Redelings Nachspielzeit

Bayern-Ärger, Hopp, Klinsmann Monate voller Beinahe- und Voll-Katastrophen

imago0101139907h.jpg

Langeweile? Nicht in dieser Saison.

(Foto: imago images/MiS)

Die 57. Bundesliga-Saison war langweilig? Dann muss man wohl die Geschichten rund um Jürgen Klinsmann, Dietmar Hopp und Erling Haaland vergessen haben. Und den hochemotionalen Brandbrief, den eine enttäuschte Bayern-Anhängerin noch im Dezember schrieb!

Heute Abend kann der FC Bayern beim SV Werder Bremen den achten Meistertitel in Folge klarmachen. Keine Frage, das ist nicht gerade prickelnd, wenn ein Klub achtmal nacheinander die begehrte Schale in seinen Trophäenschrank stellt. Und auf den ersten Blick hört sich das tatsächlich nach gepflegter Langeweile an, die die Bundesliga da in dieser Saison produziert hat. Doch das ist kompletter Kokolores! Kaum eine Spielzeit seit dem Ligastart im Jahr 1963 war so pickepackevoll – wie der geschätzte Kollege Arnd Zeigler sagen würde – an denkwürdigen Momenten wie diese 57. Saison der Fußball-Bundesliga. Und auch, dass der FC Bayern nun vorzeitig deutscher Meister werden kann, war noch im Dezember des letzten Jahres alles andere als klar. Ganz im Gegenteil.

Nach der Niederlage der Bayern am zweiten Advent bei Borussia Mönchengladbach brannte nicht nur bei Joshua Kimmich ("Ich könnte durchdrehen") der Kranz, auch bei den FCB-Fans hing der vorweihnachtliche Segen schief – um es vorsichtig auszudrücken. Der Brandbrief der Journalistin und Hardcore-Bayern-Anhängerin Lisa de Ruiter verbreitete sich damals wie ein Lauffeuer unter den Fans der Münchener: "Ich nehme meinen Verein, wie es nun mal so ist, fast immer in Schutz. Das ist jetzt vorbei. Zumindest für diese Saison. Denn das, was meine Mannschaft seit Saisonbeginn großflächig abliefert, ist nur noch frustrierend. SO hat Bayern in dieser Saison KEINEN Titel verdient!"

ANZEIGE
Das neue Buch der Fußballsprüche
19,90 €

Die damalige Situation und Ausgangslage ließ die Anhänger des FCB und ganz besonders Ruiter verzweifeln: "Als 'verwöhnter' Bayernfan muss ich erst einmal lernen, wie es ist, nun auf Platz 7 zu stehen. Um Europa zu bangen, statt den Titel einzuplanen. Und warum? Weil sechs Mannschaften gerade einfach effektiver, besser, spritziger, WILLIGER sind! SO hat man Titel verdient." Was für Worte! "Platz 7" als Ausdruck allen Unheils. Damals war tatsächlich alles möglich. Doch die Bayern wären nicht die Bayern, wenn sie nicht seit diesem Tage alle Spiele, bis auf ein einziges Unentschieden, gewonnen hätten.

Ein Pianist und ein Elektriker in Dortmund

Wenn man sich an diese Saison zurückerinnern wird, dann wird der Name Jürgen Klinsmann immer wieder genannt werden. Als der gebürtige Schwabe Anfang Februar nach genau 76 Tagen und 76 Millionen, die er auf dem Transfermarkt verpulvert hatte, als Hertha-Trainer hinschmiss, war sein spektakuläres Überfallkommando in der Hauptstadt schon wieder beendet. Als dann auch noch Auszüge aus seinem herrlich offenherzigen Tagebuch durch den Blätterwald rauschten, dachte so mancher ältere Hertha-Sympathisant sicherlich an Franz Beckenbauer und sein unvergessliches Zitat aus dem WM-Spiel 1990 gegen die Tschechoslowakei zurück: "Spielt’s den blinden Klinsmann nicht an, der ist heute gegen uns."

Wie sich der Weltmeister nach der turbulenten Zeit in Berlin wohl selbst gefühlt haben mag, hat er in einem Videostatement unmittelbar nach seinem Ausscheiden nur angedeutet. Doch auch hier hilft ein Zitat aus der Vergangenheit, um Klinsmanns eigenartige Wege in seinem Fußballer-Leben besser zu verstehen: "Ich weiß im Spiel nie, was ich gleich mache. Ich bin auch für mich selbst völlig unberechenbar. Manchmal staune ich sogar über das, was ich so alles auf dem Platz mache – aber erst, wenn Ichs hinterher im Fernsehen sehe!" So wird es auch dieses Mal gewesen sein.

