Collinas Erben

"Collinas Erben" loben Warum Sommer vom Strafrabatt profitierte

IMG_ALT

In Mönchengladbach erhalten die Torhüter beider Teams jeweils eine Gelbe Karte für Fouls außerhalb des Strafraums. Der eine wird dabei verwarnt, weil er einen guten Angriff zunichte gemacht hat, der andere, weil er erfolglos versucht hat, die "Notbremse" zu ziehen.

Dass ein Torwart vom Schiedsrichter mit einer Gelben oder einer Roten Karte bedacht wird, kommt recht selten vor. Dass gleich beide Schlussleute in einem Spiel eine persönliche Strafe erhalten, ist sogar eine besonders rare Ausnahme. Die letzte Partie, in der das geschah, lag bis zu diesem Spieltag fast 13 Jahre zurück: Im Februar 2008 war es, als der FC Bayern München als Spitzenreiter den Tabellenzweiten SV Werder Bremen empfing. Nach 29 Minuten wurde damals der Bremer Keeper Tim Wiese verwarnt, vier Minuten später traf es sein Münchner Pendant Oliver Kahn.

In der Begegnung zwischen Borussia Mönchengladbach und Werder Bremen (1:0) sahen nun erneut beide Torhüter schon in der ersten Hälfte die Gelbe Karte - und in beiden Fällen gab es darüber zumindest kurze Diskussionen. Zunächst traf es nach 22 Minuten den Bremer Schlussmann Jiří Pavlenka. Vorausgegangen war ein langer Ball der Gastgeber in die Spitze auf Jonas Hofmann, der sich ein Laufduell mit seinem Gegenspieler Miloš Veljković lieferte. Unterstützung bekam der Bremer von Pavlenka, der aus seinem Tor und sogar aus dem Strafraum eilte, um zu klären.

720c2d3f4b21d5ed9fe4285706d1e085.jpg

Im Glück.

(Foto: imago images/Beautiful Sports)

Seine Hände durfte er dazu natürlich nicht benutzen, deshalb versuchte er es mit dem Kopf. Doch Pavlenka verfehlte die Kugel knapp, genauso wie Hofmann, den er bei seinem Sprung mit der Schulter traf. Beide Spieler gingen zu Boden, Schiedsrichter Martin Petersen unterbrach die Partie mit einem Pfiff - und musste nun entscheiden, ob Pavlenka mit seinem Foul eine offensichtliche Torchance vereitelt, also die "Notbremse" gezogen hatte und deshalb mit einem Feldverweis zu bestrafen war. Der Unparteiische beschloss jedoch, es bei einer Verwarnung für den Torwart der Gäste zu belassen.

Damit lag er richtig. Denn zum einen hatte der Gladbacher noch keinerlei Kontrolle über den hohen Ball, es ist noch nicht einmal sicher, ob er ihn überhaupt erreicht hätte. Zum anderen befand sich Veljković in unmittelbarer Nähe und hatte damit eine realistische Eingriffschance. Deshalb lag hier keine offensichtliche Torchance vor; unterbunden wurde, regeltechnisch betrachtet, nur ein aussichtsreicher Angriff. Dafür sehen die Fußballregeln lediglich die Gelbe Karte vor, und Pavlenkas Foul war auch nicht übermäßig hart oder gar brutal, sodass auch aus diesem Grund kein Platzverweis in Betracht kam.

Nach Pavlenka wagt auch Sommer einen riskanten Ausflug

Eine Viertelstunde später wagte auch Pavlenkas Gegenüber Yann Sommer einen Ausflug aus seinem Sechzehnmeterraum, ebenfalls nach einem weit nach vorne geschlagenen Ball. Der Keeper der Gastgeber erwischte die Kugel mit dem Kopf, von wo sie ein Stück wegsprang. Der Bremer Joshua Sargent kam an den Ball und legte ihn am nachsetzenden Sommer vorbei, der den Angreifer der Norddeutschen am Fuß traf und ihn so zu Fall brachte. Doch Sargent rappelte sich sofort wieder auf, während der Ball zu seinem freistehenden Mitspieler Felix Agu gelangte, der von der Strafraumgrenze sofort abzog - schließlich befand sich auf der Torlinie nur der Gladbacher Matthias Ginter.

Alex Feuerherdt ...

... ist freier Publizist und Lektor und lebt in Köln. Er betreibt den Blog "Lizas Welt" und ist am Podcast "Collinas Erben" beteiligt, schreibt eine Schiedsrichterkolumne für n-tv.de und zudem für Zeitungen und Zeitschriften, vorwiegend zu den Themen Antisemitismus, Nahost und Fußball.

