Redelings Nachspielzeit

Das Wunder von der Weser Als König Otto die Bundesliga verzauberte

imago0047489074h.jpg

Der Macher des Wunders von der Weser: Otto Rehhagel.

(Foto: imago images/Sportfoto Rudel)

Vor vierzig Jahren begann eine der beeindruckendsten Erfolgsgeschichten des deutschen Fußballs: Otto Rehhagel heuerte beim SV Werder Bremen an. Niemand ahnte damals, welch großartige Zeit sich daraus entwickeln sollte: Titel, Triumphe und ganz viele unglaubliche Geschichten.

"Hätte ich auf Journalisten gehört, wäre ich schon vor der Meisterschaft weg gewesen. Aber ich höre nur auf meine Frau und den Präsidenten Dr. Böhmert. Wie lange ich bleibe, bestimmen sie." Das sagte Werder-Coach Otto Rehhagel im März 1991. Genau zehn Jahre nachdem er in Bremen die Nachfolge von Kuno Klötzer auf dem Cheftrainer-Posten übernommen und den Klub nicht nur direkt aus der zweiten Liga nach oben, sondern auch zu drei Vizemeisterschaften, der Deutschen Meisterschaft 1988 und unvergesslichen Europapokal-Schlachten gegen Spartak Moskau und Dynamo Berlin geführt hatte. Weitere Titel und Triumphe wie der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger 1992 sollten noch folgen.

Das Wunder von der Weser dauerte insgesamt 14 Jahre lang an, bis Otto Rehhagel seinen Klub im Sommer 1995 Richtung Süden, zum FC Bayern München, verließ. Der gemeinsame Weg dieser Erfolgsgeschichte von Rehhagel und dem SV Werder Bremen ist mit vielen Titeln und noch mehr Geschichten und Anekdoten gepflastert. Dass das alles mal so kommen würde, hätte Anfang April 1981 niemand auch nur zu hoffen gewagt. Denn die Aussichten für diese Ehe waren damals alles andere als gut. Verein wie Trainer hatten die Jahre zuvor eher unstet mit wechselnden Partnern gelebt.

ANZEIGE
Werder-Album: Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten
9,99 €
Zum Angebot

Und Otto Rehhagel hatte in der Branche mittlerweile sogar den Ruf des "Feuerwehrmanns" verpasst bekommen, oder wie ihn der "Kicker" nannte: Der "Red Adair des Fußballs" - nach Paul Neal Adair, der zu der damaligen Zeit ein populärer US-amerikanischer Firefighter war, der insbesondere in Spezialeinsätzen Großbrände löschte. Doch die Brände in Bremen waren überraschend schnell gelöscht und schon recht bald begann das, was Otto Rehhagel nach dem ersten gemeinsamen Titel-Gewinn im Sommer 1988 als das "Werder-Märchen" bezeichnen sollte.

Erst unsteter Wandervogel, dann König Otto

In Bremen reifte der gebürtige Essener und gelernte Maler und Lackierer zu dem Trainer und Menschen heran, den die Leute heute noch kennen und schätzen. Aus Rehhagel, dem unsteten Wandervogel, wurde "König Otto von der Weser". Sein Thron stand fest und unverrückbar an der Seitenlinie im Stadion am Osterdeich - auch wenn der Werder-Trainer in Wirklichkeit eher auf einem Plastikstuhl Platz nahm, der bei entsprechenden Spielszenen gerne auch schon einmal durch die Gegend flog. Und so explosiv und unbeherrscht Rehhagel während der neunzig Minuten sein konnte, so lieb und zurückhaltend war er in Gegenwart seiner Frau Beate. Über sie sagte er damals: "Sie ist mein Freund, meine Geliebte, mein Stabilisator - einfach alles. Ich sieze sie schon mal aus Versehen, wenn wir mit Spielern zusammensitzen, die ich ja auch sieze."

