Redelings Nachspielzeit

Rummenigges Werk beim FC Bayern Der biedere Gegenentwurf zu Uli Hoeneß

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Nach Hoeneß beendet auch Rummenigge seine Ära beim FC Bayern.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Karl-Heinz Rummenigge hört zum 30. Juni beim FC Bayern München auf. Nun beginnt eine neue Zeit beim Rekordmeister - und für den Mann, den sie als Spieler "Rotbäckchen" tauften. Sein steter Drang nach oben war imponierend und irritierend. Ein Blick zurück auf das pralle Fußballer-Leben.

"Jawohl, ich bin bieder, und ich bin sogar stolz darauf. Ich werde meinen Stil nicht ändern. Es war immer mein Ziel, korrekt aufzutreten und Polemiken zu vermeiden. Ich bin eben kein Skandaltyp." Das waren die Worte des damals 34-jährigen Karl-Heinz Rummenigge am Ende seiner sportlichen Karriere. Und es könnten auch die Abschiedssätze des mittlerweile 65-jährigen scheidenden Vorstandsvorsitzenden des FC Bayern München in ein paar Wochen sein, wenn er endgültig seinen Platz an der Säbener Straße räumt. Denn man kann Karl-Heinz Rummenigge nach seiner langen Zeit im Fußball sicherlich vieles vorwerfen, aber eines ganz sicher nicht: Er ist stets seiner Linie treu geblieben - auch wenn seine Art nicht immer bei allen gleich gut ankam.

In München jubelte die Presse Mitte der 70er-Jahre euphorisch über einen neuen Star am Stürmerhimmel: "Wenn man den Rummenigge mit seinem Gegenspieler in eine Telefonzelle sperrt, käme der eine Viertelstunde nicht an den Ball." Aufgrund seiner Gesichtsfärbung wurde er damals schnell "Rotbäckchen" getauft. Doch schon nach kurzer Zeit hatte der junge Mann aus dem westfälischen Lippstadt noch einen zweiten Spitznamen in München weg.

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Sein erster Übungsleiter beim FC Bayern, Udo Lattek, nannte ihn "Rummelfliege", weil das Talent bei einer 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV Latteks Meinung nach mit offenem Mund auf dem Platz gestanden und nur zugeschaut habe, wie sein Gegenspieler das Tor schoss. Dabei sei es ein Wunder gewesen, so der Bayern-Trainer, dass ihm keine Fliegen in den Mund geflogen seien. Das schüchterte den jungen Mann aus der Provinz zusätzlich ein, denn Rummenigge siezte hartnäckig seine Mitspieler.

"Du, Karl-Heinz, sag mal ..."

Bis eines Tages Gerd Müller genug hatte, auf den Tisch haute und die bayrische Nachwuchshoffnung anpflaumte: "Junge, hör endlich auf mit der Scheiße!" Karl-Heinz Rummenigge musste damals auch noch seinen Dienst an der Waffe absolvieren. Die Zeitungen spotteten: "Rotbäckchen im Oliv-Jäckchen". Keine einfache Zeit also für den Jungstar der Bundesliga, der doch eigentlich gerne einfach nur in Ruhe gelassen werden wollte. Doch den Gefallen taten ihm seine Kameraden nicht immer. In der Kantine riefen sie schon einmal: "Hey, Rummenigge, du Abseiler vom Dienst", oder: "Du, Millionär, stell mal an Humpen Bier her!" Rummenigges Reaktion: Er schwieg und ließ Freikarten verteilen.

In der Saison 1978/79 verzweifelte der junge Stürmer dann fast. "Du, Karl-Heinz, sag mal, warum kannst du denn kein Tor schießen?", fragte Ehefrau Martina ihn damals. Ja, warum eigentlich nicht? "Als auch noch Martina mit den fehlenden Toren anfing, da hatte ich genug. Ich sagte mir: Jetzt arbeitest du am Abschluss wie ein Berserker!" Eine für Rummenigge typische Reaktion. Sein Ehrgeiz und sein steter Drang nach oben zeichneten den Sohn eines Werkzeugmachers von Anfang an aus. Die "Süddeutsche Zeitung" charakterisierte den Europameister von 1980 einmal sehr treffend mit den Worten: "Er besitzt von alles nichts, aber von allem ungeheuer viel."

Die Karriereleiter sprintete Rummenigge Stück für Stück nach oben. Und so verlor die Bundesliga am Ende der Spielzeit 1983/84 einen ihrer ganz großen Stars. Karl-Heinz Rummenigge ging zu Inter Mailand. Lange Zeit hatte man in München gehofft, dass es sich der Bayern-Stürmer noch einmal anders überlegen würde, doch eine sehr hohe, zweistellige Millionensumme überzeugte schließlich auch die Bayern. Es war ein Rekordtransfer für viele Jahre.

