Redelings Nachspielzeit

Redelings über Thomas Tuchel Der BVB-Coach macht den Klopp

04.02.2017, Fussball GER, 1. Bundesliga Saison 2016 2017, 19. Spieltag, Borussia Dortmund - RB Leipzig, Jubel Trainer Thomas Tuchel (Borussia Dortmund)

04 02 2017 Football ger 1 Bundesliga Season 2016 2017 19 Matchday Borussia Dortmund RB Leipzig cheering team manager Thomas Tuchel Borussia Dortmund

Tuchel in Extase - viele Fußball-Fans wünschen sich mehr davon.

(Foto: imago/Team 2)

Ist das wirklich Thomas Tuchel da an der Seitenlinie? Gegen RB Leipzig rieben sich die Fans verwundert die Augen. Der BVB-Trainer außer Rand und Band. Schön anzusehen. Doch: War das ganze Spektakel womöglich geplant?

Man könnte ketzerisch sagen: Da hat sich Thomas Tuchel am Wochenende so viel Mühe gegeben, richtig emotional aus sich rauszugehen - und dann überschattet ein anderes Thema nicht nur den Erfolg seines BVB gegen RB Leipzig, sondern vor allem auch seinen gefühlvollen Ausbruch an der Seitenlinie. Aber das ist ihm selbst aller Wahrscheinlichkeit nach sogar ganz recht gewesen. Denn eigentlich wird ihm sein - im besten Sinne - Klopp'scher Auftritt am Rande des Dortmunder Grüns wohl am wenigsten geschmeckt haben. Obwohl er seine Sache wirklich sehr überzeugend und konsequent durchgezogen hat.

orangenerKreis.jpg

Wer in den letzten Wochen mit BVB-Fans gesprochen hat, hörte häufiger einen Satz, den anschließend der Ex-Profi Michael Schulz im Rahmen der "Sky 90"-Sendung vor einer Woche öffentlichkeitswirksam ausgesprochen hat: "Thomas Tuchel passt vom Typ her nicht zum BVB". Dass das eine Feststellung ist, die mehr mit dem Bauch als dem Verstand getroffen wird, können im Kern nur echte Fußballanhänger nachvollziehen. Der normale Betrachter des Bundesliga-Spektakels wird eher die Tabelle befragen und dann entscheiden, ob jemand zu einem Verein passt oder nicht. Aber auch der ehemalige BVB-Akteur Michael Rummenigge stieß in der TV-Sendung in dasselbe Horn vieler Dortmunder Fans: "Borussia Dortmund ist ein emotionaler Klub - da stehen 30.000 Menschen auf der Südtribüne. Wir kennen das von Jürgen Klopp, wie er an der Linie durchgedreht ist. Thomas Tuchel ist da anders."

Zuschauer wollen Emotionen

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Normalerweise schon. Doch am Samstag während der Partie gegen RB Leipzig war Thomas Tuchel tatsächlich anders - anders als sonst. Er selbst begründete sein extrem auffälliges Verhalten hinterher so: "Wenn Druck drauf ist, packt es mich auch. Da kannst du nicht die Hände in der Tasche lassen." Fragt sich nur, was für einen Druck der BVB-Coach damit meinte?

Wie Tuchel nach dem Tor auf den Rasen stürmte, anschließend mehrmals das Publikum anstachelte, hier und da sogar den verbalen und non-verbalen Austausch mit den Zuschauern suchte, seinen Spieler Passlack vor dessen Einwechslung grinsend knuffte und nach dem Abseitstor von RB beherzt einen Leipziger Betreuer mit einem "Blabla"-Zeichen in die Schranken verwies, das alles hatte man in Dortmund in dieser geballten Form lange nicht gesehen. Fast zwei Jahre nicht mehr - seit dem Abgang des immer noch geliebten Ex-Trainers Jürgen Klopp.

