Sport
Schiedsrichter Tobias Stieler verzichtete bei Leon Goretzka auf einen Platzverweis wegen Tätlichkeit.
Schiedsrichter Tobias Stieler verzichtete bei Leon Goretzka auf einen Platzverweis wegen Tätlichkeit.(Foto: imago/Team 2)
Montag, 04. Dezember 2017

"Collinas Erben" beeindruckt: Wie Özcan Goretzka vor Rot bewahrte

Von Alex Feuerherdt

Auf Schalke wird eine Tätlichkeit nicht mit der Roten Karte geahndet, weil das Opfer so unbeeindruckt ist, dass der Schiedsrichter von einer Bagatelle ausgehen muss. In München überschreiten die Spieler die Toleranzgrenze des Unparteiischen.

In der Partie des FC Schalke 04 gegen den 1. FC Köln (2:2) am Samstagabend lief die 81. Minute, als sich jene Szene zutrug, über die nach dem Schlusspfiff am meisten gesprochen wurde. Dabei hatte sie während des Spiels auf den ersten Blick unspektakulär ausgesehen und auf dem Feld auch nicht für nennenswerte Diskussionen gesorgt. Leon Goretzka war vom Kölner Salih Özcan im Mittelfeld zunächst unsanft von den Beinen geholt worden, Schiedsrichter Tobias Stieler hatte deshalb auf Freistoß für die Gastgeber entschieden. Nun erhob sich der gefoulte Schalker, den Kopf nach vorne gebeugt, und stieß gegen die Brust von Özcan, der einen Schritt auf ihn zugegangen war.

Der Kölner aber blieb davon nahezu unbeeindruckt. Er gab Goretzka zwar noch ein paar Takte mit auf den Weg, doch das war nicht mehr als das handelsübliche Tête-à-Tête. Der Unparteiische ermahnte beide Spieler kurz, die Begegnung wurde rasch fortgesetzt, niemand beschäftigte sich weiter mit dem Vorgang, die Sache schien erledigt. Dann aber zeigte das Fernsehen die verlangsamten Wiederholungen. Und man fühlte sich an diesem 14. Spieltag der Fußball-Bundesliga unweigerlich an das Finale der Weltmeisterschaft 2006 zwischen Frankreich und Italien erinnert, als Zinedine Zidane seinen Gegenspieler Marco Materazzi mit einem Kopfstoß niedergestreckt und dafür die Rote Karte gesehen hatte.

Eine vergleichbare Tätlichkeit hatte sich auch Leon Goretzka geleistet, selbst wenn er das nach dem Spiel bestritt: Er habe, so sagte er, lediglich "impulsiv aufstehen" wollen, auch wenn er zugeben müsse, "dass es unglücklich aussieht". Absicht sei der Kopfstoß jedenfalls "mit Sicherheit" nicht gewesen, denn: "Ich heiße nicht Zinedine Zidane." Sein Trainer Domenico Tedesco sah das kritischer. "Das geht nicht, das weiß er selber auch", befand er. Warum aber kam der 22-Jährige um die Rote Karte herum? Die kurios anmutende Antwort ist: Weil sein Gegner so wenig auf die grobe Unsportlichkeit reagiert hatte, dass sie dem Unparteiischen wie eine Bagatelle vorgekommen sein muss.

Hat Stieler seiner Wahrnehmung misstraut?

Vermutlich hat Tobias Stieler den Kopfstoß zwar gesehen, seiner Wahrnehmung jedoch misstraut, als Özcan den Eindruck vermittelte, dass nichts Schlimmes geschehen war. Und deshalb beschlossen, den Konflikt gänzlich ohne Karte zu lösen, zumal auch kein anderer Spieler aufbegehrte. Dass sich auch der Video-Assistent nicht meldete, dürfte ebenfalls am fehlenden Anfangsverdacht gelegen haben. Die Fernsehbilder sind gleichwohl eindeutig: Ein Platzverweis war zwingend erforderlich. Dass es ihn nicht gab, lag an Salih Özcans erstaunlicher Reaktion.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Die Schiedsrichter sind es gewohnt, dass die Folgen eines unsportlichen Verhaltens vom Opfer übertrieben dargestellt werden. Ist ausnahmsweise einmal das Gegenteil der Fall, kommt der Täter vielleicht glimpflicher davon, als es angemessen wäre. Befriedigend ist das zweifellos nicht. Eine nachträgliche Sperre dürfte Goretzka trotzdem nicht zu befürchten haben. Denn sie wäre nur möglich, wenn der Referee die Szene nicht gesehen und somit auch nicht bewertet hätte. Doch seine Reaktion auf dem Platz, vor allem die Ermahnung sowohl gegenüber dem Schalker als auch gegenüber Özcan, lässt darauf schließen, dass Tobias Stieler alles im Blick hatte und sich bewusst gegen eine härtere Sanktion entschied. Damit aber läge eine unanfechtbare Tatsachenentscheidung vor.

Es war nicht die einzige knifflige Situation für den Unparteiischen. Nach 75 Minuten blockierte der Schalker Benjamin Stambouli aus kurzer Distanz einen Schuss von Sehrou Guirassy mit dem Arm, Stieler ließ weiterspielen, trat in der unmittelbar darauf folgenden Unterbrechung jedoch mit seinem Video-Assistenten in Kontakt. Nach einer kurzen Unterredung schaute sich der Referee die Szene schließlich selbst auf dem Monitor am Spielfeldrand an – und entschied auf Strafstoß für die Gäste. Für einen "Witz" hielt das der Schalker Coach, während Sportvorstand Christian Heidel sagte: "Ich habe von vielen Experten gelernt, dass Absicht gegeben sein muss." Die aber habe nicht vorgelegen.

