Redelings Nachspielzeit

EM-Countdown: Mister Bummbastic Der muskelbepackte "Sarg-Nagel" der DFB-Elf

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Mario Balotelli, Kurzzeit-Liebling der Tifosi.

(Foto: imago sportfotodienst)

Bis ins Halbfinale hatte es die deutsche Nationalmannschaft bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine geschafft - doch dann kamen die Italiener und "Super-Mario" Balotelli. Das Bild nach seinem zweiten Tor wird so schnell kein deutscher Fan vergessen.

Irgendwann hatte der Mann, der Deutschland bei der EURO 2012 im Halbfinale mit seinen zwei Treffern fast im Alleingang aus dem Turnier schoss, zwar einmal gesagt, dass es nicht nötig sei, seine Tore groß zu feiern, weil ein Postbote doch schließlich auch nicht jedes Mal ausraste, wenn er seine Briefe zustellt - aber das schien er in diesen denkwürdigen Momenten von Warschau glatt vergessen zu haben.

Nach seinem zweiten Treffer riss sich Mario Balotelli sein Trikot vom Leib und stellte sich in Bodybuilder-Pose auf. Dieser Augenblick, dieses Foto ist mittlerweile eine Legende. Am nächsten Morgen schrieb die Schweizer Zeitung "Blick": "Deutsche gedemütigt! Mister Bummbastic. Super-Mario Balotelli erlegt die Deutschen mit zwei Toren. Deutsche verlieren Spiel und Anstand."

"Bin intelligenter als die Norm"

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Tatsächlich waren die Gäule im Laufe des Abends mit den beiden ARD-Kommentatoren Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl etwas durchgegangen. Balotelli und Antonio Cassano hatten sie als "Pflegefälle" und "Straßenköter" bezeichnet. Sicherlich nicht ganz nett - allerdings gerade im Zusammenhang mit dem berüchtigten Mario Balotelli auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn auch bei der italienischen Nationalelf und in der italienischen Öffentlichkeit ist der extrovertierte Stürmer bis heute stets umstritten geblieben. Und das hat auch gute Gründe. Die Liste der Skandale und Ausfälle von Mario Balotelli würde locker eine Strecke von Mailand bis Manchester zurücklegen können.

"Ich bin intelligenter als die Norm, nur kann ich es nicht beweisen", hat der Italiener, der damals bei der Europameisterschaft 2012 erst 22 Jahre jung war, einmal gesagt - und zur Sicherheit hinzugefügt: "Ich bin nicht verrückt, ich mache nur manchmal seltsame Dinge." Das stimmt allerdings. Und davon auch nicht zu wenige. Sein früherer Trainer José Mourinho meinte einmal rückblickend: "Ich könnte ein 200-Seiten-Buch über meine zwei Jahre bei Inter mit Mario schreiben. Und keine einzige Seite wäre langweilig." Das glaubt man unbesehen.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem Buch mit den besten Kolumnen ("Zwischen Puff und Barcelona") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Um zu verstehen, wie Balotelli tickt, sei an dieser Stelle einmal eine seiner klassischen Storys aus der Vergangenheit erzählt. Eines Tages plagte den Italiener große Langeweile. Und da es seinem Bruder Enoch genauso ging, setzten sich die beiden in ein Auto und fuhren zum Frauengefängnis von Brescia. Dort parkten sie ihren Mercedes in einer Sperrzone und versuchten gemeinsam sich gewaltsam Zutritt zum Knast zu verschaffen. Als die Polizei die beiden nach kürzester Zeit stellte, meinten die beiden Brüder vollkommen ernst und ohne einen Hauch von Ironie auf die Frage, was sie denn da gerade getan hätten: "Wir waren einfach gespannt, wie es da drinnen wohl so aussieht!"

Gewaltige Empörung im Vorfeld

Nach dem siegreichen Halbfinale gegen die deutsche Nationalmannschaft schrieb die "La Repubblica": "Eine perfekte Partie, die magische Nacht des Super-Mario. Dieser Junge heißt Italien. Denn Italien, das steht jetzt auch für einen Schwarzen mit dem Akzent von Brescia." Auf Balotelli muss diese neue Liebe der italienischen Presse wie eine ungewohnte Naturgewalt gewirkt haben, denn nur ein paar Tage zuvor, hatten sich die Medien noch das Maul über ihn zerrissen. Allerdings war Balotelli auch daran mal wieder nicht ganz unschuldig gewesen.

Man muss wissen: Ein Trainingsweltmeister ist Balotelli noch nie gewesen. Vielleicht liegt dies auch an einer für Fußballer eher ungewöhnlichen und extrem störenden Krankheit: Mario Balotelli leidet unter einer Rasenallergie. Und als er sich nun bei der EURO 2012 für eine spezielle Übung ausgerechnet direkt aufs Gras begeben musste, setzte irgendetwas offensichtlich in seinem Kopf aus.

Denn anstatt sich wie die anderen italienischen Nationalspieler auf den Rücken zu legen, beobachtete er ganz entspannt in Bauchlage das schweißtreibende Training seiner Mannschaftskollegen. Die Bilder von dieser Einheit gingen um die Welt. Die Journalisten zerrissen sich ob so viel Dreistigkeit und Faulheit die Mäuler. Doch Balotelli ließ das äußerlich kalt. In einer Pressekonferenz kurz darauf wollte er von Müßiggang nichts wissen. Ganz im Gegenteil. Er arbeite genauso hart wie alle anderen auch, sagte er, denn schließlich wäre es ja so: "Ich habe den Arsch nicht in Nutella."

"Super Balotelli" war kurz der Liebling

Damit wollte er nur ausdrücken, dass er keine Sonderbehandlung für sich einfordere, doch das ging nach hinten los. Da aber kaum eine Sache auf dieser Welt so schnelllebig ist wie der Fußball, titelten dieselben Blätter, die ihn gerade noch verteufelt hatten, nach dem Halbfinalsieg wahre Lobeshymnen über ihren neuen Liebling: "Super Balotelli. Ein Stern ist aufgegangen. Ganz Italien feiert. Wir haben es geschafft!!! Deutschland schon wieder geschlagen. Jetzt kommt Spanien dran."

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Doch das klappte dann anschließend nicht so, wie von der italienischen Presse zuvor erhofft. Spanien war einfach zu stark - für Mario Balotelli und seine Italiener. Deutlich mit 4:0 schlug die "La Furia Roja" die Männer in ihren blauen Trikots. Und Spaniens Nationaltrainer, Vicente del Bosque, meinte nach der ersten Titelverteidigung der EM-Geschichte: "Wir haben das Finale gewonnen, weil wir unser Spiel bis zur Perfektion gespielt haben." Hinterher versprach er noch im Hinblick auf die WM 2014: "Wir sind noch gierig!"

Doch zwei Jahre später in Brasilien sollte ein anderes Team, das gerade erst durch "zwei Nägel von Wahnsinns-Mario" in den EM-"Sarg" gelegt worden war, noch etwas gieriger sein als die Spanier. Und Balotelli? Der ging gemeinsam mit seinen Italienern bereits in der Vorrunde der WM unter. Neue Geschichte wurde also nicht geschrieben. Doch das Foto von "Mister Bummbastic" nach seinem zweiten Tor im Halbfinale bei der EURO 2012 wird ewig bleiben.

Quelle: ntv.de

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