Redelings Nachspielzeit

Redelings über Uli Hoeneß Die Pippi Langstrumpf der Bundesliga

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Hallohallo? Uli Hoeneß im März 1993.

(Foto: imago sportfotodienst)

Uli Hoeneß wird niemand mehr ändern. Auch deshalb sollten wir uns nach über 40 Jahren nicht mehr über jedes einzelne Wort des Schlachtrosses der Fußball-Bundesliga aufregen. Seine Meinungen sind einfach zu wechselhaft.

Lang, lang ist es her - aber unvergessen. Rückblende: 16. Spieltag der Saison 1985/86 in der Fußball-Bundesliga. Der FC Bayern gewinnt zu Hause gegen Werder Bremen mit 3:1 und auf dem Platz wird geholzt wie schon lange nicht mehr. In der 16. Minute tritt Klaus Augenthaler den stürmenden Rudi Völler,, ohne die geringste Chance, an den Ball zu kommen, von den Beinen. Der bleibt verletzt liegen, wird ausgewechselt und fällt Monate aus. Augenthaler, der völlig zu Unrecht für seine Aktion nur Gelb bekommen hat, sagt hinterher emotionslos: "Ich sah nur etwas Grün-Weißes auf unseren Strafraum zukommen. Wenn es Absicht gewesen wäre, hätte ich ihn mit dem Stollen getroffen." Und sein Trainer Udo Lattek gibt indirekt gar Völler die Schuld an seiner Verletzung: "Der Rudi ist zu schnell!" Auch Uli Hoeneß reagiert wenig sensibel: "Wir müssen uns daran gewöhnen, dass Fußball ein Männersport und nichts für Klosterschüler ist."

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Anhänger des rassigen Männersports?

(Foto: imago/ActionPictures)

Über 30 Jahre später. Karim Bellarabi tritt Rafinha, ohne die geringste Chance, an den Ball zu kommen, von den Beinen. Bellarabi, der völlig zu Recht die Rote Karte gesehen hat, teilt hinterher via Instagram mit: "Ich möchte mich natürlich bei Rafinha für das unnötige Foul entschuldigen, es war keine Absicht von mir." Und Hoeneß, der Anhänger des rassigen Männersports, in dem Klosterschüler nichts zu suchen haben, tobt: "Das Foul von Bellarabi war natürlich geisteskrank. Das ist vorsätzliche Körperverletzung. So einer gehört drei Monate gesperrt - und zwar für Dummheit."

Harter Tobak, aber manche Dinge ändern sich nie. Dass Hoeneß nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip ("Ich mach' mir die Welt, widdewidde, wie sie mir gefällt") lebt und dabei gerne mal die Vorschlaghammer-Rhetorik auspackt, war schon immer so. Dettmar Cramer hat das kommunikative Wesen des gebürtigen Ulmers zu einem recht frühen Zeitpunkt seiner Karriere auf den Punkt gebracht. Die Worte des damaligen Trainers zeigen, dass für Hoeneß und seine Wahrnehmung der Welt schon immer einzig und allein eine Person maßgeblich war - er selbst: "Der Uli Hoeneß ist derjenige, der die meisten Entschuldigungen von allen Bayern-Spielern hat. Er ist erst 23 Jahre alt, aber darin schon ein Meister. Er hat den Spruch über seinem Bett hängen: Der liebe Gott erhalte mir meine guten Ausreden. Und die kann er alle logisch begründen - die Presse frisst das!"

Das allergrößte Chamäleon

Bei Ausreden ist es in den über 40 Jahren danach - wie wir alle nur zu gut wissen - nicht geblieben. Viel mehr sind es die wortgewaltigen Beiträge des Uli H. als solches, die immer wieder für Schlagzeilen sorgen. Doch langsam wird es langweilig. Denn: Natürlich könnte man sich jedes Mal aufs Neue aufregen und jedes einzelne Wort des langjährigen Bayern-Managers auf die Goldwaage legen, aber was bringt es? Schließlich erzählt Hoeneß mal dies, mal jenes - ganz wie es ihm gerade selbst am besten in den Kram passt.

Aus der neutralen Perspektive betrachtet, kann man komplett emotionslos festhalten: Beide Foulspiele - damals von Klaus Augenthaler und heute von Karim Bellarabi - waren brutal. Und natürlich haben beide absichtlich zugetreten. Doch man kann beiden abnehmen, dass sie ihre Gegenspieler - damals Völler, heute Rafinha - niemals absichtlich verletzen wollten.

Dass Hoeneß ist, wie er ist, wird niemand mehr ändern. Und das ist auch gut so. Denn auch wenn man ihn von Zeit zu Zeit verflucht, steht schon jetzt fest: Wir werden ihn vermissen, sollte er irgendwann einmal dem Fußball-Zirkus Adieu sagen. Bis dahin sollten wir alle allerdings einfach viel gelassener mit seinen verbalen Vulkanausbrüchen umgehen. Schließlich ist und bleibt Uli Hoeneß das größte Chamäleon der Liga.

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Quelle: n-tv.de

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