Kösters Direktabnahme

Köster beklagt das verkorkste Jahr Draxlers unrühmlicher Abgang

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Frierend auf der Ersatzbank: Julian Draxler.

(Foto: imago/Hübner)

Fußball-Nationalspieler Julian Draxler will unbedingt weg vom VfL Wolfsburg und hat sein Ziel so gut wie erreicht. Denn einen lustlosen Kicker kann niemand gebrauchen. Ein ganz normaler Vorgang im Profigeschäft? Leider ja!

Es war eines der tragikomischen Bilder des Spieltags. Der hochtalentierte Nationalspieler Julian Draxler, in der Winterjacke auf der Wolfsburger Bank hockend und kurz vor Schluss unter gellenden Pfiffen gegen Hertha BSC eingewechselt werdend. Was für ein verkorkstes Jahr für einen Spieler im Zenit seines Schaffens, was für eine Verschwendung großen Talents.

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Chefredakteur und Herausgeber des Fußballmagazins "11 Freunde". In seiner Kolumne "Kösters Direktabnahme" greift er jeden Dienstag für n-tv.de ein aktuelles Thema aus der Welt des Fußballs auf. Zudem ist er seit der Saison 2016/17 Bundesligaexperte von n-tv.

Selbst schuld, findet die breite Fußballöffentlichkeit. Und da ist ja auch was dran. So ungeschickt und überheblich, wie Julian Draxler im Sommer seinen Weggang aus Wolfsburg betrieben hat, hat er selbst fleißig dazu beigetragen, dass er inzwischen als Prototyp des seelenlosen, geldfixierten, kühl kalkulierenden Jungprofis ohne Herz und Anstand gilt. Warum, so die berechtigte Frage, hatte Draxler eigentlich einen üppig dotierten Vier-Jahres-Vertrag unterschrieben, um dann bei der ersten Gelegenheit und ohne konkretes Angebot wie ein kleines Kind bockig mit dem Fuß aufzustampfen?

Dass zu solch einem zerrütteten Verhältnis zwischen Klub und Spieler immer zwei Seiten gehören, wurde in der hitzigen Diskussion gerne unterschlagen. Niemand weiß letztlich, was in den Vertragsgesprächen zwischen dem Klub und dem Spieler vereinbart wurde. Es steht Aussage gegen Aussage. Und es ist auch nicht komplett aus der Luft gegriffen, dass Draxler von den Funktionären mündlich zugesichert worden ist, im Falle eines lukrativen Angebots unbürokratisch wechseln zu können. Ein ähnliches Agreement dürfte es im Jahr zuvor ja auch mit Kevin de Bruyne gegeben haben.

Ungeschickter Vorstoß im Sommer

Insofern war Draxlers Vorstoß im Sommer zunächst einmal nur ungeschickt. Für einen nachhaltigen Imageschaden dürfte hingegen sein Verhalten in den Monaten danach gesorgt haben. Es gab ja nach der Weigerung der Klubführung, Draxler ziehen zu lassen, nur zwei Möglichkeiten: entweder den reuigen Sünder zu geben, Besserung zu geloben und sich durch besonderen Trainingsfleiß auszuzeichnen. Oder sich weiter in Verweigerungshaltung zu üben und durch ostentativ lustlose Präsenz auf dem Platz zu signalisieren: "Ich will unbedingt weg."

Draxler entschied sich für letzteres und kann sich sicher sein, dass seine Strategie kurzfristig aufgehen wird. Die Klubführung hat die Hoffnung längst aufgegeben, den Kicker von der Sinnhaftigkeit seines Vertrages zu überzeugen. Jetzt geht es nur noch darum, zum Jahreswechsel eine möglichst hohe Transfersumme für Draxler zu erzielen. Bis dahin wird Draxler mit finsterer Miene auf Ersatzbank oder Tribüne herumhocken, Däumchen drehen und hoffen, dass sich bald Interessenten melden. Damit er dann echt bald das Trikot seines neuen Klubs in die Kameras halten und verkünden kann, dass er sich sehr auf die neue Herausforderung freue. Sowas in der Art.

Langfristig wird sich Draxler jedoch irgendwann der Frage stellen müssen, warum er eigentlich Fußball spielt. Geht es allein darum, möglichst viel Geld zu verdienen? Bricht die Welt zusammen, wenn ein Spieler ein Jahr lang mal nicht in der Champions League spielt? Und muss man bei allem Ärger nicht den Ehrgeiz haben, in jedem Spiel sein Bestes zu geben?

Die Antworten, die sich Draxler auf all diese Fragen geben muss, könnten weh tun.

Quelle: ntv.de