Rhetorisch verbessert

Doch Rummenigge ging damals mit einem weinenden Auge aus München weg: "Das ist wie mit der ersten Liebe - die vergisst man auch sein ganzes Leben nicht!" Vielleicht deutete sich in diesen Worten schon seine spätere Rückkehr an. Aber erst einmal wurde er in Mailand von seinem neuen Trainer Ilario Castagner mit offenen Armen empfangen: "Es gäbe für mich nur einen denkbaren Fall, wo ich Rummenigge auf der Bank sitzen ließe: wenn er Grippe hätte!"

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Seine zurückhaltende Art zeigte Rummenigge in diesen Jahren vor allem abseits des grünen Rasens. Bei der EM 1984 in Frankreich schrieb die einheimische Zeitung "L'Équipe" damals: "Sein bestes Dribbling zeigte Rummenigge auf dem Weg von den Umkleidekabinen zum Bus. Wie er da Dutzende von Journalisten aussteigen ließ, indem er die ganze Breite des Flures nutzte und, ohne einen Ton gesagt zu haben, den Bus erreichte, das war gekonnt." Doch mit der Zeit lernte der Mann aus Lippstadt dazu. Er wusste genau, dass er für seine Karriere nach der Karriere medial wesentlich präsenter sein musste. Damals gab es Gerüchte, dass sich Rummenigge rhetorisch schulen ließ.

Das kann schon sein, denn spätestens als Co-Kommentator beim Fernsehen ließ er mit manch wortgewaltigem Satz aufhorchen. Als ZDF-Reporter Wolf-Dieter Poschmann eines Tages beiläufig meinte, "Und hier sehen wir Platini …", ergänzte Rummenigge neben ihm am Mikrofon pointiert: "Wir sehen vor allem, dass er dringend einen Friseur braucht!" Immer wieder fiel der ehemalige Nationalspieler später auch als Bayern-Verantwortlicher mit fantasievollen Sprachbildern auf - wie in diesem Fall, als der Niederländer Arjen Robben eine WM-Verletzung verschleppt hatte und Rummenigge den niederländischen Verband maßregelte: "Wenn ich ein Auto miete, muss ich das ja auch in ordentlichem Zustand zurückgeben - man hat uns, wenn ich das so sagen darf, Arjen Robben enteignet und dann demoliert wieder in die Garage gestellt."

Einer mit Herz, der andere eher rational

Zu den Bayern zurückgekehrt war Rummenigge, weil Präsident Fritz Scherer im turbulenten Jahr 1991, als es beim Rekordmeister plötzlich drunter und drüber ging, die Idee gehabt hatte, die ehemaligen Spieler Rummenigge und Beckenbauer als Vizepräsidenten in den Klub zurückzuholen. Dass das bei Rummenigge nicht völlig aus dem Nichts kam, zeigt ein Interview, das dieser im Jahr 1989 dem "Spiegel" gegeben hatte.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Damals schilderte Rummenigge auf eine erstaunliche Art und Weise seine ganz speziellen Visionen für die Zukunft des Fußballs: "Warum könnte man nicht ein Siemens-Zentrum oder ein Karstadt-Einkaufszentrum in ein Stadion mit einbauen? Es kann ein Einkaufszentrum mit großen Geschäften, Läden, Boutiquen und Kinos sein. Sie können die Familie mit einbeziehen: Die Frau, die überhaupt kein Interesse am Fußball hat, geht in der Zeit einkaufen, guckt sich Geschäfte an, macht, tut, was sie will. Das Kind, das auch kein Interesse hat, geht ins Kino. Und der Vater geht zum Fußball und trifft sich um 17.30 Uhr mit der Mutter wieder am Punkt x und fährt nach Hause. Und alle drei sind glücklich und zufrieden und haben einen wunderbaren Samstag ohne Streit."

Dass diese Zukunftsaussichten bei den Bayern und gerade auch beim stets geschäftstüchtigen Manager Uli Hoeneß gut ankamen, kann man sich denken. Doch niemand konnte zu diesem Zeitpunkt auch nur erahnen, dass sich daraus eine fast dreißigjährige, intensive berufliche Zusammenarbeit der beiden Alphatiere Rummenigge und Hoeneß ergeben sollte. Und doch passierte genau das. Denn wo Hoeneß häufig sein Herz sprechen ließ, versuchte Karl-Heinz Rummenigge seinem "biederen" Stil treu zu bleiben und rational und "korrekt" aufzutreten.

Dass das nicht selten etwas bemüht und angestrengt wirkte, soll nicht unerwähnt bleiben - etwas anderes allerdings auch nicht: Der FC Bayern würde heute nicht da stehen, wo er im Moment steht. Ob das auf allen Ebenen immer ein guter Zustand ist, mögen andere beurteilen. Aber eins ist klar: Karl-Heinz Rummenigge hat diesen Klub maßgeblich an der Seite von Uli Hoeneß geprägt. Jeder auf seine ganz spezielle Art.

Quelle: ntv.de

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