Stambouli musste mit dem Abschluss rechnen

Heidel machte als Argument insbesondere den geringen Abstand geltend, der die Reaktionszeit in der Tat verkürzte. Bei der Beurteilung von Handspielen ist die Distanz für die Schiedsrichter jedoch schon seit einiger Zeit weniger wichtig als die Frage, ob ein Spieler mit dem Ball rechnen kann oder nicht. Das war hier der Fall, denn die Kugel war lange zu Guirassy unterwegs, dessen Torschuss sich abzeichnete. Stambouli warf sich mit dem vom Körper abgewinkelten rechten Arm in den Ball, die Armhaltung diente dabei nicht nur der Wahrung des Gleichgewichts und wirkte insoweit unnatürlich. Die nachträgliche Elfmeterentscheidung war deshalb korrekt.

Noch schwieriger zu beurteilen war der Zweikampf, den Stambouli und Yuya Osako in der Nachspielzeit im Strafraum der Hausherren führten. Der Schalker stellte sein linkes Bein heraus, der Kölner fiel – und der Schiedsrichter, der perfekt zum Geschehen stand und den Blick auf die Beine der beiden Spieler gerichtet hatte, entschied: Das war eine "Schwalbe" von Osako, der bereits verwarnt war und deshalb nun die Gelb-Rote Karte sah. Tatsächlich ließ sich kein Kontakt ausmachen, Osako war von sich aus abgesprungen. Andererseits ist dem Regelwerk zufolge bereits der Versuch des Beinstellens strafbar, und den Ball hatte Stambouli nicht gespielt. Womöglich wäre es deshalb salomonischer gewesen, einfach weiterspielen zu lassen.

In München gab es derweil einen gänzlich unstrittigen Strafstoß, den Bayern-Torhüter Sven Ulreich durch ein Foul am Hannoveraner Felix Klaus verursacht hatte. Ungewöhnlich war allerdings, was geschah, nachdem Niclas Füllkrug den Elfmeter verwandelt hatte: Schiedsrichter Guido Winkmann ließ ihn wiederholen. Denn gleich zehn Akteure hatten sich im Moment der Ausführung unerlaubt im Strafraum befunden, der bekanntlich erst nach dem Schuss von anderen Spielern als dem Schützen und dem Torwart betreten werden darf. Üblicherweise sind die Referees bei dieser Regelung nicht übermäßig kleinlich, hier jedoch wurde der Spielraum, den sie meist gewähren, eindeutig überstrapaziert.

Eine komplizierte Regel

Dabei gilt: Wenn Spieler deutlich zu früh in den Strafraum eindringen, wartet der Schiedsrichter stets ab, was der Elfmeter erbringt. In keinem Fall darf der Mannschaft, die es zu eilig hat, ein Vorteil entstehen. Deshalb sehen die Regeln Folgendes vor: Wird der Strafstoß verwandelt, obwohl sich Spieler des verteidigenden Teams vorzeitig in den Sechzehnmeterraum begeben haben, dann zählt das Tor natürlich. Laufen dagegen Mitspieler des Schützen zu früh vor, dann wird der Elfmeter wiederholt. Eine Wiederholung gibt es auch, wenn Abwehrspieler zu schnell im Strafraum sind und der Strafstoß nicht verwandelt wird. Befinden sich Angreifer zum Zeitpunkt des Schusses im Strafraum und der Elfmeter geht nicht ins Tor, dann wird auf indirekten Freistoß für die verteidigende Mannschaft entschieden. Und wenn beide Seiten zu ungeduldig sind wie in München, dann wird der Strafstoß unabhängig vom Ausgang immer wiederholt.

Guido Winkmann und seine Assistenten an den Seitenlinien und an den Monitoren in der Kölner Video-Zentrale lagen jedoch nicht nur in dieser Situation richtig. Auch die Annullierung des Treffers von Robert Lewandowski zum vermeintlichen 2:0 kurz vor dem Elfmeter für Hannover war korrekt. Denn der Münchner Angreifer hatte sich, was dem Schiedsrichterteam auf dem Feld verborgen geblieben war, mit der Fußspitze im Abseits befunden. Dass der Video-Assistent das erkannte, obwohl immer noch keine kalibrierten Abseitslinien zur Verfügung stehen, ist bemerkenswert. Gleiches gilt für seinen Kollegen, der bei der Partie zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart (1:0) im Einsatz war. Auch hier wurde beim Abseits eine Zentimeterentscheidung richtig getroffen, nämlich bei einem Treffer des Bremers Finn Bartels in der 52. Minute. Referee Bastian Dankert hatte das Tor zunächst gegeben, es nach einem Hinweis aus Köln jedoch zu Recht aberkannt.

Ohnehin hat das Fehlen der kalibrierten Linien bislang in keinem einzigen Fall zu einer falschen Entscheidung geführt, wenn eine Torerzielung auf ein mögliches Abseits geprüft wurde. Bei aller Kritik, die es an der Praxis des Videobeweises gibt, ist das allemal beachtlich.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen