Kösters Direktabnahme

Kösters dringender Rat an den HSV Hertha geht's nicht

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Mitchell Weiser und Vedad Ibisevic - zwei harte Hertha-Jungs.

(Foto: imago/Eibner)

Hertha BSC und der Hamburger SV – zwei Großstadtklubs mit ähnlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen. Aber die Hertha steht oben, der HSV taumelt im Tabellenkeller: Was machen die Berliner richtig und die Hamburger falsch?

Als Vedad Ibisevic, Torjäger des derzeit höchst erfolgreich kickenden Hauptstadtklubs Hertha BSC, am Samstag das Wort "Bayern-Jäger" hörte, verzog er nur leicht gelangweilt die Mundwinkel und wehrte dann das auf den ersten Blick durchaus schmeichelhafte Etikett ebenso freundlich wie bestimmt ab: "Das sind andere Mannschaften". Und so sehr man sich manchmal mutige, forsche Spieler wünscht, die auch mal kühne Ziele für ihre Mannschaft formulieren, so recht hatte Ibisevic in diesem Moment.

Philipp Köster

Philipp Köster

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Denn nichts ist die Hertha derzeit weniger als ein ernsthafter Konkurrent für den FC Bayern. Mehr noch: Die Berliner werden auch in den nächsten Jahren nie auch nur ansatzweise in die Lage kommen, den Münchnern beim Kampf um irgendeinen Titel auf Augenhöhe zu begegnen. Und das gilt im übrigen ebenso für Teams wie den 1.FC Köln, Borussia Mönchengladbach, Schalke 04 und sogar auch für Borussia Dortmund.

Trotzdem können sie bei der Hertha stolz sein, auf das, was sich in letzter Zeit in der Hauptstadt entwickelt hat. Nur zur Erinnerung: Noch vor drei Jahren waren die Berliner ein waschechter Fahrstuhlklub, der sich im Pendelverkehr zwischen erster und zweiter Liga eingerichtet hatte. Und wer Trainer bei der Hertha wurde, sah sich erst gar nicht nach einer festen Bleibe um, weil er eh damit rechnen konnte, nach einem Dreivierteljahr wieder grußlos vom Hof gejagt zu werden.

Bei Hertha steckt was hinter

Zur Person: Philipp Köster

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Chefredakteur und Herausgeber des Fußballmagazins "11 Freunde". In seiner Kolumne "Kösters Direktabnahme" greift er jeden Dienstag für n-tv.de ein aktuelles Thema aus der Welt des Fußballs auf. Zudem ist er seit der Saison 2016/17 Bundesligaexperte von n-tv.

Inzwischen aber arbeitet Pal Dardai in der dritten Saison bei Hertha und hat in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit Geschäftsführer Michael Preetz aus einem Abstiegskandidaten eine Spitzenmannschaft geformt, die nicht zufällig da oben steht, sondern als Resultat zielgerichteter und kontinuierlicher Aufbauarbeit. Es gibt ein klares taktisches und spielerisches Profil, nämlich mit Spielkultur zum Sieg zu kommen, dabei aber die kämpferische Note nicht zu vergessen. Und es gibt Funktionäre wie Preetz und Dardai, die entlang dieses Vorhabens einen Kader zusammengestellt haben, der diesen Anforderungen gerecht wird.

Was bei der Hertha passiert ist, müsste eigentlich den anderen deutschen Großstadtklub in den Wahnsinn treiben. Es zeigt nämlich, was bei einem klaren Konzept und dem Willen zur Kontinuität alles möglich ist – auch und gerade beim Hamburger SV. Denn streng genommen sind die Voraussetzungen beim HSV sogar noch besser als bei der Hertha. Ein reines Fußballstadion, ein treues und begeisterungsfähiges Publikum, eine glorreiche Vergangenheit, zahlungskräftige Sponsoren - und dennoch eine Mannschaft, die Jahr für Jahr der spöttischen Bemerkung Nahrung verschaft, dass der HSV es nicht einmal hinbekomme, abzusteigen.

Erstaunliche HSV-Fähigkeiten

Was der ruhmreiche HSV aus den gegebenen Möglichkeiten macht, ist seit Jahren einigermaßen unterirdisch. Sei es die erstaunliche Fähigkeit, für jeden Posten ausgerechnet den auszuwählen, der dem Klub aktuell am wenigsten weiterhilft. Seien es die verdeckten Machtkämpfe und Intrigen, die nur dadurch entstehen konnten, dass es beim HSV neben der offiziellen Hierarchie noch zahlreiche weitere Machtzentren von Sponsoren, Beratern und Wichtigtuern wie Rainer Calmund gibt. Und sei es die Abwesenheit eines übergreifenden sportlichen Konzepts, das nicht nur darin besteht, alle halbe Jahre den Trainer zu wechseln, um zu hoffen, dass der neuverpflichtete Übungsleiter dann mit Ach und Krach den Klassenerhalt schafft.

Sicher, Erfolg ist nicht immer planbar. Und auch bei der Hertha war in den letzten Jahren viel Glück dabei. Bisweilen kann man in den besten Absichten handeln, und trotzdem bleibt der sportliche Erfolg aus. Aber wenn der Hamburger SV etwas von der Berliner Hertha lernen kann, dann ist es die Einsicht, dass hektisches und kurzatmiges Handeln nie langfristigen Erfolg bringt. Und dass es ein Klima gegenseitigen Vertrauens braucht, um kluge und weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Erkenntnisse, die den Hamburger SV mittelfristig auch wieder nach oben bringen könnten, auf Augenhöhe mit Hertha BSC.

Quelle: n-tv.de

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