Redelings Nachspielzeit

Redelings erinnert sich Fußball ist an diesem stillen Spieltag unwichtig

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Eine Niederlage. Dabei ist das Ergebnis unserem Kolumnisten an diesem Dienstagabend völlig egal.

(Foto: imago/Team 2)

Vor fast genau einem Jahr spielte der VfL Bochum auch an einem Dienstagabend gegen den MSV Duisburg. Doch das Ergebnis interessierte Kolumnist Ben Redelings an diesem Abend nicht - denn es war ein besonderer Tag für ihn.

Und nun sitze ich hier. Dienstagabend, Ruhrstadion. Der VfL Bochum und der MSV Duisburg spielen Fußball. Ich bin hier und doch ganz woanders. Ich schaue in den Himmel. Kleine Tropfen fallen herab. Das Spiel plätschert so vor sich hin. Es steht 0:2. Das Ergebnis passt zu diesem Tag. Aber es ist mir egal. Wichtig ist, dass ich hier bin. Es musste sein.

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Am Morgen war ich um vier Uhr aus Buchholz in der Nordheide losgefahren, zurück nach Bochum. Am Abend zuvor hatte ich mit Uli Borowka für einen meiner Legenden-Abende auf der Bühne gestanden. Die Nacht ist dementsprechend kurz gewesen. Im dichten Nebel war ich auf die Autobahn in die falsche Richtung aufgefahren. Nach Hamburg.

Ich musste Richtung Bremen. Doch ich war zu müde, um mich aufzuregen. Ich hatte mir stattdessen die Tränen aus den Augen gewischt, kurz in den noch dunklen Himmel geschaut und mit meinem Vater gesprochen. Als ich zu Hause ankam, fielen mir meine Kinder in die Arme. Sie freuten sich, dass ich zurück war. Ich half ihnen dabei, sich umzuziehen. Raus aus den Schlafanzügen, rein in die schwarze Hose und das weiße Hemd. Auch ich wechselte meine Klamotten. Die schwarze Krawatte hatte ich mir von einem Freund geliehen. Er hatte sie mir gebunden. Das hatte sonst immer mein Vater gemacht. Ich kann das immer noch nicht. Dann fuhren wir los. In die Kirche. An einem Dienstagmorgen im Januar.

Eine wortlose Umarmung

Als ich am Abend zur Pause ins Stadion kam, entdeckte mich ein Kollege. Er ist MSV-Fan und hatte schon das eine oder andere Bier getrunken. Wer wollte es ihm verdenken. Seine Mannschaft führte mit 2:0. Er brabbelte direkt drauflos und war total euphorisiert. Er schien meine Stille nicht zu bemerken. Dann kam mein Freund, der mir seine schwarze Krawatte geliehen hatte, umarmte mich wortlos und reichte mir ein Bier.

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Unser Kolumnist Ben Redelings, rechts, mit seinem Bruder und seinem Vater.

(Foto: Redelings)

Wir hatten uns bereits am Morgen in der Kirche gesehen. Nun schien der MSV-Kollege ob unserer Sprachlosigkeit doch ein wenig irritiert zu sein. Er schaute uns lange an, dann meinte er: "Alter, seid ihr echt so down, weil ihr zurückliegt?" Ich sagte ihm etwas. Noch einmal guckte er mich intensiv an. Dann verschwand er - ohne ein weiteres Wort zu sagen. Und ich stand da und wusste nicht, was ich denken sollte. Dann gingen wir hoch, auf unsere Plätze. Die zweite Halbzeit war längst angepfiffen worden.

Und nun sitze ich hier. Alles um mich herum nehme ich nur gedämpft wahr. Die letzten Wochen, die letzten Monate sind anstrengend gewesen. Ruhelos. Ich habe keinen einzigen Moment für mich selbst gehabt. Immer war da die Angst, im nächsten Augenblick könnte die endgültige Nachricht kommen. Und dann war es tatsächlich passiert. Und ich bin dabei gewesen. Nur zwei Stunden später mussten wir uns schon wieder um alles kümmern. In den Tagen danach arbeitete ich auch weiter. Stand auf der Bühne, schrieb Texte. Hielt die Normalität soweit es ging aufrecht. Funktionierte. Bis eben, als ich bei meiner Mutter zu Hause aufgestanden war. Und nun sitze ich hier, still, auf meinem Platz, an einem trüben Januarabend, im Ruhrstadion und lasse meine Gedanken kreisen. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Es steht immer noch 0:2. Am Morgen haben wir meinen Vater beerdigt. Das Ergebnis passt zu diesem Tag. Und dennoch bin ich froh, hier zu sein.

Quelle: n-tv.de

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