Michael Rummenigge hatte im Fernsehen noch gesagt, dass die Zuschauer genau "diese Emotionen sehen" wollen und Schulz hatte ergänzt, dass die eher wissenschaftliche, ruhige und zurückhaltende Art Tuchels in Dortmund nur schwer zu vermitteln sei. Man darf vermuten, dass der Matchplan-Coach Tuchel diese Worte und die gesamte Stimmungslage beim BVB in den vergangenen Wochen genau analysiert hat. Und klug wie er nun einmal ist, hat er dementsprechend darauf reagiert und am Samstag dem Publikum genau das gegeben, was es sich insgeheim so lange erhofft und gewünscht hat. Denn zu einem erfolgreichen Matchplan gehört es auch, dass Nebenkriegsschauplätze unter Kontrolle gebracht werden, bevor sie das ureigene Geschehen auf dem Rasen negativ beeinflussen. Und genau das hat Thomas Tuchel am Wochenende mit Bravour geschafft.

Mehr als der nüchterne Matchplan-Trainer

Für viele überraschend mag dabei allerdings sein, mit welcher Souveränität und Vollendung er über neunzig Minuten zu einem wahren Klopp-Double gereichte. Das hatte schon Klasse und lässt am Ende nur einen Schluss zu: Bisher war Thomas Tuchel der Überzeugung, dass dieses Verhalten für den sportlichen Erfolg nicht sinnvoll beziehungsweise zielführend war. Denn dass er diese Emotionen durchaus drauf hat und gezielt abrufen kann, hat er am Samstag mehr als eindrucksvoll bewiesen. Man darf im Interesse der BVB-Fans und auch im Interesse von Tuchel selbst hoffen, dass er in den kommenden Wochen noch häufiger diese Seite seiner Persönlichkeit zeigt.

Denn im Grunde ist Thomas Tuchel weit mehr als der nüchterne Matchplan-Trainer mit einer Vorliebe für rationierte Körner-Nahrung. Als das Magazin "11 Freunde" im Sommer bei einer Veranstaltung in Düsseldorf sowohl den BVB-Profi Julian Weigl als auch Thomas Tuchel auszeichnete, begeisterte der Ex-Coach des FSV Mainz 05 das Publikum mit seiner lockeren Art und seinem feinen Humor.

Da Weigl aufgrund des Supercups am nächsten Tag gegen den FC Bayern nicht anreisen durfte, befragte n-tv-Kolumnist Philipp Köster ihn per Video-Liveschalte. Das Interview endete mit der Frage, was denn die Ziele des BVB für die kommende Saison seien. Köster fügte schmunzelnd hinzu: "Wenn Sie, lieber Herr Weigl, das Wort 'Bayernjäger' denn unbedingt unterbringen wollen - herzlich gerne." Natürlich ließ sich der geschulte Medienprofi Weigl nicht aufs Glatteis führen und konterte mit einer Antwort aus dem "1x1 des Bundesliga-Leitfadens für chemisch weichgespülte Aussagen": "Wir müssen von Spiel zu Spiel denken und erst einmal nur auf uns selbst schauen ...".

Tuchel, der zum Zeitpunkt des Weigl-Interviews noch auf der Autobahn weilte, wurde später am Abend von Köster gefragt, was denn sein Schützling wohl auf die Frage nach den Zielen des BVB und auf das Stichwort "Bayernjäger" geantwortet habe. Tuchel überlegte einen Moment lang, grinste anschließend und meinte dann: "Ich würde mal vermuten, er hat so etwas gesagt wie: 'Wir müssen von Spiel zu Spiel denken, erst einmal nur auf uns selbst schauen ...'".

Als er nach dem Ende der Gala noch mit einem pickepacke vollen Teller mit Grillfleisch durch die Reihen der Partygäste lief, war eigentlich auch dem letzten Gast der Veranstaltung klar geworden: Der Mann kann auch ohne Handbremse durchs Leben fahren. Nur möchte er das ganz offensichtlich nicht immer. Und das muss man eben auch akzeptieren - wiewohl man als Fußballfan offen sagen kann: Der Tuchel vom Samstag hat schon richtig viel Spaß gemacht!

Das aktuelle Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Als die Axt den Toaster warf. Die schönsten Geschichten internationaler Fußballstars" bei Amazon bestellen. Mit seinem gleichnamigen Live-Programm ist er deutschlandweit unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.