Olympia

Kein Rio-Debakel, aber Dauerkrise Zum Schluss steht Olympia im Regen

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Bei der Abschlussfeier in Rio spielt der Wettergott nicht mit.

(Foto: dpa)

Olympische Spiele in Rio, das scheint vor dem Start ein Desaster mit Ansage. Am Ende spricht IOC-Präsident Bach von "ikonischen Spielen" und beweist, wie weit sich reale Welt und Sportwelt voneinander entfernt haben.

Um 22.18 Uhr Ortszeit hatte es Rio de Janeiro überstanden. Im besten Sportbürokratenton erklärte IOC-Präsident Thomas Bach das erste Südamerika-Gastspiel des Olympia-Zirkus' für beendet. Bach wirkte ungefähr so emotional wie die Zehntausenden Soldaten, die seine Spiele schwerbewaffnet mit dem Finger am Abzug bewacht hatten. Schon bei der Ankunft am Flughafen war jedem Rio-Besucher schlagartig klargeworden: Nicht die Panamerica-Spiele 2007, der Weltjugendtag 2013, die Fußball-WM 2014 waren Rios olympische Generalproben gewesen. Es waren die Weltmilitärspiele 2011.

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Thomas Bach ist im Großen und Ganzen zufrieden mit den Spielen in Brasilien.

(Foto: REUTERS)

Aber Olympia in einer Festung, das war kein Alleinstellungsmerkmal für Rio de Janeiro und emotionale Spiele waren es eh nie. Kurz nach Bach erlosch auch die olympische Flamme und ins Maracana regnete die Frage, ob sie je richtig gebrannt hatte in Brasilien. Also, was bleibt von diesen Spielen? Zum Beispiel dieser Satz: "The driver wronged the way!" Richtiger Shuttle-Bus, falscher Weg. Nirgendwo statt olympisches Tischtennis-Finale. Verfahren. Das passt auch als Ein-Wort-Beschreibung für Olympia in Rio.

Es passte einiges nicht. Das war zu erwarten. Auch ohne wirtschaftliche und politische Krisen sind Sommerspiele ein exorbitant teures und schwer zu bändigendes Organisationsmonstrum. In Rio war lange vor dem 17-Tage-Spektakel unter dem Motto "Eine neue Welt" klar: Nicht einmal der chaotische Charme der brasilianischen Improvisation würde reichen, um alles Knacken und Knirschen zu kaschieren. Die alte Welt sah und hörte es, als sich das Becken der Turmspringer grün färbte, auf Fotos und Berichten des attackierten Journalisten-Shuttles oder wenn die TV-Regie entgegen des olympischen Bilder-Geistes erschreckend leere Tribünen zeigte.

Das selbst im IOC befürchtete Debakel waren die Spiele nicht. Das ist ein Erfolg. Die Baustellenatmosphäre in Arenen und Olympischem Dorf, die Hygiene dort (und nicht in der verdreckten Segelbucht), der Transport, das war in Rio das größte Ärgernis. Es traf die eigentlichen Hauptdarsteller: die Athleten. Falls es sie auch beeinflusste, dann nicht zum Positiven.

Freie Plätze bei der Abschlussfeier

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Kritischer Rückblick: Fabian Hambüchen.

(Foto: imago/Nordphoto)

"Manchmal grenzwertig" nannte Turnstar Fabian Hambüchen die Zustände in der "Welt am Sonntag". Er sagte das nicht als Ausrede für ein verkorkstes Turnier. Er sagte es als Reck-Olympiasieger und im Vergleich mit den drei Spielen, die er zuvor in Athen, Peking und London erlebt hatte. Er sagte aber auch, dass Brasilien eben nicht "mit europäischem Standard" zu vergleichen sei. Das ist ein wichtiger Nachsatz. Viel wichtiger als Bachs Gerede von "wichtigen, ikonischen Spielen". Die waren es nicht.

Am Ende standen die Sportler in Rio de Janeiro noch einmal im Regen. Zwei Stunden vor Beginn der Abschlussfeier begann es rund ums Maracana zu stürmen, zeitweise schüttete es wie aus Kübeln. Das war ein passendes Bild und auch, dass es zahlreiche freie Plätze gab. Es war trotzdem eine feine Abschlussfeier. Nicht pompös, dafür fröhlich, gelöst, stolz. So anders als die Spiele in vielen Momenten. Nicht nur der Anfang vom Ende gelang Rio gut, das Ende auch.

Seine wahren Olympia-Abschlussfeiern hatte Brasilien da längst hinter sich. Der Elfmeterkrimi gegen Deutschland am Samstag vor atemberaubender Geräuschkulisse, der Brasilien das erste Fußball-Gold überhaupt schenkte und den Stolz in seinen Nationalsport zurückgab. Das Herrenfinale im Volleyball gewann Brasilien 3:0 gegen Italien. Wie das Maracana am Samstag die brasilianische Hymne gesungen hatte, wie das Maracanazinho nebenan "O campeao voltou!" für die goldenen Volleyballer schmetterte, wie dort im Freudentaumel kurzerhand Anti-Olympia-Songs umgetextet wurden - es waren die Momente, in denen sich Brasilien mit seinen Spielen versöhnte und noch lauter jubelte als für Sprint-Clown Usain Bolt, es waren gute Momente.