ANZEIGE
Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs
19,90 €
Zum Angebot

Die große Kunst des Otto Rehhagel in diesen langen Jahren beim SV Werder Bremen war es stets, dass er es wie kein Zweiter zu dieser Zeit verstand, Mannschaften zu bilden und sie anschließend nach seinen Vorstellungen zu formen. Und dabei holte er immer wieder Spieler in die Hansestadt, die längst den Zenit ihrer Karriere überschritten zu haben schienen. Bestes Beispiel hierfür war der legendäre Manni Burgsmüller, über den Rehhagel einmal sagte: "Er ist einer der besten Fußballer nach dem Zweiten Weltkrieg." Als ihn der Werder-Trainer in einer Geheim-Mission ("Mit Bart und Schlapphut verkleidet bin ich damals nach Oberhausen gefahren") nach Bremen holte, war der ehemalige Nationalspieler bereits 35 Jahre alt. Als Burgsmüller schließlich mit 38 Lenzen 1988 Deutscher Meister werden durfte, hatte er mit seinen Toren maßgeblich zur Erringung des Titels beigetragen.

Doch Rehhagel erweckte nicht nur alte Granden wie Bruno Pezzey und Mirko Votava neu, er entdeckte auch noch unbekannte Spieler wie den späteren Weltmeister Karl-Heinz Riedle, den Neuseeländer Wynton "Kiwi" Rufer oder Rune Bratseth. Über den Norweger sagte Rehhagel: "Ein Glücksfall für 200.000 Mark. Ich habe ihn aus dem ewigen Eis befreit." Bratseth dankte es ihm mit überragenden Leistungen und einer emphatischen Nibelungentreue.

Extrawurst für verletzten Basler

Und dann war da noch diese spezielle Fähigkeit Rehhagels mit seinen Spielern auf eine außergewöhnliche Art und Weise umzugehen. Mario Basler beispielsweise genoss eine Sonderbehandlung zu Bremer Zeiten, wie sie kein anderer Werder-Akteur erfuhr. Weil er ein Loch in der Leiste hatte und eigentlich operiert werden musste, ordnete Rehhagel spontan für ihn an: "Sie trainieren ab sofort nur freitags. Samstags spielen sie. Den Rest der Woche haben sie frei." Praktischer Nebeneffekt dieser speziellen Extrawurst für Basler: Jeder im Team wusste ab sofort immer genau, wann Freitag ist - und das ohne in den Kalender schauen zu müssen.

Eine Marotte Rehhagels war allerdings bei den Spielern durchaus gefürchtet. Denn der Werder-Trainer sah es nicht nur gerne, wenn seine Profis verheiratet waren, nein, er forderte dies durch manch spitze Bemerkung regelrecht ein. So meinte Rehhagel einmal über seinen Libero Gunnar Sauer: "Ich mag den ja sehr. Aber der spielt manchmal so, wie er lebt. Der ist Junggeselle, und so leichtsinnig kickt der manches Mal dahinten rum." Ex-Werder-Profi Thorsten Legat hat einmal erzählt, dass er damals dem Druck Rehhagels nachgegeben und viel zu früh in seinem Leben geheiratet habe.

Mehr zum Thema

Aber der Werder-Trainer sammelte seine Spieler mit anderen Mitteln dann auch schnell wieder für sich ein. Seine Motivationskünste wurden geschätzt, wie sein früherer Akteur und spätere Manager Klaus Allofs einmal erzählte: "Der hat immer zu den Spielern gesagt: 'Jungs, wenn ihr Tabellenführer seid, gibt's nur eins: rauf aufs Sofa, Bier auf, Fernseher an, ARD-Videotext Tafel 253, die Tabelle angucken und den ganzen Abend anlassen - und dann nur noch genießen.'"

Nach 14 erfolgreichen, gemeinsamen Jahren ließen die Werder-Fans ihren Coach nur äußerst ungern nach München zu den Bayern ziehen. Voller Wehmut schrieben sie ihm zum Abschied einige traurige Verse: "Otto bleib in Deinem Revier / die Lederhose passt nicht zu Dir! / Wie konntest Du Dich nur verkaufen / und zu den Bayern überlaufen / in Bremen warst Du Dein eigener Herr / in München bist Du das nicht mehr." Wie wahr! Die Jahre des Otto Rehhagel in Bremen werden immer als ein lange währendes Wunder von der Weser in Erinnerung bleiben.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.