Sport
Dienstag, 28. November 2017

Redelings über Leon Goretzka: Bleibt das Jahrhunderttalent auf Schalke?

Von Ben Redelings

Barcelona, Bayern, Manchester - Europas Topklubs buhlen um Leon Goretzka. Noch hat der Nationalspieler nicht gesagt, dass er Schalke verlässt. Wenn er tatsächlich bliebe, hätte das allerdings nur bedingt etwas mit dem sportlichen Erfolg des S04 zu tun.

Rund um die Castroper Straße erzählt man sich noch heute diese Anekdote aus seinen Anfangstagen als Profi im Kader des VfL Bochum: Damals spielte Leon Goretzka im Training zum wiederholten Male einen öffnenden Pass in die Gasse. Doch wieder einmal war keiner seiner Mitspieler gestartet, um in der Gasse den Ball aufzunehmen und zu verwerten. Als Goretzka nach einem erneuten "Fehlpass" enttäuscht gen Boden blickte, soll ihn sein damaliger Trainer in den Arm genommen und ihm aufmunternd zugeflüstert haben: "Leon, mach dir nichts draus. Die anderen verstehen das leider nicht!"

Der ehemalige Coach, Peter Neururer war es, nannte Goretzka ein "Jahrhunderttalent". Noch nie habe er "einen 18-Jährigen gesehen, der auch nur annähernd sein Potenzial besitzt". Man muss nicht stets mit Neururer einer Meinung sein, aber in dem Fall gab es in Bochum niemandem, der ihm widersprochen hätte. Und das nicht nur, weil der DFB Goretzka als besten U17-Nachwuchsfußballer des Jahres 2012 mit der goldenen Fritz-Walter-Medaille geehrt hatte. Und obwohl der Wechsel Goretzkas von Bochum zum FC Schalke 04 im Sommer 2013 nur mit viel Trubel und Tamtam über die Bühne ging, weil sich die Klubs lange uneins über eine Ausstiegsklausel waren, ist und bleibt Goretzka für den VfL ein Glücksfall. Das brachte der Zweitligist in der vergangenen Woche zum Ausdruck, als er sich bei Goretzka für die Aussage bedankte, er wolle "irgendwann dem VfL Bochum noch einmal etwas zurückgeben". In dem offenen Brief heißt es:

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

"Leon, wir kennen dich beim VfL ja nun schon seit ein paar Jahren. Und wir wissen, dass du nicht nur ein Spieler mit riesigem Talent, sondern auch ein Mensch mit großem Herz bist. Als du und deine Eltern vor der Entscheidung standet, ob du mit 18 Jahren einen Profivertrag in Bochum für die Zweite Liga unterschreiben solltest, hättest du da bereits mit Kusshand ein wenig später ablösefrei zu vielen internationalen Top-Vereinen wechseln können. Du hast es nicht gemacht. Stattdessen hast du einen mehrjährigen Vertrag beim VfL unterschrieben, weil du deinem Heimatverein etwas zurückgeben wolltest. Es gibt im Profifußball nicht so fürchterlich viele Menschen, die ganz bewusst auf Geld verzichten, um ihrem Jugendverein auf diesem Wege für die Ausbildung zu danken. In Bochum würden wir sagen: ehrliche Haut. Natürlich konnte es damals im Ruhrpott nicht jeder verstehen, wie ein Bochumer Junge dann ein Jahr später vom VfL Bochum ausgerechnet zu Schalke 04 wechseln konnte. Was viele damals allerdings nicht wissen konnten: Der VfL steckte zu dieser Zeit in einer seiner schwersten finanziellen Krisen. Und auch wenn die Worte für einen bescheidenen Menschen wie dich etwas groß wirken mögen: Du hast den VfL damals sozusagen im Alleingang finanziell gerettet. Und das werden wir an der Castroper Straße niemals vergessen. Wenn hier also irgendjemand mal irgendwann etwas zurückgeben muss, dann ist es nicht Leon Goretzka, sondern der VfL Bochum."

In Bochum ist er bereits unsterblich

Dass er auf Schalke einige Anlaufschwierigkeiten hatte und für einen Mann seiner Fähigkeiten ein wenig zu lange im zweiten Glied stand, hängt mit dem besonderen Schlag Mensch des Leon Goretzka zusammen. Sein bescheidendes und eher zurückhaltendes Auftreten in den Anfangsjahren als Profi hat viel mit seiner familiären Herkunft zu tun. Jahrelang wohnte die Familie extra für ihren talentierten Sohn in der Nähe des Ruhrstadions. Und der Vater, so erzählt man sich in Bochum, soll nach der Unterschrift seines Sohnes unter den Fünf-Jahres-Vertrag auf Schalke sogar gesagt haben, dass er auf eine gewisse Art bedauere, dass sein Sohn nun wisse, in so jungen Jahren bereits ausgesorgt zu haben. Eine unglaubliche Aussage - vor allem in Zeiten wie diesen, in denen das Geld den Fußball scheinbar im Alleingang regiert.

Genau diese positive familiäre Bande und Goretzkas Heimatverbundenheit dürfen Schalke noch Hoffnung auf einen Verbleib des gebürtigen Bochumers in Gelsenkirchen machen. Normalerweise wäre ein Talent dieser Kategorie nicht zu halten. Doch der besondere Charakter dieses außergewöhnlichen Menschen und Spielers ist die letzte (und wahrscheinlich gar nicht einmal so geringe) Chance des S04 im Kampf um ein Jahrhunderttalent. Unabhängig davon, dass er - anders als damals in seinen Anfangstagen beim VfL - endlich auch Mitspieler um sich hat, die seine häufig brillanten Ideen auch zu verwerten wissen.

Und ganz nebenbei: Eine Verlängerung seines Vertrags auf Schalke könnte auch noch einmal seinem Lieblingsverein, dem VfL Bochum, helfen. Denn bei jedem Wechsel, bei dem Geld fließt, verdient der Klub von der Castroper Straße mit. Aber egal, wie sich Leon Goretzka am Ende auch entscheidet: In Bochum ist er bereits unsterblich. Glück auf!

Das neue Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "55 Jahre Bundesliga – das Jubiläumsalbum" bei Amazon bestellen. Zudem ist Redelings mit seinen Comedy-Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour

Bilderserie

Quelle: n-tv.de