Bitterer Nachgeschmack

"Das wirkliche Erbe für Rio sollte ohnehin die Erinnerung an die Wettkämpfe selber sein", hatte Ruder-Olympiasieger Wolfgang Maennig kurz vor den Spielen im Interview mit n-tv.de gesagt. Die haben die Spiele geschaffen, für Brasilien und auch den Rest der Welt. Aber sonst?

Zur immer jungen Frage, wie man den Erfolg Olympischer Spiele vermisst, hatte der US-Journalist und Sportpolitikexperte Dave Zirin vor der Abschlussfeier getwittert: Messe man Erfolg der Rio-Spiele daran, wie "eine Stadt am finanziellen Limit die Spiele mit Klebeband und heroischer Arbeit hinter den Kulissen auf die Beine gestellt habe, sind sie unter den besten". Beurteile man die Rio-Spiele allerdings nach "den sozialen Kosten für die Armen der Stadt (...) und danach, dass sie vorwiegend den Wohlhabenden und dem IOC gedient haben, sollten sie als schändlich erinnert werden". Beides stimmt.

Keine Blamage, ein paar goldene Momente für die Ewigkeit, Infrastrukturprojekte vor allem für die Oberschicht, das ist nicht wirklich viel für Kosten von mindestens zwölf Milliarden Euro. Das gilt allgemein, aber noch mehr gilt es für ein Land wie Brasilien, eine Stadt wie Rio, die zerrissen sind von sozialen und wirtschaftlichen Problemen und jetzt wieder zurückgeworfen auf ihre Probleme. Zum Musikprogramm der Abschlussfeier gehörte das Lied "Me Dá Um Dinheiro Aí", "Gib mir Geld". Manchen Brasilianern schmeckte der Abschied plötzlich bitter, war bei Twitter zu lesen. Wenn die brasilianische Aufarbeitung der Spiele anfängt, der Kostensteigerungen, Auftragsvergaben, wird der Geschmack über Jahre bleiben.

Zur unterschiedlichen Wahrnehmung von realer Welt und Sportwelt passte auch, was IOC-Präsident Bach auf der Abschluss-Pressekonferenz gesagt hatte. "Diese Spiele wurden nicht in einer Luftblase organisiert, sondern in einer Stadt mit sozialen Problemen und Unterschieden", sagte er da: "Es war gut, dass die Spiele nah an der Realität waren und nicht irgendwie isoliert." Aber wie nah sind Spiele an der Realität, wenn Sportler als ihre Hauptdarsteller die behütete (und streng bewachte) olympische Welt des Athletendorfs nicht eigenständig verlassen dürfen? Wer in Rio nach den Unterschieden zu London fragte, der hörte auch Schwärmereien von der Freiheit in London. Einfach in Bus oder Metro steigen zu können und irgendwo hinfahren, diese Freiheit gab es in Rio nicht.

Englische Athleten wurden von ihrem Verband sogar explizit davor gewarnt, das Olympische Dorf zu verlassen und wenn doch, dann inkognito. Die erfundene Story von US-Schwimmer Ryan Lochte verfing auch deshalb, weil in Rio alles möglich schien – auch mit Polizeiuniformen ausgestattete Räuber, die Athleten eine Pistole auf die Stirn setzen. Nach der Attacke auf den Medienbus in Deodoro gab es Berichte, dass dort jedes Olympia-Fahrzeug vom Militär eskortiert werde. Zumindest in der zweiten Woche war das nicht mehr der Fall.

Mehrere Peinlichkeiten

Als Bach zum Abschluss auch im Maracana noch einmal von einem "einzigartigen Erbe" für Rio de Janeiro sprach, fiel der Applaus unterwältigend aus. Bürgermeister Eduardo Paes wurde gellend ausgepfiffen. Er vertrat bei der Übergabe des olympischen Staffelstabs an Tokio den brasilianischen Interimspräsidenten Michel Temer. Der hatte sich nach der Eröffnungsfeier nicht mehr ins Stadion getraut. Japans Premierminister Shinzo Abe kam als Super Mario.

Immerhin: Die größten Peinlichkeiten der Spiele produzierten nicht die Spiele selbst. Sondern eben Lochte. Oder die Verhaftung von IOC-Mitglied Patrick Hickey wegen illegalen Tickethandels, der nachts im Bademantel aus seinem Hotel abgeführt wurde und seit Freitag im Knast sitzt. Und natürlich das Herumlavieren des IOC-Präsidenten in der Russland-Frage, sein Beugen der olympischen Charta und seine beschämenden Attacken auf die von Rio ausgesperrte Whistleblowerin Julia Stepanowa. Das waren wirkliche Tiefpunkte in Rio.

Bach wirkt nach dem Ende seiner ersten Sommerspiele immer mehr wie der Vorstandsvorsitzende eines Milliardenkonzerns, der das IOC auch ist. Wie der wichtigste Sportführer der Welt, dem olympische Werte am Herzen liegen, der ernstzunehmende Visionen für einen sauberen, integren Sport hat, wirkt er nicht. "The driver wronged the way", der schiefe Satz trifft nach Rio auch auf das IOC unter Thomas Bach zu. Olympia steckt in einer Sackgasse. Rio de Janeiro trägt daran keine Schuld. Auch wenn Olympia in Rio zum Schluss nochmal im Regen stand.

Quelle: ntv.de

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