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Wenn das WM-Stadion zum Flirt-Hotspot wird.
Wenn das WM-Stadion zum Flirt-Hotspot wird.(Foto: imago/Bernd König)
Freitag, 22. Juni 2018

Zahl der Matches explodiert: WM sorgt für Tinder-Boom

Von Katrin Scheib, Moskau

Die Fifa und ihre Sponsoren sind nicht die einzigen Konzerne, die von der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland profitieren. Auch die Dating-App Tinder sieht einen deutlichen Zuwachs. Sogar im Stadion läuft die digitale Partnersuche.

Der Ball mag rund sein und das Spiel 90 Minuten dauern - oder, mit Videobeweis und Nachspielzeit, auch gerne mal 100. Das ändert allerdings nichts daran, dass einem Fußballfan selbst bei drei Gruppenspielen an einem Tag noch einiges an freier Zeit bleibt, die es zu füllen gilt. Die Frage, wie man das am besten tut, beantworten bei der Weltmeisterschaft in Russland nun viele Menschen mit einem Wort: Tinder.

Der Fan hält es wohl mit Kolumbien.
Der Fan hält es wohl mit Kolumbien.(Foto: Screenshot Tinder)

Das Prinzip der Dating-App ist einfach. Nutzer bekommen Fotos potenzieller Partner in ihrer Nähe angezeigt und haben dann die Wahl: Wer auf dem Handybildschirm nach links wischt, sortiert das vorgeschlagene Profil aus. Ein Wisch nach rechts signalisiert Interesse. Nach einem Bericht der russischen Zeitung "Wedomosti" haben nun mehrere russische Mobilfunkunternehmen festgestellt, dass ihre Kunden während der WM Tinder intensiver nutzen. Um bis zu 11 Prozent höher liegen die Nutzungszahlen demnach aktuell, der App-Anbieter selbst hat bestätigt, dass russlandweit die Zahl der Fälle, in denen nach rechts gewischt wurde, um 42 Prozent gestiegen ist.

"Zu viele bärtige Ausländer"

Selbst unter den Fans, die zum Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien ins Luschniki-Stadion gekommen waren, wurde fleißig getindert: Etwa ein Prozent des Datenverkehrs im Stadion entstand nach Angaben von Mobilfunkanbieter Megafon durch die App. Klingt nicht nach allzu viel, doch wenn man bedenkt, dass während des Spiels 18 Terabyte an Daten aus dem Stadion gesendet oder dort empfangen wurden und wie wenig Daten die Nutzung der App im Vergleich zum Hochladen eines Videos bei Instagram braucht, steht dieses eine Prozent dann doch für ein ganz schönes Gewische.

Die Basilius-Kathedrale ist aber auch schön.
Die Basilius-Kathedrale ist aber auch schön.(Foto: Screenshot Tinder)

Dass der Trend nicht auf Moskau beschränkt ist, zeigen Nutzerstimmen aus anderen WM-Gastgeberstädten. "Erste Eindrücke von der WM in Nischni Nowgorod: Tinder durchzublättern dauert jetzt zwei Stunden statt einer halben", twittert ein Mann. Auch aus Wolgograd, St. Petersburg und Kasan findet man Tweets von Menschen, die sich auf Kontakte zu ausländischen Fans freuen. Was nicht heißt, dass alle mit der aktuellen Situation zufrieden sind. "Zu viele bärtige Ausländer", beschwert sich eine Frau, eine andere würde gerne, kann aber nicht: "Da geh' ich zu Tinder und hab' 50 Likes nur von Ausländern, die zur Weltmeisterschaft gekommen sind. Warum hab' ich bloß Abschlussprüfung?"

Dass die Partnersuche per App und sportliche Großereignisse gut zueinander passen, konnte man bereits vor vier Jahren bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi sehen. Ein ähnliches Bild bot sich im selben Jahr bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien, wo neben Tinder auch die nur für Männer gedachte App Grindr ordentlich zulegte. Ob auch sie in diesem Jahr wieder von der WM profitiert, dazu gibt es noch keine Zahlen. Die schwulenfeindliche Gesetzgebung und die gesellschaftliche Stimmung in Russland machen es jedoch eher unwahrscheinlich.

Starthilfe für Tinder gibt's bei Youtube

Beim Fifa-Fanfest in Moskau.
Beim Fifa-Fanfest in Moskau.(Foto: Screenshot/Tinder)

Was Tinder angeht, ist es gut möglich, dass in Russland in diesen Tagen nicht nur die Nutzung, sondern auch die Downloads der App steigen. So heißt es im Tweet einer Frau aus der WM-Stadt Sankt Petersburg: "Beobachtungen zur Weltmeisterschaft: 1. Straßenmusiker verdienen mehr Geld als ich. 2. Ich muss mal Tinder runterladen." Damit ist sie nicht allein: "Ich wohne in dem Bezirk in der Nähe des Stadions, wo die WM-Spiele stattfinden. Ist es schon Zeit, Tinder zu installieren?", überlegt ein anderer Twitterer laut.

Viele neue Nutzer scheinen dabei dankbar für ein wenig Starthilfe zu sein. Ein Youtube-Video zum Thema "Tinder mit Ausländern: Franzosen, Spanier und Deutsche", das vor einer Woche bei Youtube veröffentlicht wurde, haben sich seitdem bereits mehr als 50.000 Menschen angesehen. Darin erzählt eine junge Russin von ihren Erfahrungen auf verschiedenen Dates - von den "superdistanzierten" Deutschen bis zu diesem einen Spanier, der sich nach dem gemeinsamen Spaziergang allein Richtung Bett verabschiedete, zwecks Siesta.

Ernst gemeint oder nicht, in sozialen Netzwerken wird eine Beziehung mit einem ausländischen Fußballfan in diesen Tagen auch oft als Möglichkeit für russische Frauen präsentiert, mit ihm das Land zu verlassen. "Mädels, schnell Tinder runterladen", heißt es da etwa in einem Tweet, "Ausländer kennenlernen und von hier abhauen". Oder: "Mädels, wenn bei euch in der Stadt die Fußball-WM stattfindet, ladet Tinder runter und geht mit Ausländern spazieren. Ihr könnt kostenlos Englisch üben. Und nicht nur Englisch." Dass die kommunistische Duma-Abgeordnete Tamara Pletnewa wenige Tage vor Turnierbeginn noch davor gewarnt hatte, sich als russische Frau mit ausländischen Männern einzulassen, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Der Kreml hatte sich von Pletnewas rassistischen Äußerungen distanziert.

Der schönste Tweet zum Tinder-Boom während der Fußball-Weltmeisterschaft kommt übrigens direkt aus dem Alltag einer Moskauer Familie. "Meine Mutter guckt einen Zusammenschnitt des Spiels Argentinien - Island," heißt es da. "Irgendwann zeigen sie die isländischen Spieler. Ich: 'Okay, das reicht, ich lade Tinder runter.' Mama: Kindchen, die könnten alle dein Vater sein. Also, wenn das in diesem Haus jemand runterlädt, dann ich."

Quelle: n-tv.de