Die Spielzeit des BVB aus Dortmund kann man wohl am besten in dem Gegensatz-Pärchen Lucien Favre und Erling Braut Haaland beschreiben. Pianist und Starkstrom-Elektriker. Als der Norweger Haaland im Januar ins Ruhrgebiet kam, schien es für einen Moment so, dass er dem Schweizer Favre das nötige Feuer unterm Arsch machen könnte. BVB-Keeper Roman Bürki scherzte freudig nach dem zweiten Spiel des 19-jährigen Jungstars: "Es ist sehr schade, dass er schon nachlässt. Drei Tore, zwei Tore. Ich hoffe nicht, dass es im nächsten Spiel nur eins ist." Die Hoffnung wurde nicht enttäuscht. In der nächsten Partie waren es wieder derer zwei.

Kurz vor dem Spielabbruch

Doch so schnell Haalands Torquote in der Folge normalere Züge annahm, so zügig zeigte sich auch, dass sich die emotionalen Ausläufer der norwegischen "Naturgewalt" nicht länger als nötig bei Lucien Favre aufhielten. Aber auch das kann man durchaus positiv sehen: Lucien Favre lässt sich eben nicht so schnell aus der Reserve locken – und bleibt stets seiner Linie treu. Wie lange er das allerdings noch in Dortmund tun darf, wird man sehen.

Kurz stand die Bundesliga diese Saison sogar vor einer echten Zerreißprobe. Die verbalen Scharmützel zwischen den Hopp und Anti-Hopp-Lagern schaukelten sich immer mehr hoch - bis es Ende Februar fast zum kompletten Abbruch der Partie der TSG Hoffenheim gegen den FC Bayern kam. Nachdem die Begegnung damals nach einer kurzen Unterbrechung erneut angepfiffen war, spielten die beiden Teams die letzten dreizehn Minuten nur noch runter. Ein echtes Novum in der langen Liga-Geschichte. Und auch, was danach passierte.

Die Fans zeigten sich am Rande der neu formulierten Legalität äußerst kreativ. In Frankfurt hing ein Plakat, adressiert an den eigenen Trainer: "Adi. Meld dich, wenn du eine Spielunterbrechung brauchst." Und auch das: "Dietmar Hopp ist ein Timo Werner". In Nürnberg reimten die Anhänger: "Dietmar Hopp, du bist nicht allein. Karl-Heinz Rummenigge könnte dein Bruder sein." Und ebenso spitzfindig: "Dietmar Hopp, du Sohn einer Mutter."

"Im Fernsehen ist kein Sturm"

Dass es nicht zu einem neuen Eklat und einem kompletten Spielabbruch kam, "verdankt" die Liga wohl auch der mehrwöchigen Pause, die kurz darauf notwendig wurde. Als am 9. Februar in Mönchengladbach die Begegnung gegen den 1. FC Köln verschoben werden musste (damals kursierte dieser denkwürdige Dialog im Internet: "Ist denn auch die Fernsehübertragung vom Spiel abgesagt?" "Nein, im Fernsehen kommt das Spiel. Da ist ja auch kein Sturm!"), konnte noch niemand ahnen, dass die Nachholpartie am 11. März nicht nur die letzte Begegnung vor der Pause, sondern auch das erste Geisterspiel von vielen weiteren, die noch folgen sollten, überhaupt sein würde. Dass die DFL unter der Führung von Christian Seifert es schaffte, als erste Liga weltweit den Neustart einzuleiten, wurde von vielen anfangs scharf kritisiert. Doch der Mut, das Durchhaltevermögen und die akribische Planungsarbeit haben ebenso viele Fußballanhänger auch begeistert.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Heute Abend nun stehen die Bayern wieder kurz vor dem Triumph. Den Charme dieser Liga macht aber auch aus, dass der Gegner der Münchener seit einigen Wochen langsam aber stetig wieder in die Spur gekommen ist. Nach einer (Seuchen-)Saison, die der Sänger und Werder-Fan Jan Delay einmal so beschrieb: "Wir hatten den besten Kader, wir waren super vorbereitet. Dann machen sie ein Foto mit Bohlen, und auf einmal sind acht Leute verletzt. Seitdem geht es bergab. Wir haben uns von Bohlen nicht mehr erholt und krebsen am Tabellenende rum."

Mit einem Erfolg heute Abend gegen die Bayern können die Grün-Weißen nicht nur den Bohlen-Fluch ein Stück mehr besiegen, sondern sogar die Abstiegsränge nach langer Zeit erstmals wieder verlassen. Und da sage noch einer, die Bundesliga wäre langweilig. Nein, ganz im Gegenteil. Sie ist so bunt, abwechslungsreich und verrückt wie die Schuhe, die die Liga-Legende Lothar Matthäus dieser Tage im TV-Studio trug. Und das soll doch wohl was heißen! Dies hier sind nur einige Geschichten, die erinnert werden wollen. Es gibt noch so viele und wichtige (Stichworte sind Rassismus sowie politische und gesellschaftliche Verantwortung) mehr, die es verdient haben, ausführlicher, aber auch in anderem Kontext diskutiert und erzählt zu werden.

Quelle: ntv.de