Redelings Nachspielzeit

Redelings über Schwachsinn Mit RB Leipzig ist es wie mit Trump

imago40293250h.jpg

Ansage: Fans des FC Bayern im Mai in Leipzig.

(Foto: imago images / ULMER Pressebildagentur)

Noch immer gibt es Proteste gegen RB Leipzig. Doch ohne Zweifel werden die Widerstände nicht nur gegen das sächsische Konstrukt insgesamt leiser. Der tägliche, globale Fußball-Wahnsinn hat die allermeisten Fans mürbe gemacht. Die Zeit der großen Erregung scheint vorbei.

"Früher, hör auf mit früher, ich will es nicht mehr hören, denn damals war es auch nicht anders, mich kann das alles nicht stören." Wenn Texte mit alten, gut abgehangenen Songs der Toten Hosen beginnen, sollte man schnellstmöglich Reißaus nehmen. Doch in diesem Fall ist es nur die passende Hintergrundmusik zu einem Gespräch, das nicht sehr lange gedauert hat. Ich bin echt müde. Müde geworden, müsste es genauer heißen.

Als am Wochenende der Vater eines Freundes auf einem Fest mit mir über RB Leipzig reden wollte, hatte ich keine Lust dazu. Das war früher anders. Doch ich merke, wie die letzten Jahre das Fass der Erregung ausgetrocknet haben. Ich habe mich schon häufiger gefragt, was eine Diskussion über das Thema denn überhaupt noch für einen Sinn ergibt. Es ist kein schöner Vergleich, aber es ist genau wie bei Donald Trump. Der tägliche, globale Fußball-Schwachsinn macht einen irgendwann mürbe. Es gibt kaum noch emotionale Ausschläge nach oben. Der schiere Wahnsinn ist mittlerweile eingepreist.

imago41757159h.jpg

Wimmelbild.

(Foto: imago images / opokupix)

Neymars 222 Millionen haben das Gummiband am Hosenbund komplett ausgeleiert. Früher konnte man gar nicht so viel essen, wie man kotzen musste. Inzwischen frisst man die Meldungen, Summen und Gemeinheiten nur noch still in sich hinein. Der Widerstand ist gebrochen. Wenn der Wahnsinn normal wird, dann ist er Alltag. Geforderte knapp 100.000 Euro netto pro Tag für die aktuell größte Diva im Showbusiness namens Neymar - wen stört es? 700 Millionen insgesamt für neue Bundesliga-Spieler - na, und? Ein Brausehersteller, der einen eingetragenen Verein mit 17 stimmberechtigten Mitgliedern einzig und allein aus Marketing-Gründen aus dem Boden stampft - was soll daran schon verwerflich sein? Womit wir wieder beim Ausgangsthema sind.

"Die sind doch genau wie alle anderen!"

Der Vater meines Freundes hatte genau mit der richtigen Frage begonnen: "Warum sollte man gegen die sein? Die sind doch genau wie alle anderen!" Was soll man da ernsthaft antworten, wenn man sich nicht selbst in die eigene Tasche lügen will? In Mönchengladbach haben sich Fans am Wochenende die Lunge aus dem Hals gepfiffen, als Rasenballsport zu Gast war. Und sie hielten ein Banner hoch, auf dem stand: "Keine Akzeptanz für RB". Es ist dennoch schön, dass sie ihren neuen Trainer, Marco Rose, so herzlich in ihrer Mitte aufgenommen haben. Der kam ja aus der Leipziger Zweigstelle von RB, aus Salzburg. Sie hätten ihn ja schließlich auch steinigen können - so wie sie es auf zwei Bannern formulierten, die sie vor zwei Jahren entrollten: "Wir verurteilen jeden Stein ... der euch Kunden nicht getroffen hat."

Es ist auch diese Art der Proteste, die einen müde werden ließen und die jedes sachlich-vernünftige Argument mundtot gemacht haben. Genau wie die Millionen im Fußball ist diese Art des Miteinanders schlicht verwerflich und mindestens genauso schädlich. Und den jüngeren Fußballfans sei gesagt: Ja, früher ging es beim Fußball mitunter sogar rauer zu, auch verbal, aber auch damals schon sind Fans gegen groben Unfug in den Kurven aufgestanden. Und solche Banner sind, vorsichtig ausgedrückt, grober Unfug und haben nirgendwo in unserer Gesellschaft einen Platz. Denn sie sind brandgefährlich. Und ganz nebenbei bewirken sie komplett das Gegenteil, von dem, was sie eigentlich sollen. Für die PR-Abteilung von RB sind diese Banner reine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Der Fokus hat sich ohnehin selbst bei vielen ehemals kritischen fußballbegeisterten Menschen in den letzten Monaten um 180 Grad gedreht, wenn es um RB Leipzig geht. So auch beim Vater meines Freundes. Und der Grund, weswegen das so ist, ist zumeist sehr schön anzusehen. Denn dem Fußball, den sie spielen lassen, kann man sich nur ganz schwer entziehen. Das war schon immer so, doch spätestens mit dem Jungtrainer Julian Nagelsmann und seinem Team an vorderster Front hat sich die Wahrnehmung des Leipziger Retortenklubs noch einmal deutlich verschoben. Wen interessiert da heute noch die abenteuerliche und umstrittene Gründungsgeschichte des Klubs von vor zehn Jahren? Wer stößt sich da noch daran, dass dieses Konstrukt einzig und allein dafür aus dem Nichts in die Welt gefördert wurde, weil irgendein Milliardär eine öffentlichkeitsstarke Plattform für seine Werbung gesucht hat?

"Die anderen sind doch auch nicht besser", sagte der Bekannte. Und im Kern hat er mit diesem schlichten Satz in einer Welt der Scheichs und Oligarchen wohl sogar Recht. Die letzte Phase der Gewöhnung an den "modernen Fußball" ist fast abgeschlossen. Die einstige Hoffnung auf das "Platzen der Blase" ist begraben. Die allermeisten Fußballfans haben sich eingerichtet in dieser neuen Welt, denn sie mussten einsehen, dass sich das berühmte "Rad nicht mehr zurückdrehen lässt". Was bleibt, ist eine vage Vermutung, dass "früher alles besser war". Auch wenn die Band im Hintergrund an diesem Abend auf dem Fest zu einem anderen Schluss kommt.

Das aktuelle Buch unseres Kolumnisten Ben Redelings: "Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs" bei Amazon bestellen. Live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema