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Freude in Südkorea: Sie reden lieber über die "schönen Spiele".
Freude in Südkorea: Sie reden lieber über die "schönen Spiele".(Foto: dpa)
Freitag, 09. Februar 2018

Doping, Gigantismus, Nordkorea: Die bizarre Welt der Olympischen Spiele

Von Tobias Nordmann, Pyeongchang

Die Olympischen Spiele sind eigentlich ein großes Sportspektakel. Zunehmend häufiger aber rückt das Sportpolitische in den Fokus. Auch in Pyeongchang bedrängen belastende Debatten den Kampf um die goldenen Medaillen.

Die Welt der Olympischen Winterspiele in Südkorea ist groß, sehr groß sogar. Doch im Kern lässt sie sich ganz leicht reduzieren. Zum Beispiel auf Jeongseon. Hier im Skigebiet finden die Speedwettbewerbe der Alpinen statt. Hier trifft aufeinander, was zunehmend nicht mehr zusammenpasst: Der Sport mit seinen Helden, mit dem deutschen Sensationsaufsteiger und Streif-Triumphator Thomas Dreßen, mit dem so erfolgreichen amerikanischen Show- und Star-Girl Lindsey Vonn - und der olympische Durchsetzungswahnsinn.

Naturschutz? Och, nö.
Naturschutz? Och, nö.(Foto: imago/Bildbyran)

Es ist ein Wahnsinn, der alle Regeln entkräftet, sogar die, die in der Charta des Internationalen Olympischen Komitees stehen. In Jeongseon haben die Gastgeber auf Geheiß des IOC wie im Wahnsinn gewütet. Sie fällten nach offiziellen Angaben 50.000 bis zu 500 Jahre alte und von Mythen beschriebene Birken, Umweltschützer sprechen von 120.000, brandmarken die Abholz-Wüterei als "Kettensägenmassaker". Dass Jeongseon ein Naturschutzgebiet war, spielte keine Rolle. Der südkoreanische Staat hob den Status auf. So entstand ein moderner Wettkampfort. Für gerade einmal sechs olympische Entscheidungen.

Und danach? Nichts mehr. Wie bei acht weiteren olympischen Anlagen, deren Nachnutzung bislang nicht geregelt ist. Weil das rund 160 Millionen Euro teure Ski-Areal für den südkoreanischen Hobbyläufer als zu schwer - und daher wohl auch nicht als rentabel - gilt, soll es sehr wahrscheinlich sehr schnell komplett zurückgebaut werden. Der nächste olympische Gigantismus-Aberwitz, nach den kostenausufernden Sommerspielen von London 2012, dem Milliarden-Mahnmal Sotschi und dem teuren Umsiedlungsirrsinn samt Müllproblem, Bau-Chaos und Korruptionsaffären in Rio de Janeiro 2016. Nun also Jeongseon. Das Mini-Skigebiet mit nur einer Piste, die die Sportler zu allem Überfluss auch noch langweilt, war nur hochgezogen worden, weil kein anderer Berg in Pyeongchangs Umgebung die Abfahrts-Anforderungen des Skiweltverbands Fis erfüllt hatte: Es gilt ein Mindest-Höhenunterschied von 800 Metern, in Jeongseon sind es 825. Das auch noch 35 Menschen umgesiedelt werden mussten - nun ja, irgendeinen trifft Olympia halt immer.

Ein Irrsinn

Nur: So richtig zusammenpassen will das nicht mit Regel 2, Punkt 13 der IOC-Charta: "Es ist Aufgabe des IOC", heißt es da, "einen verantwortungsvollen Umgang mit Umweltbelangen zu unterstützen" und zu verlangen, dass die Spiele in "Übereinstimmung mit diesen Grundsätzen veranstaltet werden". Nun, sei's drum. Versendet sich medial sowieso. Will man sagen. Hat sich der internationale Fokus nach dem Ende der Spiele und nach den vom 9. bis 18. März stattfindenden Paralympics erst einmal neu orientiert, was sehr schnell gehen wird -  wen interessiert dann schon das Schicksal einer einsamen Abfahrt in einem abgelegenen Tal, 45 Fahrminuten von Pyeongchang entfernt?

