Redelings Nachspielzeit

Bayern mussten Bus schiebenAls die Bundesliga im Schnee-Chaos versank

10.01.2026, 08:40 Uhr Ben-RedelingsVon Ben Redelings
Bildnummer-00454607-Datum-11-02-1978-Copyright-imago-MKA-Torjubel-Lautern-u-a-mit-Klaus-Toppmoeller-re-quer-Jubel-jubeln-Umarmung-umarmen-einseifen-Boden-knien-Schnee-Schneespiel-Saison-1977-1978-1-FC-Kaiserslautern-MSV-Duisburg-6-1-Vneg-Vsw-Kaiserslautern-Betzenberg-Freude-Begeisterung-Fussball-1
Was nach Schnee-Akrobatik aussieht, ist tatsächlich ein Torjubel des 1. FC Kaiserslautern um den späteren Bundesliga-Trainer Klaus Toppmöller (rechts) im Februar 1978.

Deutschland versinkt im Schnee - und gleichzeitig startet die Bundesliga wieder nach der Winterpause. Heutzutage in den modernen Arenen ist das zumeist kein großes Problem mehr. Aber es gab Zeiten, da ruhte der Fußball gezwungenermaßen bis zu vier Wochen. Und wurde doch einmal gespielt, kam es zu kuriosen Szenen.

"Wir waren nach den letzten Pleiten so heiß, dass selbst der Schnee unter unseren Schuhen weggeschmolzen ist!" Uerdingens Herbert "Heppo" Zimmer konnte nach einem überzeugenden 3:0-Sieg in der Saison 1980/81 gegen Bayer Leverkusen nur über den harten Winter lachen. Und auch Saarbrückens Trainer Uwe Klimaschefski sah in der Spielzeit 1985/86 keinen Grund, ob der schwierigen Witterungsverhältnisse zu verzagen. Er meinte nach einem 2:2 gegen Eintracht Frankfurt schmunzelnd: "Ich habe meinen Spielern vorgeschlagen, barfuß und mit langen Zehennägeln zu spielen. So dürften sie den besten Halt auf dem Schneeboden haben."

Lachen konnte die Mannschaft der SG Wattenscheid 09 am 17. Spieltag der Saison 1990/91 allerdings eher weniger. Denn bereits am Freitag um 13 Uhr startete der Klub damals zu seinem Auswärtsabenteuer ins Frankenland. Doch aufgrund des dichten Schneetreibens kamen die Wattenscheider nicht weit. Die erste Endstation war Düsseldorf. Doch der Flughafen war komplett gesperrt. Nichts ging mehr. So fuhr das Team zurück nach Essen und übernachtete im Hotel - ehe dann um 5.30 Uhr am Spieltag die bereits leicht genervten Profis wieder geweckt wurden. Nach dem Frühstück stiegen die Wattenscheider um 7.03 Uhr in den IC "Franz Liszt" nach Nürnberg.

Sitzplatzkarten für alle hatte der Verein so kurzfristig allerdings nicht mehr organisieren können. Und so wechselte man sich auf den wenigen begehrten Plätzen kontinuierlich ab. Mit einer Verspätung von 110 Minuten kam man schließlich am Nürnberger Bahnhof an und wurde von einer Polizeieskorte ins Stadion geleitet. Ankunft: 14.41 Uhr. Wattenscheid bat sofort um eine Verschiebung der Anstoßzeit, doch da sich die Trainer Arie Haan und Hannes Bongartz nicht einigen konnten, entschied Schiri Dellwing auf einen pünktlichen Anpfiff um 15.30 Uhr. Und tatsächlich gingen die Wattenscheider sogar in der 13. Minute nach einem Tor von Souleyman Sané noch in Führung, doch dann brach das Unheil im dichten Schneetreiben über die Wattenscheider herein. 4:2 lautete schließlich das Endergebnis. Am Sonntagmorgen um 1.19 Uhr kamen die Spieler dann völlig übermüdet und enttäuscht zurück in Essen an.

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Dienst im Bundesliga-Stadion als Strafe

Spielausfälle waren in den Anfangstagen der Bundesliga in den dunklen Monaten des Jahres eher die Regel als die Ausnahme. Und das sorgte häufig für große Probleme. So auch im Winter 1969/70. Die Bundesliga war damals bereits ordentlich in Verzug, denn reihenweise mussten Partien abgesagt werden. Die Liga versank im Schneechaos. Und zudem war der Terminkalender eng. Im Sommer stand schließlich die Weltmeisterschaft in Mexiko an. Was sollte man also tun? Als die Verzweiflung am größten wurde, rettete wenigstens der Humor für einen Moment über die angespannte Lage hinweg. Schalkes Präsident Günter Siebert: "Wenn gar nichts mehr hilft, dann fahren alle Klubs nach Mexiko und holen dort die Spiele nach." Ein durchaus reizvoller Gedanke, fanden die anwesenden Journalisten beim Blick aus dem zugefrorenen Fenster hinaus auf die weiße Schneelandschaft im kalten Winter 1969/70.

