Fußball-WM 2018

De Bruyne lässt Belgien träumen Der Begabteste unter den Hochbegabten

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Gewinnertyp: Kevin De Bruyne möchte mit Belgiens goldener Generation den ebenfalls goldenen WM-Pokal erringen.

imago/Fotoarena

Die Superstars sind bei der Fußball-WM schon ausgeschieden. Kevin De Bruyne ist noch dabei. Nach seiner überragenden Saison mit Man City will er nun das belgische Nationalteam zum ersten Mal ins Finale führen - und zum Titel.

Um aus einer guten eine sehr gute Mannschaft zu machen, sind Spieler nötig, die das Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Für Kevin De Bruyne, den begabtesten unter vielen begabten Belgiern, bot sich die Chance im WM-Viertelfinale gegen Brasilien nach einer halben Stunde. Er bekam den Ball im rechten Halbfeld, lief mit ihm ein paar Schritte in Richtung des gegnerischen Strafraums. Er schaute nach oben, lief noch ein paar Schritte, schaute noch einmal und schickte den Ball dann mit dem rechten Fuß und viel Wucht auf eine Flugbahn, die so gerade war, als wäre sie mit einem Lineal gezogen worden.

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De Bruynes Treffer zum 2:0 war die Vorentscheidung, Brasilien sollte nur noch den Anschluss schaffen und die Belgier nicht mehr am Einzug ins heutige Halbfinale gegen Frankreich (ab 20 Uhr in der ARD und im Liveticker bei n-tv.de) in Sankt Petersburg hindern. Doch er war noch mehr. Er war ein Statement. Mit seinem Tor signalisierte De Bruyne, dass er es sein möchte, der die Belgier aus ihrem jahrelangen Dasein als Geheimfavorit befreien und sie endlich zu einem echten Favoriten machen möchte. Mit seinem Tor übernahm er Verantwortung für das Schicksal der Belgier. Es könnte keinen besseren Spieler dafür geben.

De Bruyne ist enorm gewachsen seit seinem Wechsel vom VfL Wolfsburg zu Manchester City vor drei Jahren. Er ist in der abgelaufenen Saison von einem herausragenden Mittelfeldspieler zum vielleicht besten Vertreter seines Fachs geworden. Im Team von Trainer Josep Guardiola, das mit einem Rekord für die meisten Punkte und die meisten Tore Meister wurde, war De Bruyne der entscheidende Mann. Er war Dirigent und erste Geige zugleich, gab die meisten Vorlagen der Liga und wurde bei der Wahl zum Fußballer des Jahres nur von Torschützenkönig Mohamed Salah aus Liverpool geschlagen. Diese Saison ist De Bruynes Saison. Und sie ist noch nicht vorbei.

Unbeeindruckt von historischer Chance

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Bei der WM in Russland hat De Bruyne die Chance, sich im besten Fußballer-Alter von 27 Jahren in den Geschichtsbüchern zu verewigen, wenn er die Belgier zum ersten Mal überhaupt ins Finale oder sogar zum Titel führen würde. Bei einem Turnier, das nicht das Turnier der ganz großen Superstars ist - Cristiano Ronaldo raus, Lionel Messi raus, Neymar raus - könnte er der prägende Spieler werden. Mitbewerber um diesen Status sind zum Beispiel der Franzose Kylian Mbappé, der Kroate Luka Modrić oder der Engländer Harry Kane.

Die große Chance, für sein Land und für ihn persönlich, scheint De Bruyne allerdings nicht besonders zu beeindrucken. Am Tag vor dem Halbfinale gegen Frankreich saß er auf der Bühne im riesigen Medienzelt in Schatten der Arena von Sankt Petersburg. Er verschränkte die Arme und sprach, auf Französisch und in fast akzentfreiem Englisch, mit einer Ruhe, mit der er auch den Wetterbericht oder die Verkehrsmeldungen hätte durchgeben können. "Wir wollen so weit kommen wie möglich und das Turnier gewinnen", sagte er zum Beispiel. Oder: "Im Leben hat man nur zweimal oder dreimal die Chance, an einer WM teilzunehmen. Wir versuchen, alles zu geben." Solche Dinge.

Besessen vom Erfolg

De Bruyne ist ein Fußballer, wie es sie kaum noch gibt. Keine Tätowierungen, kein auffälliger Schmuck, keine Wichtigtuerei auf Instagram. Die meiste Zeit sei er einfach "super gechillt", wie er es selbst formuliert. Doch es wäre ein Fehler, De Bruyne als netten Jungen darzustellen, der einfach nur Fußball spielen will. Denn sobald das Spiel angepfiffen ist, verwandelt er sich in jemanden, der besessen ist vom Erfolg.

Als er noch in Genk spielte, wo seine Karriere als Profi begann, warf er seinen Kollegen in einem TV-Interview in der Halbzeitpause mangelnden Einsatz vor. "Ich schäme mich für sie. Ich würde vorschlagen, dass diejenigen, die keine Leidenschaft zu spielen haben, einfach abhauen", sagte er. In seiner Zeit in Wolfsburg schrie er einen Balljungen an: "Give me the ball, you motherfucker!" Im Nachhinein sind ihm solche Ausfälle unangenehm. Doch sie zeigen, dass er gewinnen will. Manchmal übernimmt dieser Wille eben die Kontrolle über ihn.

De Bruyne kann ziemlich geradeaus sein, wenn es um den Erfolg geht und er das Gefühl hat, dass irgendetwas in die falsche Richtung läuft. Er hat sich in der Vergangenheit öffentlich mit Nationaltrainer Roberto Martínez angelegt und ihm unterstellt, nicht die richtige Taktik zu haben, um Belgiens talentierte Mannschaft zum Erfolg zu führen.

Auch war er nicht ganz glücklich darüber, dass er bei der WM bislang nicht auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld zum Einsatz kam wie bei Manchester City, sondern etwas weiter hinten. Erst für das Viertelfinale gegen Brasilien stellte Martínez um, er schob De Bruyne ein Stück nach vorne. Und dieser zeigte mit seinem Treffer, dass er sich des Schicksals der Belgier annehmen will.

Quelle: n-tv.de

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