Redelings Nachspielzeit

HSV droht ein Drama ohne Ausweg Ein ehemaliger Weltverein zerstört sich selbst

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Olli Dittrich ist einer der leidensfähigen HSV-Fans. Auch er ist am Wochenende machtlos.

(Foto: imago/MIS)

Olli Dittrich und seine Figur "Dittsche" durchleben dieser Tage mit ihrem Klub, dem Hamburger SV, schwere Stunden. Auf der Ziellinie der Saison droht der ehemalige "Weltverein" die Rückkehr in die 1. Liga zu verspielen. Doch noch gibt es die Hoffnung auf ein Traumfinale!

Noch ist nichts entschieden. Noch hoffen die Fans des Hamburger SV auf die Relegation. Und dann sogar auf ein kleines "Traumfinale" als Abschluss dieser turbulenten Saison - gegen den SV Werder Bremen. Und um dem Irrsinn die Krone aufzusetzen: Wenn alles ganz wild läuft, würde es schließlich auch noch zum Triumph in allerletzter Sekunde kommen. Nachspielzeit. Tor für den HSV. Game over und Rückkehr in die 1. Liga - als ausgleichende Gerechtigkeit für so viel Leid und Schmerz in den vergangenen Monaten.

Nach dem wiederholten Sekundentod am Wochenende in Heidenheim ist der Hamburger SV allerdings auf fremde Hilfe angewiesen, um doch noch über den Umweg Relegation nach zwei Jahren Zweitklassigkeit in die Beletage des deutschen Fußballs zurückzukehren und um dort eine neue Episode als ehemaliger Bundesliga-Dino starten zu können. Doch das sind im Moment reine Wunschträume.

"Reiner Weltverein!"

Aktuell stellt sich nach den vier tragischen Partien gegen die SpVgg Greuther Fürth, den VfB Stuttgart, Holstein Kiel und den FC Heidenheim, in denen der HSV seit dem Restart der Liga kurz vor Schluss acht wichtige Punkte verschenkte, viel mehr eine einfache wie dramatische Frage: Lasten das beeindruckende Vermächtnis und die langjährige Erfolgsgeschichte dieses ruhmreichen Traditionsvereins zu schwer auf den Schultern der Spieler? Und zerstört sich dieser Klub mit seinen immer noch großen Ambitionen deshalb seit vielen Jahren stets immer wieder aufs Neue selbst? Wie ließ Olli Dittrich seine beliebte Figur "Dittsche" einst so schön sagen: "Der HSV ist ’nen Weltverein, ’nen reiner Weltverein!"

Natürlich verpasste Dittsche schon damals diesen Worten einen humoristischen Zungenschlag. Doch tief drinnen fühlen die allermeisten HSV-Fans noch genau so. Und wer soll es ihnen verdenken? Auch wenn die magischen Jahre unter den Trainerlegenden Branco Zebec und Ernst Happel schon lange zurückliegen, bestimmen sie doch noch immer das Bewusstsein der Verantwortlichen wie Anhänger dieses Klubs. In der Realität allerdings durchwandert der HSV – wie so viele ehemals erfolgreiche Traditionsvereine - seit mindestens fünfzehn Jahren einen immer dunkler werdenden Wald ohne Ausweg - und sieht dabei bis heute genau diesen Wald vor lauter Bäumen nicht.

Eine klassische Alltagsverklärung, deren Auswirkungen immer gefährlicher für das Fortbestehen des gesamten Klubs werden. Denn sollten die Hamburger tatsächlich am Sonntag den Relegationsplatz verpassen, dann muss man kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die nächste Saison zur finalen Schicksalsspielzeit werden wird. Schon jetzt muss man in der Hansestadt ganz genau rechnen, wie man eine erneute Saison in der 2. Liga überhaupt stemmen kann.

Doch nicht nur finanziell schlägt dann eine besondere Stunde. Auch sportlich ist High Noon angesagt für den HSV. Der ewige Erstligist muss aufpassen, nicht endgültig und längerfristig in den Niederungen des deutschen Profifußballs anzukommen. Schließlich würde der Weg zurück dann immer beschwerlicher - und die Marke HSV immer unattraktiver.

Zittern, hoffen und bangen

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Doch auch wenn nur wenige Fans und Verantwortliche dies im Augenblick so sehen mögen: Auch das erneute Nicht-Erreichen des gesteckten Ziels könnte eine Chance für den Klub sein, sich stückweise und beständig neu aufzustellen. Denn dass es nach so vielen Jahren des Niedergangs zu einem stärkeren Bruch mit dem ewigen "Weiter-so" kommen muss, ist Tabellenplatz unabhängig. Schließlich kann kein HSV-Sympathisant wollen, dass auch noch eine andere alte Gewissheit ins Wanken gerät, die der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Bernd Hoffmann einmal so formulierte: "Bevor der FC St. Pauli in Hamburg sportlich die Nr. 1 der Stadt wird, wird der gesamte Kiez zum Müttergenesungswerk!"

Und so werden sie beim HSV am Wochenende zittern, hoffen und bangen, dass sich der Klub noch mit Ach und Krach in die Relegation rettet. Doch auf Dauer wird der Verein erst wieder richtig auf die Beine kommen, wenn die Vergangenheit nicht mehr wie ein Felsklotz auf den Schultern der aktuellen Spielergeneration liegt. Wie das allerdings genau vonstattengehen soll, bleibt das große Rätsel des HSV. Aktuell scheint eine Lösung dieses Problems ferner denn je.

Quelle: ntv.de