Doch Agus Schuss war zu unplatziert, weshalb Ginter den Ball mit dem Fuß neben das Tor lenken konnte. Nun verwarnte Referee Petersen auch Yann Sommer, und das war ebenfalls korrekt. Der Torhüter profitierte dabei von einer Art Strafrabatt, den das Regelwerk vorsieht, wenn der Schiedsrichter nach einem rein taktischen Foul die Vorteilsbestimmung anwendet. Sollte durch dieses Vergehen eigentlich ein aussichtsreicher Angriff unterbunden werden, dann entfällt durch den Vorteil die sonst vorgeschriebene Verwarnung, weil der "Taterfolg" nicht eingetreten ist. Und wurde der erfolglose Versuch unternommen, eine offensichtliche Torchance zu vereiteln, dann gibt es statt der Roten Karte nur die Gelbe.

Es wird also abgestuft: Durch die Vorteilsgewährung wird bei einer "Notbremse" Rot zu Gelb, und bei der unfairen Unterbindung eines erfolgversprechenden Angriffs wird Gelb zu nichts. Aber hatte Yann Sommer durch sein Foul tatsächlich eine offensichtliche Torchance zunichte zu machen versucht? Das kann man bejahen, denn Sargent hatte die Kontrolle über den Ball, und ohne das Vergehen 22 Meter vor dem Tor in zentraler Position hätte er eine sehr gute Abschlusschance gehabt. Schließlich war kein Gegenspieler in der Nähe, der hätte eingreifen können, und die beiden Verteidiger, die sich in diesem Moment acht Meter vor dem verwaisten Tor aufhielten, hätten ja nicht ihre Hände einsetzen dürfen, um den Ball aufzuhalten.

Wäre Rot für Sommer nicht der größere Vorteil gewesen?

Dennoch stellt sich die Frage, ob es sinnvoll war, auf Vorteil zu entscheiden: Hätten die Bremer nicht mehr davon gehabt, wenn der Unparteiische einen Freistoß gegeben und Sommer des Feldes verwiesen hätte, wodurch die Gäste ab der 37. Minute in Überzahl gewesen wären? Oder ist ein Torerfolg, der in dieser Situation gut möglich war und beim Stand von 0:0 den Führungstreffer bedeutet hätte, stärker zu gewichten? Eine solche Abwägung in Sekundenschnelle zu treffen, ist für den Schiedsrichter äußerst schwierig. Da die Bremer aber eindeutig gewillt waren, weiterzuspielen und die sich bietende sehr gute Torchance zu nutzen, ist es nachvollziehbar, dass Martin Petersen auf den Pfiff verzichtete.

Dass die Gäste ihre Möglichkeit am Ende vergaben, ändert daran nichts. Der Vorteil war unwiderruflich in dem Moment eingetreten, als Agu ungehindert an den Ball kam und ihn aufs Tor schoss. Danach war eine nachträgliche Ahndung des Fouls von Sommer mit einem Freistoß nicht mehr möglich. Und weil die Regeln eben in einem solchen Fall bei der persönlichen Strafe unterscheiden, ob eine "Notbremse" nur versucht oder auch vollendet wird, konnte es nur noch eine Verwarnung geben. Die Rote Karte wäre hier lediglich fällig gewesen, wenn Sommer ein grobes, also übermäßig hartes Foul begangen hätte. Doch davon konnte keine Rede sein.

Was sonst noch wichtig war:

  • Zweimal reklamierte der FC Augsburg im Spiel gegen den FC Bayern München (0:1) einen Handelfmeter, einmal bekam er ihn auch: Als Benjamin Pavard nach 75 Minuten im eigenen Strafraum mit dem linken Oberarm eine Bewegung zum Ball unternahm und die Kugel damit traf, blieb Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck gar nichts anderes übrig, als auf die Strafstoßmarke zu zeigen.
  • Ebenso richtig war es, das nicht zu tun, als Lucas Hernández den Ball in der 26. Minute an die Hand bekam. Denn wenn ein Spieler die Kugel "im Fallen mit der Hand/dem Arm [berührt], wobei sich seine Hand/sein Arm dabei zum Abfangen des Sturzes zwischen Körper und Boden befindet", wie es in der Regel 12 heißt, ist das Handspiel nicht strafbar. Genau das war in dieser Situation der Fall. Ebenso korrekt war Jöllenbecks Entscheidung, den Bayern nach 13 Minuten einen Elfmeter zuzusprechen. Denn Rani Khedira hatte Hernández klar am Fuß getroffen, nachdem dieser den Ball an ihm vorbeigespitzelt hatte.

Quelle: ntv.de