In der Saison 1978/79 klagte die Bundesliga über einen neuen Rekord. Aufgrund des bitterkalten, schneereichen und lange währenden Winters fielen unglaubliche 46 Partien aus. Die Vereine mussten außerplanmäßig vier Wochen pausieren. Und dann galt bis zum 9. März die Regel: Es wird gespielt, wie und wann immer es ging. Fortan wurde verzweifelt versucht, die ausgefallenen Begegnungen nachzuholen. Fast ein Ding der Unmöglichkeit, wie man feststellen musste. Erst am vorletzten Spieltag gelang es, die Tabelle endlich wieder zu begradigen.

Die knackig-kalten Winter sorgten auch dafür, dass viel weniger Zuschauer zu den Partien kamen als heutzutage in die warmen Arenen. Beim 1:0-Sieg der Bayern gegen den VfL Bochum in der Saison 1981/82 verloren sich gerade mal 4000 Zuschauer im weiten Rund des Olympiastadions - und die Polizei natürlich. Doch die war alles andere als begeistert: "In Russland schicken sie einen zur Strafe nach Sibirien - und bei uns ins Stadion!"

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An diese Zeiten erinnerte sich übrigens Uli Hoeneß, als er auf der legendären Jahreshauptversammlung der Bayern im Jahr 2007 die Fans in der Südkurve für ihre Kritik an den VIPs attackierte: "Ohne die hätten wir nämlich keine Allianz-Arena. Da würden wir nämlich jetzt wieder im Schnee und Eis spielen, dann würden wir gegen Bolton Wanderers 12.000 Zuschauer haben."

Wasser gegen Schnee und eine Rutschbahn als Spielfeld

Oder nur 22.000 Zuschauer im weiten Rund - wie bei der Partie um den Weltpokal am 23. November 1976 zu Hause im Olympiastadion gegen den Copa-Libertadores-Sieger aus Brasilien, Cruzeiro Belo Horizonte. Die Tage zuvor war der Winter frühzeitig in München angekommen und hatte es tüchtig schneien lassen. Tatsächlich lag so viel Schnee herum, dass der Bus des FC Bayern auf der Fahrt zum Stadion einmal in der weißen Pracht feststeckte. Den Bayern-Profis um Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Gerd Müller und Co. blieb nichts anderes übrig, als auszusteigen und den Bus mit vereinten Kräften aus der kniffeligen Lage zu befreien.

Doch das Feststecken des Mannschaftsbusses war an diesem Tag nicht das einzige Hindernis, das die Bayern bei ihrem 2:0-Erfolg durch späte Tore von Müller und Kapellmann umschiffen mussten. Denn tatsächlich hatte sich die Stadionverwaltung etwas ganz Spezielles einfallen lassen, um den Platz vom Schnee zu befreien: Man spritzte die weiße Pracht mit Wasserfontänen weg! Wer immer auch auf diese verrückte Idee gekommen war - sie ging nach hinten los. Denn im Laufe des Abends zogen die Temperaturen kräftig an, das Wasser gefror zu Eis und die Spieler auf dem Platz schlitterten munter durch die Gegend. Ein würdiges Spiel auf Weltpokal-Niveau war so natürlich nicht möglich.

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Natürlich erzielte Gerd Müller das 1:0 für den FC Bayern im Weltpokal-Hinspiel 1976. (Foto: imago sportfotodienst)

Dass der Schnee für unsere Fußballprofis aber auch seine unterhaltsamen Seiten hat, zeigt das Beispiel Torsten Mattuschka. In seinem Buch "Kultkicker mit Herz und Plauze" steht die schöne Geschichte, wie "Tusche" im tief verschneiten Berlin eines Tages nach einem Waldlauf zurück zum Kabinencontainer kommt - und gleichzeitig das Auto eines Mannschaftskollegen und einen Schneeschieber entdeckt: "Sein Ziel ist es, das direkt am Kabinencontainer stehende Auto von Mitspieler Christian Stuff mit Schnee voll zu schippen. Mattuschka arbeitet akribisch. Sein Schneewalzer dauert über 20 Minuten. Er gibt sich richtig Mühe, dass danach weder die Räder noch die Seitenspiegel zu sehen sind."

Doch Mattuschkas Aktion scheitert am Ende dennoch. Zwar geht Tusches Plan zuerst auf - das Auto ist kaum mehr zu erkennen -, doch da er bei seiner Tat von Stuff beobachtet wird, bleibt dieser ganz gespannt. Hinterher meint er nur lächelnd: "Nach ein, zwei Minuten war mein Auto wieder frei. Der Aufwand von Tusche war viel größer."

Quelle: ntv.de

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