Fußball-WM 2018

So überlegen wie 1998 Warum Frankreich neuer Weltmeister wird

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Bereit und reif für den Titel: Die französische Nationalmannschaft.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Mit Leidenschaft und mutigem Fußball spielt sich Kroatien bis ins Finale der Fußball-WM. Eine Chance auf den Titel hat das Team gegen Frankreich aber nicht. Deren Spiel ist von Coach Didier Deschamps der Schönheit beraubt, funktioniert aber perfekt.

Vor genau 20 Jahren gewann die französische Nationalmannschaft erstmals einen Weltmeistertitel. Es war der große Triumph für die Generation um Zinédine Zidane und Laurent Blanc. Nun könnte sich Geschichte wiederholen – und die Ähnlichkeiten der heutigen Équipe Tricolore mit jener von 1998 sind erstaunlich groß. Im damaligen Finale überrollten die Franzosen den Gegner aus Brasilien und gewannen mit 3:0. Die Mannschaft wirkte schier unschlagbar. Tore in der Verlängerung, Treffer nach Ecken, clevere Foulspiele und teils fehlerfreie Vorstellungen ebneten den Weg zum Titel. Die individuelle Klasse von Zidane wie auch seinen Nebenmännern Youri Djorkaeff und Emmanuel Petit übermannte so einige Gegner. Und hinten bereinigten Blanc und die restliche Defensive viele gefährliche Situationen.

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So könnten Frankreich und Kroatien im Finale auflaufen. Mit Umstellungen ist auf beiden Seiten nicht zu rechnen.

All das erinnert stark an die Franzosen, die am späten Nachmittag im Endspiel gegen Kroatien stehen (ab 17 Uhr im ZDF und im Liveticker bei n-tv.de). Vorn treiben die Top-Stars Antoine Griezmann und Kylian Mbappé ihr Unwesen. In der Abwehr regiert Innenverteidiger Raphaël Varane mit seiner Übersicht und herausragenden Athletik. Und zwischen den Mannschaftsteilen verrichten Paul Pogba und N’Golo Kanté die notwendige Mittelfeldarbeit. Letzterer mit der Präzision eines Breguet-Uhrwerks und sein Compagnon mit dem Esprit und der Exzentrik eines Claude Monet. Doch natürlich kommt man nicht umhin, bei allem Erfolg und aller Erfolgsstabilität, den das Team demonstrierte, ein wenig Wasser in den guten Burgunder zu schütten. Denn ein Feuerwerk brennen die Franzosen nur selten ab. Werden sie aber dazu gezwungen, wie in der zweiten Halbzeit des Achtelfinal-Duells mit Argentinien, dann zeigen sie ihre Power.

Die B-Note interessiert Deschamps nicht

Nationaltrainer Didier Deschamps möchte vor allem eine Gewinnermannschaft auf dem Rasen haben. Die B-Note ist dem 49-Jährigen reichlich egal. Übrigens gehörte auch Deschamps 1998 zur Stammformation der Franzosen. Aber er stand im Schatten von Zidane – sinnbildlich und buchstäblich. Deschamps war der herausragende Abräumer hinter dem großen Zizou und all den anderen Kreativköpfen. Er spielte die einfachen Eröffnungspässe und fungierte eher als Konzertmeister denn als Dirigent.

Insofern ist nur passend, dass der Aufschwung seit der letzten Weltmeisterschaft 2014, bei der Frankreich noch im Viertelfinale an Deutschland scheiterte, eben nicht nur mit Senkrechtstartern wie Mbappé, sondern auch mit einem Spätberufenen wie Kanté zu tun hat. Kanté kommt dem Spielertyp Deschamps am nächsten und ist wie eben dieser vor zwanzig Jahren der Traum eines jeden Trainers. Kanté ist fast nie verletzt, geht immer bis an die Grenze, steht meist richtig und macht selten Fehler.

2014 war noch Yohan Cabaye auf der Sechserposition im französischen Team. Aber er genügte den Ansprüchen eines potenziellen Weltmeisters nicht. Dafür war er defensiv zu inkonsequent und offensiv zu wenig präsent. Cabaye tauchte allzu gerne ab. Kanté hingegen übernimmt Verantwortung und hilft auch seinem Nebenmann Pogba ungemein. Anders als bei Manchester United wirkt dieser nämlich im französischen Team momentan zielstrebig und strukturiert in seinem Vorgehen.

In Führung liegend fast unschlagbar

Im Endspiel gegen Kroatien wird genau dieses strukturierte Vorgehen vonnöten sein. Die Franzosen gehen als Favoriten in die Partie. Kroatien ist die Wundertüte, die entweder mit genialen Momenten von Luka Modrić und Ivan Rakitić für die Sensation sorgt oder eben dem eigentlich überlegenen Frankreich unterliegt. Bringt Deschamps‘ Mannschaft ihre PS auf die Straße, wird es für Kroatien unglaublich schwer. Gerade in Führung liegend können die Franzosen ein Spiel kontrollieren. Der Ball läuft sicher durch die Reihen. Kanté und Pogba sammeln im Gegenpressing verlorengegangene Bälle wieder ein. Für den Gegner bleiben weder Raum noch Zeit, um noch zur Entfaltung zu kommen. Das mussten auch die offensivstarken Belgier im Halbfinale lernen, die einmal in Rückstand liegend gar keine Mittel mehr fanden und das Spiel der Franzosen später als "Anti-Fußball" verspotteten.

Der französische Treffer gegen die "roten Teufel" durch Innenverteidiger Samuel Umtiti fiel nach einem Eckstoß, bei dem die Franzosen den Laufweg von Umtitis Gegenspieler Jan Vertonghen blockierten. Standardsituationen sind auch für die Équipe ein wichtiges Mittel und können die so wichtige Führung bescheren. Dass Kroatien zudem defensiv anfällig bei Eckbällen und Freistößen ist, macht es für den Außenseiter nicht leichter.

Aber auch ohne den Eisbrecher nach einem ruhenden Ball sollte Frankreich zu Torgelegenheiten kommen. Mbappé und Griezmann sind den Verteidigern aus der kroatischen Viererkette um Meilen überlegen. Sollte Kroatiens Trainer Zlatko Dalić eine defensivere Taktik wählen und beispielsweise einen seiner kreativen Mittelfeldspieler für mehr Verteidigungsarbeit einteilen, dann könnte ein Pogba unbehelligt aus der zweiten Reihe nachstoßen. Frankreich hat schlichtweg zu viele Waffen und ist mittlerweile zu abgeklärt, als dass es sich auf einen unnötigen oder risikobehafteten Schlagabtausch einlassen würde oder müsste. Das klingt nach der Erfolgsformel eines Weltmeisters.

Quelle: n-tv.de

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