Fußball-WM 2018

Kroatien im WM-Viertelfinale Modric vergibt - und netzt zur Vergebung

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Auf dem Weg mitten ins Herz der Dänen kann Kasper Schmeichel Luka Modrics zweitem Elfmeter nur noch hinterhergucken.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Erst gescheitert, dann sicher: Kroaten-Kapitän Modric wäre im WM-Achtelfinale gegen Dänemark fast zur tragischen Figur geworden. Aber eben nur fast. Das Team träumt davon, die Helden von 1998 vergessen zu machen.

Kasper Schmeichel, der Torwart der Dänen, hatte keine Gnade. Er brachte das komplette Arsenal der psychologischen Waffen zur Anwendung. Er machte sich groß auf seiner Linie, er klopfte sich auf die Brust, er streckte seinen Zeigefinger aus und er rief ein paar Worte in die Richtung von Luka Modric, des dritten Schützen der Kroaten im Elfmeterschießen des WM-Achtelfinals.

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Kurz vor dem Ende der Verlängerung hatte das Duell schon einmal stattgefunden. Modric war per Strafstoß an Schmeichel gescheitert, nach der cleversten Grätsche der Fußball-WM am Frankfurter Ante Rebic. Und jetzt versuchte Dänemarks Schlussmann, den Kapitän der Kroaten ein zweites Mal aus dem Takt zu bringen, doch das gelang nicht. Modric schob den Ball locker in die Mitte, als hätte es den Fehlschuss kurz zuvor nicht gegeben. Am Ende rückten die Kroaten durch einen 3:2-Sieg im Elfmeterschießen ins Viertelfinale gegen Gastgeber Russland vor.

Es wäre eine tragische Wendung gewesen, wenn der vergebene Strafstoß von Modric in der Verlängerung das Aus der Kroaten zur Folge gehabt hätte. Er ist einer der besten Mittelfeldspieler der Gegenwart, die Ikone der Kroaten, er hat in den vergangenen fünf Saisons mit Real Madrid vier Mal die Champions League gewonnen. Es sind vor allem seine schmalen Schultern, auf denen die Hoffnungen des kroatischen Publikums ruhen. In Russland soll es der Mannschaft endlich gelingen, von einem Geheimfavoriten zu einem echten Favoriten aufzusteigen.

Stärkste Vorrunde, schwacher Baum

Und auch wenn das Achtelfinale gegen Dänemark nicht berauschend war, auch wenn es nur 1:1 gestanden hatte nach 90 und 120 Minuten durch zwei kuriose Treffer schon in den ersten vier Minuten - die Kroaten sind dabei im Kreis der besten acht Teams des Turniers, anders als Deutschland, Argentinien oder Spanien. Mehr noch: Sie sind die vielleicht stärkste Mannschaft in ihrer Hälfte des WM-Baums und stehen vor einem vergleichsweise einfachen Weg ins Endspiel. Sollten sie das Viertelfinale gegen Russland gewinnen, würde es im Halbfinale wohl gegen England oder Kolumbien gehen. Kroatiens Nationalmannschaft hat gerade eine große Chance.

Die goldene Jahreszahl, die schon seit einiger Zeit über dem Team hängt, ist 1998. Damals wurden die Kroaten bei der WM in Frankreich Dritter, unter anderem nach einem 3:0-Sieg im Viertelfinale gegen Deutschland. Es ist der bisher größte Erfolg für das Land bei dem Weltturnier. Bester Schütze war damals Davor Suker. Er ist heute Präsident der Verbandes. In Russland haben die Kroaten die Chance, die große Generation von 1998 zu beerben. Und anders als bei der EM vor zwei Jahren, als sie im Achtelfinale am ersten starken Gegner Portugal scheiterten, sind sie diesmal auf einem guten Weg. "Wir sind mental stark und stabil geblieben", sagte Trainer Zlatko Dalić nach dem Drama gegen Dänemark.

Goldene Generation unter dunklen Wolken

In der Vorrunde waren die Kroaten die vielleicht beste Mannschaft des Turniers. Sie gewannen alle drei Spiele und fügten unter anderem Argentinien eine 0:3-Niederlage zu. Im Achtelfinale gegen Dänemark brauchten sie dann auch Glück - und ihren Torwart Danijel Subasic. Er parierte im Elfmeterschießen gleich drei Versuche der Dänen, einen mehr als sein Gegenüber Schmeichel, und verschaffte seinem Team damit den Zutritt zum Viertelfinale.

Die Kroaten stehen unter Druck bei dieser WM. Ihnen läuft die Zeit davon. Denn der Kern der aktuellen Mannschaft befindet sich schon im Herbst der Karriere oder biegt so langsam in diese Richtung ab. Modric und Angreifer Mario Mandzukic sind 32 Jahre alt, Ivan Rakitic 30, Ivan Perisic 29. Wenn es noch etwas werden soll mit dem großen Wurf für diese Generation, dann jetzt.

Die Kroaten wollen sich nicht davon ablenken lassen, dass ihre WM-Kampagne vor dunklen Wolken stattfindet. Modric ist wegen des Vorwurfs der Falschaussage im Prozess um den als Fußball-Paten bekannten Zdravko Mamic angeklagt. Auch Verteidiger Dejan Lovren droht in diesem Zusammenhang Ärger. Doch Kroatien wäre nicht die erste Mannschaft, die trotz Turbulenzen in der Heimat eine erfolgreiche WM spielt. Italien wurde 2006 Weltmeister trotz des Manipulationsskandals in der heimischen Liga. Kroatiens Trainer Dalić hat kein Interesse, sich um derlei Verwerfungen Gedanken zu machen, des jedenfalls gibt er vor. Probleme? Was für Probleme? "Wir haben keine Probleme. Ich denke an nichts anderes als an Fußball. Wir sind wegen der WM hier und wollen unser Volk glücklich machen", sagte er. So glücklich wie 1998. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Quelle: ntv.de