewesen wäre, wäre in Köln eingeschritten worden", merkte er darüber hinaus an. "Klar war es nicht, kompliziert war es trotzdem, aber nicht völlig unberechtigt." Man wird ihn womöglich daran erinnern müssen, sollte in einer ähnlichen Situation ein Strafstoß gegen sein Team gepfiffen werden.

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Quelle: n-tv.de