Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 22. Juni 1986 Der wunderschöne Sololauf der Hand Gottes

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Einer jubelt - der zweite Gott, Diego Maradona.

(Foto: imago/AFLOSPORT)

Am Tag, als Maradona die "Hand Gottes" erfand, schoss er auch eines der schönsten Tore der Fußball-Geschichte. Gegen England begeisterte er die Welt - einschließlich Menotti: "Ich danke Gott, dass Diego Maradona ein Argentinier ist!"

Im Sommer 1986 gab es noch einen zweiten Gott - einen Fußball-Gott und er hieß Diego Armando Maradona. Die Welt war verzückt von diesem kleinen, quirligen Argentinier. In Neapel, wo er zu dieser Zeit spielte, schrieben verliebte Tifosi eines Tages im Überschwang ihrer Gefühle an eine Friedhofsmauer: "Ihr wisst ja nicht, was ihr verpasst habt!"

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Vor dem Anpfiff ist noch alles ganz fair.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Weltmeisterschaft in Mexiko war das Turnier des Diego Maradona. Die Experten versuchten dem großen Star gar einzureden, dass er ohne die anderen zehn Spieler seiner Mannschaft die WM gewinnen könne. Doch Maradona reagierte böse auf solche Aussagen. Als der Weltmeister-Trainer von 1978, Cesar Luis Menotti, meinte, 90 Prozent der Leistung Argentiniens mache alleine der 1,65 Meter kleine Spielmacher aus, wünschte Maradona Menotti nach China und ergänzte eiskalt: "Vielleicht hört ihm da ja noch einer zu."

Dabei wusste Maradona natürlich genau, dass Menotti Recht hatte. Ohne ihn, den Verrückten, den Besessenen des Fußballs hätte es niemals zum Titelgewinn für Argentinien gereicht. Er wollte die Trophäe unbedingt und tat alles dafür: "Ich habe es geliebt, Fußball zu spielen. Morgens und nachmittags. Sogar wenn ich mit meiner Frau ins Bett ging, habe ich noch trainiert."

"Er ist ein Idiot"

Als es im Viertelfinale zum Duell gegen überraschend starke Engländer kommt, die mit Gary Lineker am Ende des Turniers sogar den Torschützenkönig stellen werden, ahnt noch niemand, was für einen denkwürdigen Nachmittag das ruhmreiche Aztekenstadion wieder einmal erleben wird. Doch über 110.000 Zuschauer sind live dabei, als eine Legende geboren wird. In der 51. Minute steigt Diego Armando Maradona im Luftkampf gegen Englands Keeper Peter Shilton in die Höhe. Der Argentinier ist einen Kopf kleiner als der Torhüter von der Insel, doch irgendwie schafft Maradona es, dass der Ball über Shilton hinweg ins Tor segelt. Der bulgarische Linienrichter der Partie, Bogdan Dotchev, ließ hinterher kein gutes Haar an seinem tunesischen Kollegen, Ali Bin Nasser, der das Spiel an diesem Tag pfiff: "Er ist ein Idiot, der eher dazu geeignet gewesen wäre, eine Kamelherde durch die Wüste zu führen, als ein WM-Spiel zu leiten."

Tatsächlich hatte Ali Bin Nasser etwas übersehen, das Maradona selbst mit den heute legendären Worten so umschrieb: "Der Ball kam geflogen. Shilton und ich sind hochgesprungen. Da habe ich die Augen zugemacht. Ein bisschen Gottes Hand und ein bisschen Maradonas Kopf." Doch eigentlich hatte das ganze Stadion gesehen, dass der Kopf des kleinen Argentiniers zwar in der Nähe des Balls gewesen war, aber ausschließlich die Hand den entscheidenden Unterschied zu Shilton hatte ausmachen können. Dementsprechend heftig fielen die Proteste der Engländer aus und dementsprechend zaghaft jubelten die argentinischen Spieler.

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Doch von all dem ließ sich Maradona nicht beeindrucken. Er sprang und hüpfte jubelnd zur Seitenaußenlinie und schaute dabei immer wieder fordernd zu seinen Kollegen. Die sollten mehr aus sich herausgehen, sonst würde der Schiedsrichter vielleicht doch noch Zweifel bekommen, dachte sich Diego: "Ich wartete, dass meine Mitspieler mich umarmten, aber keiner kam. Also rief ich: 'Kommt her, sonst überlegt es sich der Schiedsrichter noch mal anders!'" Ali Bin Nasser interessierte all das jedoch nur wenig. Betont langsam trabte er zur Mittellinie und ignorierte dabei die wütenden Engländer, so gut es eben ging.

"Diego konnte alles"

Vier Minuten später war die Szene bereits vergessen und Diego Armando Maradona zu einer Legende geworden. Sein Sololauf aus der eigenen Hälfte, bei dem er sieben Engländer filigran aussteigen ließ und den er mit dem Treffer zum 2:0 kürte, begeistert noch heute jeden Fußballfan. Die Augen von Bobby Robson, dem Trainer der englischen Nationalelf, leuchteten noch weit nach Spielende. Die knappe 2:1-Niederlage war nicht vergessen, die Erinnerung an das "Wundertor" Maradonas aber noch zu frisch. Bei aller Rivalität, die zudem noch unter dem Eindruck des Falkland-Kriegs zwischen den beiden Nationen stand, reagierte Robson als Anhänger dieses Sports, als er sagte: "Es ist wunderbar für den ganzen Fußball, dass es einen solchen Spieler gibt wie ihn."

Viele Jahre später hat einmal der kroatische Nationalspieler Davor Suker erzählt: "Diego konnte alles: Ich habe ihn mit Orangen jonglieren sehen oder sogar mit kleinen Kugeln aus Alufolie, die ihm die Fans zuwarfen, nachdem sie ihre Sandwichs ausgepackt hatten." Der "kleine Bandit", der mit der Hand einen Treffer für sein Team klaute, schoss nur wenige Augenblicke später eines der schönsten Tore der Fußballgeschichte. Diego konnte eben alles. Und am Ende versöhnte er sich auch wieder mit seinem Ex-Trainer Cesar Luis Menotti. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft hatte dieser über Maradona gesagt: "Jetzt hat er endgültig den Thron bestiegen." Im Sommer 1986 gab es noch einen zweiten Gott - einen Fußball-Gott und er hieß Diego Armando Maradona.

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Quelle: ntv.de