Fußball-WM 2018

Argentiniens letztes Aufbäumen Die Mannschaft aus einer anderen Zeit

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Lionel Messi steht auch in der Niederlage vor seinem Team - doch wer davon bleibt nach dem WM-Aus noch übrig?

(Foto: imago/Bildbyran)

Eine Weile sieht es so aus, als könne Argentiniens Wille die Realität überwinden. Doch die Niederlage gegen Frankreich ist ein vorzeitiger WM-Abschied mit Ankündigung. Die vermeintlich goldene Generation um Messi wird zerfallen.

Als alles verloren scheint, da erheben sich die argentinischen Fans noch einmal von ihren Plätzen im Stadion von Kasan. Sie zeigen eine Dominanz, die von ihrer Nationalmannschaft auf dem Platz schon lange nicht mehr zu sehen war. Die Melancholie nach großen Zeiten umweht die kreisenden Trikots, nach Abschied von einer vermeintlich goldenen Generation.

Die dritte Minute der Nachspielzeit bricht an, da schlägt Lionel Messi einen Ball diagonal übers halbe Feld, bis in den französischen Strafraum und exakt auf Kun Agüero. Der Stürmer köpft zum 3:4 (1:1) gegen den übermächtigen Achtelfinalgegner ein. Ein letztes Aufbäumen. Noch eine Rudelbildung im Mittelfeld, eine hastig vergebene Möglichkeit, dann ist es vorbei. Argentinien ist ausgeschieden.

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Auch gegen Frankreich hat Messi einen genialen Moment - der reicht am Ende aber nicht aus.

(Foto: imago/AFLOSPORT)

Eine Weile sah es im dramatischen Weltmeisterschaftsduell gegen Frankreich so aus, als könne der Wille die Realität überwinden: das Traumtor von Ángel di Maria zum Ausgleich kurz vor der Pause, danach die Führung durch Gabriel Mercado. Die alte Generation mit ihren Tugenden war zurück: Nicolas Otamendi, Javier Mascherano, Messi, Ángel Di Maria.

"Herzblut reicht nicht aus"

Gegen Frankreich machten sie mit der Albiceleste vielleicht ihr bestes Spiel seit Jahren. Es reichte nicht. Frankreich und Kylian Mbappé schlugen unbeeindruckt zurück. Die argentinische Zeitung "La Nación" urteilte nach der Partie schlicht: "Herzblut reicht nicht aus."

Die Statistik das Achtelfinals zeigt zwar, wie wichtig die alte Generation in guter Form für das argentinische Spiel ist: Die Achse Otamendi - Mascherano - Messi etwa spielte gemeinsam 151 Pässe. Messi bereitete zwei Tore vor, di Maria erzielte das erste, Agüero das dritte. Aber die Selección wirkte wie aus einer anderen Zeit: auf Ballbesitz und Einzelaktionen ausgerichtet, nicht schnell, nicht überraschend, fast keine Direktpässe.

Der ehemalige argentinische Nationalspieler und Trainer Carlos Bianchi urteilte: "Hinten schlecht gestanden und langsam im Mittelfeld." In der ersten halben Stunde hatten Messi und Co fast 70 Prozent Ballbesitz. Sie gerieten 0:1 in Rückstand, weil sie einen Konter erst mit einem Foul im eigenen Strafraum stoppten.

Messi kann das Spiel nicht dominieren

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Javier Mascherano zieht einen Schlussstrich unter seine Karriere in der Albiceleste.

(Foto: imago/AFLOSPORT)

Planlos wirkten die Argentinier bei dieser WM. Das lag auch daran, dass in der Vorrunde das ganze Spiel der Albiceleste auf Messi ausgerichtet war, der zwar alles versuchte, aber nur ab und zu einen Akzent setzte. Alle Gegner kennen seine Stärken und Schwächen. Messi konnte das Spiel nicht dominieren, er wurde dominiert und damit seine Mannschaft. Eine passende Karikatur, die unter argentinischen Fußballfans kursiert, zeigt die Albiceleste als Bauerbeitertrupp. Messi steht in der Grube und schaufelt. Der Rest guckt zu. Das war beim 1:1 gegen Island so und auch beim 0:3 gegen Kroatien. Als Argentinien sich dann zusammenraufte und mit einem Kraftakt gegen Nigeria in den letzten Minuten doch noch die K.o.-Runde erreichte, schrieb die argentinische Presse von einem "Wunder". Für einen Vizeweltmeister Argentinien ist das viel Demut.

Kaum jemand in der Heimat hatte geglaubt, dass die Albiceleste erneut ernsthaft um den Weltmeistertitel mitspielen könnte. Nicht nach der chaotischen Vorrunde. Aber auch davor schon nicht, nach der verkrampften Qualifikation, in der zwei Trainer verschlissen wurden und schließlich Jorge Sampaoli die Mannschaft noch irgendwie nach Russland brachte. Der Sampaoli, gegen dessen gut organisierte Chilenen die Argentinier in zwei aufeinanderfolgenden Jahren die Finale der südamerikanischen Kontinentalmeisterschaft verloren hatten. Der Sampaoli, der in der Gruppenphase aber zeigte, wie wenig Einfluss er auf seine Mannschaft hat, sogar das Gerücht kursierte, sie habe gegen ihren Trainer "geputscht".

Alte Garde tritt zurück, Sampaoli will bleiben

Einen Rücktritt schloss Sampaoli nach der Niederlage aus. "Das ist zu früh." Er will nun analysieren. Schon vor dem Turnier hatte er gesagt, er habe keine Zeit gehabt, eine Mannschaft zu formen. Probiert hat er viel: In den 15 Spielen, die er betreute, lief nie dieselbe Anfangself auf. Noch nicht einmal eine stabile Mittelfeldbesetzung, so urteilt "La Nación", habe Sampaoli in einem Jahr gefunden. Er experimentierte mit Formationen, Dreierkette, sechs offensiven Spielern. Seinen Akteuren räumte er auch zeitweise mehr Freiheiten ein und Messi viel Mitspracherecht bei der Aufstellung. Wenn es dann schiefging, stellte Sampaoli sich vor die Mannschaft und nahm alle Schuld auf sich.

So wie in Russland wird die Albiceleste bei einer Weltmeisterschaft nicht mehr zusammen auflaufen. Die meisten Spieler sind schlicht zu alt. "Zumindest hat sich die Mannschaft in Würde verabschiedet", titelte Clarín nach dem Aus. Zwei Spieler traten direkt nach dem Spiel aus der Albiceleste zurück: Mascherano, 34 Jahre alt, Lenker im defensiven Mittelfeld und mit mehr technischer Finesse im Fuß als mancher Mitspieler. "Es ist vorbei", verkündete er. "Jetzt bin ich nur noch Fan." Auch Lucas Biglia, 32 Jahre alt und sieben Jahre lang ein fester Bestandteil der Selección, will nicht mehr: "Jetzt ist eine andere Generation an der Reihe." Doch ganz vorbei ist es noch nicht. Die Mannschaft aus einer anderen Zeit hat noch eine letzte Chance auf einen Titel: Bei der Copa América in Brasilien im kommenden Jahr.

Quelle: ntv.de