Russisches Staatsdoping? Thomas Bach.
Russisches Staatsdoping? Thomas Bach.(Foto: imago/ITAR-TASS)

Nun, am Sonntag, steht das Alpine Centre aber voll im Fokus. Mit dem Gold in der Herrenabfahrt wird auf der 2857 Meter langen Strecke einer der wichtigsten Titel ausgefahren. Endlich der große Sport. Das Spektakel. Die wohl erste richtig große Heldenschreibung. Endlich das, was die Olympischen Spiele doch eigentlich ausmacht. So mögen das IOC und ihr wankelmütiges Alphatierchen Thomas Bach denken. Ganz praktisch nebenbei: Ein Russe wird nicht am Start sein.

Und selbst wenn: In den Speedwettbewerben sind die Osteuropäer so weit abgehängt, dass hier vermutlich niemand das belastendste Thema dieser Weltspiele ansprechen wird: Das russische Staatsdoping und das sportjuristische Chaos zwischen dem seltsam selbstzufriedenen IOC und dem Internationalen Sportgericht Cas über das Startverbot umstrittener Athleten. Bis wenige Stunden vor Eröffnung der Spiele zog sich das Theater hin. Ein Irrsinn. Genauso wie die erst Ende Januar von der ARD enthüllten, offenbar ganz simpel möglichen Manipulationen von Urinfläschen bei der Dopingprobe. Oder der Anfang Februar bekannt gewordene womögliche Akkord-Betrug im Langlauf mit 313 Doping-Verdächtigen seit 2001. Mehr als 50 von ihnen haben sich für Pyeongchang qualifiziert. Sie alle tauchen in einer Datenbank mit abnormalen Blutwerten auf. Endlich wieder sauberere und fairere Spiele? Ein fürchterlich naiver Gedanke.

Bizarre Welt

Die um Perfektion in jeglicher Hinsicht bemühten Gastgeber indes belastet dieses Thema kaum. Sie reden lieber über die "schönen Spiele", interessieren sich für ihre Gäste, freuen sich auf die Wettkämpfe und bieten dem Besucher vom Flughafen an, in den neu gebauten Hochhausschluchten zur Unterbringung und an den Shuttle-Points jederzeit geduldig Hilfe an. Gerne auch im Kollektiv. Nur die Frage nach Nordkorea, die hören viele der Volunteers, die hier überall anzutreffen sind, gar nicht gerne. Vermutlich nur aus Höflichkeit und Respekt gegenüber dem Gast antworten sie dennoch. Denn die Diktatur aus dem Norden sendet für sie eine Delegation mit unzumutbaren Bedingungen. Bedingungen, die den sich freundlich und selbstbewusst präsentieren wollenden Süden zum blassen Nebendarsteller werden lässt: So schickt die Volksrepublik Cheerleader, "the army of beauty" genannt, Musiker und Showkämpfer, die alle regelmäßig zu ihren Auftritten einladen.

Dazu die viel beachtete Problemanreise mit einem Uralt-Traumschiff. Und dann noch das: Bei der Ankunft der sportlichen Delegation am Donnerstagnachmittag wurde sogar die Landesflagge gehisst und die Nationalhymne gespielt - beides ist im Süden sonst verboten. Die neue entspannte Zugewandtheit, die Südkoreas Präsident Moon Jae sich nur allzu gerne anschreiben lässt, ebenso wie der eifrige IOC-Möchtegern-Friedenstifter Bach, soll bei Eröffnungs- und Abschlussfeier zu einem zeichensetzenden Auftritt der gesamtkoreanischen Mannschaft führen, unter zwar neutraler, aber trotzdem umstrittener Vereinigungsflagge. Im Damen-Eishockey soll sie mit und in einem gemeinsamen Team funktionieren, gegen alle Widerstände - in der Mannschaft selbst, aber auch in Koreas Gesellschaft.

Und auch aus Jeongseon gibt es nicht nur schlechte Nachrichten: "Wenn Sie die Olympiaabfahrt in Südkorea sehen, dann können Sie einen besonderen Baum entdecken", erklärte Pistenbauer Bernhard Russi in einem Interview mit dem "Kurier" aus Österreich, "angeblich sind Frauen, die keine Kinder kriegen können, zu diesem Baum gepilgert und haben dort übernachtet. Und dann sind sie plötzlich schwanger geworden. Darum haben wir die Piste verlegt. Ich habe einen Höllenrespekt vor der Natur." Eine bizarre Welt.

Quelle: n-tv.de