Fußball-WM 2018

WM-Zeitreise - 10. Juli 1994 Wer sieht hinten aus wie vorn - Böörti Vogts

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Berti Vogts erlebte mit dem DFB-Team bei der WM 1994 in den USA ein peinliches Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien.

Die Schmach von Kasan bei dieser WM hat eine Blaupause. Vor 24 Jahren spielte in den USA ebenfalls eine satte und teils zerstrittene DFB-Mannschaft. Nach dem Viertelfinal-Aus kam der große Umbruch. Nur einer blieb fest im Sattel: Trainer Berti Vogts.

Der 10. Juli 1994 im Giants Stadium in New York gegen Bulgarien war die Blaupause für den 27. Juni 2018 vor zwei Wochen in der Kasan-Arena in Russland. Der einzige Unterschied: Damals in den USA kam Deutschland wenigstens ins Viertelfinale. Ansonsten sind die Parallelen zwischen 1994 und 2018 fast so erschreckend offensichtlich, dass man sich wundert, wie man die beinahe identischen Fehler erneut machen konnte.

Die Weltmeisterschaft in den USA war ein einziges, großes Abenteuer - vor allem für die Menschen in diesem sportbegeisterten Land, die mitbekamen, dass in den riesigen Arenen etwas gespielt wurde, das sich Fußball nennt. Die Erwartungshaltung war jedoch von Anfang an eher gering - wie der Journalist Frank Depford schon nach der WM 1990 in der US-Zeitung "The National" unkte: "Sie werden diese Sache 1994 in die Staaten bringen und sie werden Eintritt dafür verlangen. Wenn das eine Broadway-Show wäre, hätte man es nach einer Nacht geschlossen." Und die "USA Today" schrieb: "Der Rest der Welt will uns allen Ernstes einreden, Fußball sei das Größte. Haben uns die Russen das Gleiche nicht immer über den Kommunismus erzählt?" Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen also für ein gelungenes Fest des Sports.

Doch auch in Deutschland bewegte sich das Stimmungsbarometer kurz über der Grasnarbe. Wie sollte das auch anders sein - bei Aussagen wie diesen? Der kurz vor der WM in die Nationalelf zurückgeholte 34-jährige Stürmer Rudi Völler meinte sachlich-trocken: "Wenn mir nichts wehtut, bin ich krank."

Spieler nehmen Vogts nicht für voll

Dem Bundestrainer Berti Vogts hatte der aufstrebende Klamauk-König Stefan Raab just zur Weltmeisterschaft einen eigenen Song gewidmet. Das Lied "Böörti Vogts" wurde ein veritabler Sommerhit - mit Zeilen wie diesen: "Wer sieht hinten aus wie vorn, wer darf in der Nase bohren, wer isst gerne Eis am Stiel und wer spielt gern mit Playmobil - Böörti Vogts, Böörti Vogts". Das alles ließ den eher humorfernen und wortkargen Bundestrainer in keinem besonders günstigen Licht erscheinen. Und als er auch noch Sätze sagte wie "Wir spielen im Raum. Dafür ist der Raum zuständig", wurde die Lage etwas heikel.

Auch die Spieler nahmen Vogts nicht ganz für voll. Als er ihnen im Hilton-Hotel auf den Zimmern den Kanal mit den Schmuddel-Filmen sperren ließ, schauten sich die Nationalkicker die Streifen mit so flotten Namen wie "Wilde Liebhaber" und "Willenlose Krankenschwestern" eben lieber in Ruhe im Massageraum an. Nicht mit dabei war bei diesen Filmsessions allerdings der gelehrige Vogts-Schüler Andi Möller. Der hatte tatsächlich im legendären FAZ-Fragebogen vor der WM auf die Frage nach seiner gegenwärtigen Geistesverfassung geantwortet: "Das muss Berti Vogts beantworten!"

Effe zückt den Stinkefinger

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Stimmung am Siedepunkt: Vogts (l.) und sein gelehriger Schüler Andi Möller (m.).

(Foto: imago/Horstmüller)

Und genau wie heute heizten die Medien die schlechte Stimmung innerhalb der Mannschaft von außen noch zusätzlich an. Fußball-Experte und Ex-Trainer Klaus Schlappner ließ sich zu folgender Aussage über Stefan Effenberg hinreißen: "Dieser Fußball spielende Heino gehört nicht in die Nationalmannschaft - womit ich nichts gegen Heino gesagt haben will." Ein paar Tage später war eben dieser Stefan Effenberg nach seinem Stinkefinger gegen die eigenen Fans allerdings eh nicht mehr mit dabei. Was ihn aber selbst offenbar nicht allzu sehr wurmte. Auf die Frage, was er denn nun machen würde, sagte Effenberg: "Naja, jetzt bringe ich mich um!"

Spielerberater Norbert Pflippen knöpfte sich hingegen eine der allgegenwärtigen und dominant auftretenden Spielerfrauen vor: "Wenn Bodo Illgner Busfahrer wäre, würde Bianca den ganzen Tag Bus fahren." Und tatsächlich soll es Spieler in diesem Sommer gegeben haben, die ihre Kinder mit in die Mannschaftssitzungen brachten - während die Ehefrauen die freie Zeit nutzten, um in Ruhe und kinderlos die Boutiquen rund ums Hotel unsicher zu machen.

Häßler muss ins entscheidende Kopfballduell

Und dann ging es am 10. Juli im Viertelfinale gegen Bulgarien. Eine Truppe aus der sogenannten "Goldenen Generation" mit Spielern wie Balakov, Ivanov, Kostadinov, Letchkov und dem überragenden Spielmacher Hristo Stoichkov. Ein Kicker, der bei der Pressekonferenz für Gelächter sorgen sollte, als Berti Vogts über den Bulgaren verkündete: "Das ist ein schneller, gefährlicher Mann - ein typischer Jugoslawe eben!"

"Monster" nannten die US-amerikanischen Fans ihn. Und in der Tat war es eben dieser Hristo Stoichkov, der die zwischenzeitliche Führung der deutschen Elf mit einem Traumfreistoß ausglich. Nur zwei Minuten später kam dann das Aus für die Nationalmannschaft, die nach der Einwechslung von Andreas Brehme mit zehn Weltmeistern von 1990 auf dem Feld stand. Jordan Letchkov sorgte mit einem Kopfball für das 2:1 und die Niederlage der deutschen Mannschaft. Eine Übersetzerin stellte den bulgarischen HSV-Spieler so vor: "Er spielt normalerweise für Hamburger." Im Strafraum-Duell gegen Thomas Häßler (!) - "Häßler verliert das Kopfballduell. Das musste ja mal so kommen", sagte Eurosport-Kommentator Wolfgang Ley - setzte er sich ohne Probleme durch. Hinterher kalauerte Ley noch: "Letchkov, der die Deutschen bei der WM über den Jordan brachte."

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Der stark angeschlagene Bundestrainer Berti Vogts machte nach der Weltmeisterschaft weiter - und wurde zwei Jahre später mit einem runderneuerten Team Europameister. Man wird sehen, wohin der Weg von Jogi Löw und der deutschen Nationalelf führen wird. Eine weitere Parallele zu 1994 ist jedenfalls nicht ausgeschlossen.

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Quelle: ntv.de

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