Redelings Nachspielzeit

Redelings über Liebe im Fußball Bambi im Land der geilen Böcke

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"Ich mag die einfach irgendwie gerne!"

(Foto: imago/Uwe Kraft)

Mein Bier, meine Automarke, mein Verein. Das war früher. Heute führen auch Fußballfans Vielehen. Völlig normal und modern? Oder doch eher Sodom und Gomera? Unser Kolumnist fühlt sich jedenfalls erschüttert in allem, an das er je geglaubt hat.

Ich habe in den vergangenen Tagen einige aufregende Gespräche geführt. Über eine der letzten großen Konstanten unseres Zusammenlebens - die Ehe. Das Manifest von Treue und ewiger Liebe. Zu meiner Überraschung habe ich mich anschließend wie Bambi im Land der geilen Böcke gefühlt. Und an Else Klings unvergesslichen Ausruf aus der "Lindenstraße" musste ich denken: "Sodom und Gomera". Kurz zusammengefasst: Die deutsche Ehe ist versexter, als ich das je zu denken mir erlaubt hätte!

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Von Treue kann gar keine Rede mehr sein. Offen wird sie geführt, die moderne Ehe. Wechselnde Sexualpartner im gegenseitigen Einverständnis. Nichts ist mehr übrig von den alten Sprüchen wie "Appetit holen ist erlaubt, aber gegessen wird zu Hause". Mittlerweile wird der Hunger gestillt, wenn er da ist. Egal, wo und wann. Fastfood und weitergehoppelt. Die einzigen Konstanten sind das gemeinsame Reich, dieselben Kinder und die immer gleichen Geschichten von früher. Was das alles mit Fußball zu tun hat? Genau die Frage hätte ich vor einiger Zeit auch nicht beantworten können. Doch nun muss ich seit einer geraumen Weile feststellen: Grausam viel! Oder um es mit Böhmermann zu sagen: "Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe."

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Verdammte Axt, was ist nur geschehen? Früher war die Lage für einen ehrbaren Mann sonnenklar: Mein Bier, meine Automarke, mein Verein! Da komme, was wolle. Man hatte genau EINEN Lieblingsklub. Ein Leben lang. In unserer Clique wusste wirklich jeder: Der Stefan ist Schalker, der Thomas Borusse, der arme Ben hat die Arschkarte gezogen und ist VfL und Ingo kann keiner leiden, denn der ist Bayern. So einfach war das. Fertig.

Und heute? In den Zeiten des modernen Fußballs? Da kommt der Stefan im St.-Pauli-Jogginganzug in die Kneipe und meint: "Ich mag die einfach irgendwie gerne!" Am Wochenende wolle er aber mal wieder zu seiner "heimlichen Liebe", Rot-Weiss Essen. Die Stimmung sei da im Stadion immer "so authentisch", anders als in der "sterilen Arena". Aber sicher, meint Stefan ganz empört, als ich ihn ungläubig anstarre, Schalker sei er natürlich immer noch. "Meine Nummer eins", sagt er wortwörtlich. Und schiebt die absolute Krönung noch hinterher: "Man muss doch am Ende des Tages wissen, wohin man gehört."

"Ich bin mit dem Fußball verheiratet"

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Den Stefan gibt es wirklich da draußen. Er heißt nur anders. Irgendwie ist aber meine Scham zu groß, um ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen. Es käme mir vor wie Denunzieren. Ihm wäre es wohl egal. Er steht ja zu seinen Zweit- und Drittvereinen. Polygamie, offene Beziehung zu mehreren Fußballklubs? Für Stefan ist das alles kein Problem. Wahrscheinlich würde er mir sogar sagen, dass alles andere "wider der Natur wäre". Und dennoch: Ich bin da von gestern. Spießig. Aber selbst wenn ich wollte: Ich könnte nicht anders. Ich habe genau diesen einen Verein. VfL Bochum. Ein Schattengewächs. Sonne siehst du da als Fan nur ganz selten. Aber ich kenne es nicht anders. Deshalb ist es mir wohl auch egal, wenn andere zwischendurch mit Pokalen durch die Gegend laufen. Wir haben uns angewöhnt, zu anderen Anlässen zu feiern. Vier Tage haben wir den Geburtstag unseres Stadions an der Castroper Straße gefeiert. Vier Tage! Und unser "Spiel des Jahrhunderts" ist eine Niederlage. Nach 4:0-Führung haben wir damals noch 5:6 zu Hause gegen die Bayern verloren. Klar, das ist eine besondere Partie gewesen. Aber es ist und bleibt eine Niederlage. Und das ist unser Spiel des Jahrhunderts!

Was ich damit sagen will: Ich habe beim Griff in die Lostrommel knapp an der Niete vorbei den Trostpreis erwischt. Das weiß ich auch. Aber es stört mich nicht. Das ist mein Verein! Ich habe noch nicht ein einziges Mal im Leben überlegt, wie es denn wohl so sein würde, wenn ich Anhänger eines anderes Klubs wäre. Noch NIE! Mittlerweile bin ich aber ins Grübeln gekommen. Erst die Sache mit den offenen Ehen, jetzt das Ding mit den polygamen Fußballbeziehungen. Was ist falsch mit mir? Warum kann ich keine Gefühle für andere Vereine entwickeln? Einmal mit den Bayern Deutscher Meister werden? Das wäre doch was! Doch da ist nichts. Der Gedanke dringt noch nicht einmal in Regionen vor, wo er irgendeine Regung auslösen könnte. Das gibt mir echt zu denken. Wenn das so weitergeht, werde ich mich wohl mal zum Arzt begeben müssen. Meinen Hornby habe ich schon weggeschmissen. Manchmal überlege ich, dass ich wohlmöglich zu alt für den modernen Fußball bin. Doch dann fällt mir wieder ein, dass Stefan und ich in einer Klasse waren. Und er geht offensichtlich ohne Probleme mit der Zeit. Bewundernswert. Vielleicht belasse ich aber auch alles so, wie es ist, in meinem kleinen, spießigen Leben und halte es einfach wie Bobby Robson. Der ehemalige englische Nationalspieler muss wohl schon früher gewusst haben, dass die Ehe und der runde Ledersport irgendwie unsichtbar verbandelt sind: "Ich bin mit dem Fußball verheiratet und gehe mit meiner Frau fremd."

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Quelle: ntv.de