Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 9. Juli 2006 Unflätiger Materazzi macht Zidane zum Stier

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Leider unvergesslich: Marco Materazzi und Zinédine Zidane gerieten im WM-Finale 2006 hart aneinander.

(Foto: REUTERS)

Das Endspiel der Fußball-WM 2006 zwischen Frankreich und Italien wird in der 110. Minute entschieden: Als Marco Materazzi seinem genialen Gegenspieler Zinédine Zidane einige böse Worte zuruft und der Franzose daraufhin legendär ausrastet.

An diesem 9. Juli 2006 wurde allen Fans dieses Sports mal wieder deutlich vor Augen geführt: Fußball ist kein Golf. Und auch kein Tennis. Denn Fußball ist schmutzig - und das nicht nur an Tagen, an denen der Rasen nass und glitschig ist. Warum das so ist, erklärt eine Geschichte von einem Nachmittag in den 80er-Jahren sehr anschaulich. Damals trat Vinnie Jones, der beinharte Abwehrspieler des FC Wimbledon, noch einen Schritt näher an seinen Gegenspieler Paul Gascoigne heran. Sein Gesicht verzog Jones dabei zu einer Grimasse der finstersten Sorte. Zwischen seinen Zähne zischte er zwei deutliche Sätze direkt in das Ohr von Gascoigne: "Ich muss vor, einen Einwurf machen, Fettsack, aber ich bin gleich wieder da, du dickes Arschloch. Beweg dich keinen Zentimeter von der Stelle." Das Enfant terrible des englischen Fußballs erinnert sich sehr präzise an diesen Augenblick mit Jones - denn das, was danach folgte, ist heute legendär: "Ich habe gemacht, was er gesagt hat und dann kam er zurück und griff mir in die Eier."

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Vinnie Jones gilt bis heute als einer der größten Trash und Dirty Talker der Fußballszene. Was seine Beine nicht schafften, erledigte der Waliser mit dem Mund. Und erledigen ist in diesem Fall tatsächlich wörtlich gemeint. Denn Jones' Absicht war es stets, seinen Gegner verbal auszuschalten. Die Wortwahl und der Inhalt konnten dabei gar nicht primitiv genug sein. Es galt: Desto schlichter, desto besser. Zu Kenny Dalglish meinte er einmal: "Ich reiß dir den Kopf ab und scheiß dir in den Hals."

Als Marco Materazzi in der 110. Minute des WM-Endspiels 2006 in Berlin seinen Widersacher Zinédine Zidane leicht am Trikot zerrt, hat er einen Plan: Der Mann muss irgendwie vom Feld, ehe er durch einen genialen Moment noch alles versaut. Doch so einfach ist die Sache nicht. Den ganzen Abend hatten sich die beiden schon rege auf dem Rasen miteinander unterhalten, doch der Franzose hatte nur immer gelächelt, wenn der Italiener ihn mit Worten reizte. Viel schlimmer noch: Zidane hatte seine Mannschaft sogar in der 7. Minute eiskalt per Elfmeter in Führung geschossen. Gut nur, dass ausgerechnet Marco Materazzi in der 19. Minute fast postwendend der Ausgleich gelungen war. Doch nun befand man sich bereits in der Schlussphase der Verlängerung, kurz vor dem Ende der Partie und eins stand unumstößlich fest: Dieser Zidane war jeden Moment für ein Tor gut. Er war einfach unberechenbar. Und genau das sollte dem Franzosen an diesem Abend in eben dieser 110. Minute zum Verhängnis werden.

Das gehört nicht auf den "Sonntagsmorgentisch"

Lippenleser haben später den genauen Wortwechsel zwischen den Spielern versucht aufzuschreiben. Es sind Worte, die, wie Rudi Völler es einmal sagte, auf jeden Fall nicht "auf den Sonntagsmorgentisch" gehören. Was war passiert? Nach einem Angriff der Franzosen nestelte Materazzi am Trikot Zidanes. Der Weltmeister von 1998 reagierte im letzten Spiel seiner Karriere überaus cool. Er fragte den Italiener, ob er später das Jersey haben wolle, wenn es ihm doch so gut gefiele. Was dann geschah, war eine Abfolge von gezielten Messerstichen aus Materazzis Mund. Er bezeichnete dabei Zidane als Schwuchtel und die Schwester des Franzosen mehrmals als Nutte. Gleichwohl wollte der Italiener lieber sie haben als das angebotene Trikot. All das kam Materazzi in einer Maschinengewehrsalve über die Lippen. Und Zidane? Der hörte sich das alles an - und war bereits auf dem Weg zurück in die eigene Hälfte, als er schließlich doch kehrtmachte und Materazzi im Stil eines wildgewordenen Stiers den Kopf auf die Brust rammte.

Später an diesem Abend wird Italien Weltmeister sein, und die beiden Helden des Spiels heißen Marco Materazzi und Zinédine Zidane. Doch nur einer der beiden strahlt. Ein Jahr nach der roten Karte sagt der französische Nationaltrainer Raymond Domenech: "Ich hätte gern in der Haut von Materazzi stecken wollen. In einem WM-Finale ein Tor zu schießen, dann den Platzverweis des besten Spielers auf der Gegenseite zu provozieren und schließlich auch noch beim Elfmeterschießen zu treffen, was will man mehr. Materazzi war der Mann des Spiels." Der Plan des Italieners war aufgegangen. Denn Fußball ist kein Golf. Und auch kein Tennis. Fußball kann sehr, sehr schmutzig sein. Das zeigen die Worte dieser Nacht. Sie werden noch lange in die Zukunft hineinhallen.

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Quelle: ntv.de

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