Kösters Direktabnahme

Köster lobt den Schiedsrichter Wir brauchen keine Regelroboter!

Hätte Schiedsrichter Wolfgang Stark Borussia Dortmunds Marcel Schmelzer nach seinen Rempler gegen ihn vom Platz stellen müssen? Nein, der Unparteiische hat bewiesen, wie man ein Bundesligaspiel richtig leitet.

Da hat Marcel Schmelzer aber Glück gehabt. Als seiner Borussia aus Dortmund in der Schlussphase des hektischen Spiels bei Eintracht Frankfurt ein Elfmeter verweigert wurde, hatte sich der Kapitän des Fußball-Bundesligisten nicht nur an einer spontanen Rudelbildung rund um Schiedsrichter Wolfgang Stark beteiligt, sondern den Referee obendrein auch noch leicht angerempelt. Dass es dafür keinen Platzverweis gab, erstaunte angesichts der sonst rigiden Regelauslegung, es war aber die richtige Entscheidung.

Zur Person: Philipp Köster

Philipp Köster, Jahrgang 1972, ist Chefredakteur und Herausgeber des Fußballmagazins "11 Freunde". In seiner Kolumne "Kösters Direktabnahme" greift er jeden Dienstag für n-tv.de ein aktuelles Thema aus der Welt des Fußballs auf. Zudem ist er seit der Saison 2016/17 Bundesligaexperte von n-tv.

  Denn die Entscheidung von Wolfgang Stark zeigt endlich einmal exemplarisch, dass es zwar eine Vielzahl von Regeln gibt, die das Spiel zivilisieren, dass es aber letztlich auf den Mann auf dem Platz und seine Spielführung und Regelauslegung ankommt. Denn bei jedem Spiel, ob in der Amateurklasse oder im Profibereich, entstehen unzählige Situationen, in denen eine Entscheidungsfindung schwierig ist. Foul oder Ball gespielt, Abseits oder Gleiche Höhe – das ist oft nur mit Superzeitlupen und grafischen Animationen zu klären, wenn überhaupt.

In der medialen Berichterstattung entsteht viel zu häufig der Eindruck, als gebe es für jede Situation eine Regel und eine klare Entscheidung. Bei Abseitsentscheidungen wird fix ein virtueller Strich gezogen und mit der Lupe nach einem herausragenden Bein oder Arm geschaut, fertig ist die Expertise: "Klares Abseits, Fehlentscheidung!" Auch bei Fouls wird zehnmal die Grätsche in Superzeitlupe gezeigt, obwohl die bildliche Verzögerung bekanntermaßen verfälscht und verzerrt.

Was es braucht, ist Autorität!

Nein, Fußball ist ein Spiel der Ermessensentscheidung. Und gerade weil das so ist, braucht es den Referee als oberste Instanz, aber nicht als Regelroboter auf dem Platz! Um Autorität bei den Spielern zu genießen, muss er nicht fehlerlos sein. Jeder Mensch, der klar denken kann, weiß, dass es unmöglich ist, bei Abseitspositionen immer richtig zu liegen. Aber die Spieler müssen wissen, dass der Referee kompetent, regelkundig und unparteiisch ist. Aus alledem entsteht Autorität.

Diese Autorität hat Wolfgang Stark am Wochenende bewiesen. In dem er nach der Rudelbildung ruhig und besonnen analysiert hat, was da eben passiert ist. Unsportlichkeit oder Tätlichkeit? Er entschied sich für ersteres und konzediert zugleich, es habe auch gute Gründe dafür gegeben, Schmelzer vom Platz zu schicken. Hat Experte Markus Merk nun unrecht, wenn er sarkastisch kommentiert: "...tut 80.000 Schiris auf den nationalen Dorfsportplätzen weh"? Nein, denn es wäre in der Tat fatal, würde sich nun jeder halbstarke Amateurkicker bemüßigt fühlen, nach vermeintlichen Fehlentscheidungen ebenfalls wüst herumzurempeln.

Aber die Gefahr besteht nur theoretisch. Denn auch in Zukunft wird der mit Platzverweis bestraft werden, der in seinem Ärger keine Grenzen kennt. Von Schiedsrichtern wie Wolfgang Stark, der am Wochenende gezeigt hat, wie ein moderner Referee pfeifen muss, nämlich regelfest und menschenkundig.

Quelle: n-tv.de

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