Redelings Nachspielzeit

Redelings übers Fansein Papa, ich habe jetzt einen anderen Verein!

imago34262855h.jpg

Wehe, der Sohn findet einen anderen Klub. Über das schwierige Leben eines Papa-Fans.

(Foto: imago/Action Plus)

Es war ein Schock, der plötzlich alles veränderte: Der Sohn eines Kollegen hat den Verein gewechselt. Er ist jetzt Fan von RB Leipzig. Sein Vater weiß weder ein noch aus. Unser Kolumnist glaubt trotzdem an eine gute Zukunft für die beiden.

Da bist du einfach sprachlos und fühlst nur schweigend mit: Ein Freund hat mir erzählt, dass sein Sohn jetzt Fan von RB Leipzig sei. Er hätte sich seit seinem Magendurchbruch nicht mehr so elend gefühlt wie in dem Moment, als sein Kind das erste Mal im Trikot seines neuen Lieblingsvereins vor ihm gestanden habe, sagte er. Kotzübel sei ihm gewesen und gleichzeitig habe es sich angefühlt, als ob ihm der Fußballgott persönlich mit bloßen Händen das Herz aus dem Leib gerissen hätte. Was habe ich nur falsch gemacht, habe er gedacht. Für welche Tat in meiner Vergangenheit werde ich so grausam bestraft?

ANZEIGE
Fußball. Die Liebe meines Lebens
EUR 14,00
*Datenschutz

Der Freund konnte seinem Sohn gar nicht mehr in die Augen schauen. Und um nichts Unüberlegtes zu tun, das er hinterher vielleicht bereuen würde, habe er sich den Hund geschnappt und sei aus der Wohnung geflohen. Direkt in seine Stammkneipe. Und da habe Gisela, die Wirtin, gemeint, er solle doch froh sein, dass sein Kind glücklich und gesund sei. Da wäre mein Kollege dann allerdings doch etwas ausfallender geworden, erzählte er, und habe die Gisela gefragt, ob sie die letzten Tage schlecht geschissen hätte. Was sie denn da für eine Scheiße erzählen würde, habe er gemeint. Wie könne das denn gesund sein, wenn man im Trikot von RB Leipzig herumläuft? Und da habe ich gedacht: Ganz Unrecht hat mein Freund da ja nicht. Und in seiner Haut wollte ich nun schon gar nicht stecken.

Für Außenstehende ohne jeglichen Fußballbezug muss sich das alles sehr irritierend anhören. Fußballfans mit dem Herz am rechten Fleck jedoch können sich in die missliche Lage meines Kollegen sicherlich gut hineinfühlen. Ich weiß aus Erzählungen von anderen Vätern, dass sie ähnlichen Mist in der Pubertät ihrer Kinder miterleben mussten. Doch das Schöne ist: Nicht wenige Bengel sind nach den Wirren der Reifezeit wieder zu ihrem Ursprungsklub zurückgekehrt. Wenn die Zeit der Abnabelung und des Auflehnens beendet ist und man sich endlich auf Augenhöhe und im besten Falle gar unter Freunden begegnet, dann ist die erste Liebe plötzlich wieder da.

Befremdlicher Anblick

Das habe ich auch meinem Freund erzählt. Doch der wollte das noch nicht recht glauben. Zu sehr stand er noch unter Schock. Er bekam die Bilder von seinem Sohn in diesem fremden und befremdlichen Trikot einfach nicht aus dem Kopf. Er zeigte mir Fotos von früher. Sein kleiner Junge auf seinem Schoß. Glücklich lächelten die beiden in die Kamera. Beide in denselben Farben. In ihrem Stadion. Mein Kumpel schaute mich traurig an: "Weißt du, wie stolz ich war, als er an meiner Hand die Treppen unserer Tribüne hoch gelaufen ist? Ich muss jetzt noch heulen, wenn ich daran denke!" Dann fuhr er fort: "Und wie er mit seinen sechs Jahren nach unserem Abstieg an mir hochgeklettert ist und mich umarmt hat? 'Papa, das wird schon wieder. Wir steigen bald wieder auf'", habe der Sohn gemeint. "Mir war von einer Sekunde auf die nächste alles egal. Ich wusste ja, wir würden das von nun an alles gemeinsam durchstehen. Er und ich - zusammen!", sagte mein Kumpel.

Die Pubertät ist schon ein Arschloch, habe ich da gedacht. Und dass es mir schon jetzt vor dieser Zeit graust. Mein Kollege schaute mich lange an. Dann sagte er lächelnd: "Als wir uns vor drei Jahren im Frankreich-Urlaub ein Spiel von Marseille angesehen haben, meinte er plötzlich: 'Boah, das gibt's ja gar nicht, Papa. Die spielen ja genauso Scheiße wie wir!' Da habe ich noch gedacht: Jetzt ist er endgültig einer von uns. Das hält ein Leben lang! Und jetzt: Arschlecken dreifuffzig. So ein Mist!"

Eines Tages wird wieder alles gut

Wir haben in dieser Nacht noch lange zusammengesessen und über früher gesprochen. Immer wieder hat mein Freund darüber nachgedacht, was er denn falsch gemacht haben könnte. Irgendwann hat er dann gemeint: "Meinst du, mein Junge weiß noch, wie er mich gefragt hat, wie oft wir schon deutscher Meister geworden sind? Da war er fünf oder so. Vielleicht nimmt er mir ja heute übel, dass ich damals nicht ganz die Wahrheit gesagt habe?"

Ich kannte die Geschichte noch nicht, deshalb fragte ich ihn, was er denn seinem Sohn geantwortet habe. "Naja, ich habe gemeint, dass wir noch nicht so richtig viele Titel geholt hätten. Das hat ihm damals als Antwort genügt. Und ich war glücklich darüber, dass er nicht weitergefragt hat. Ich dachte, wenn ich ihm sage, dass wir noch nie etwas gewonnen haben, dann würde er vielleicht nicht mehr mit mir ins Stadion wollen. Und das hätte ich nicht ertragen."

Das war genau der Moment, in dem ich wusste: Eines Tages wird wieder alles gut sein zwischen den beiden. Denn das, was sie verbindet, ist viel stärker als die Wirren der Pubertät. Auch wenn sie vielleicht im schlechtesten Fall von nun an immer einen anderen Verein haben sollten: Papa und Sohn werden wieder zusammen ins Stadion gehen. Denn das unsichtbare Band des Fußballs wird sie auf ewig umschließen. Und im Herzen wissen die beiden das auch jetzt schon - egal, welches Trikot sie im Moment auch tragen mögen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema