Olympia

Russische Party in Pyeongchang "Haus des Sports" - Olympias skurrilster Ort

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Im "Haus des Sports" feiert Russland während der olympischen Spiele - sich selbst und die Medaillen der OARs.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Wegen Staatsdopings fehlt Russland offiziell bei Olympia. Dennoch sind erstaunlich viele russische Athleten in Pyeongchang dabei, unter dem Kürzel OAR. Auch ein russisches Olympia-Haus gibt es, ebenfalls inkognito. Ein Besuch.

Das Team D, das D steht für Deutschland nicht für Dahlmeier, empfängt seine Gäste in einem noblen Golf-Hotel zwischen Rodelbahn und Olympiastadion. Die Österreicher laden offiziell in ihre optisch deutlich unterlegene Residenz am Kreisverkehr ein. Sie punkten mit Schnitzel-Brötchen, Käsespätzle und einem kleinen Schnee-Beachvolleyplatz. Jede große Nation hat bei Olympischen Spielen einen Ort, an dem sie feiert. Im Deutschen Haus steigt derzeit eine Akkord-Party angesichts der Medaillenflut. Auch die Österreicher kommen nach den alpinen Festspielen langsam in Apres-Ski-Laune. Und die Russen? Sie, bekannt für wildesten olympischen Wodka-Wahn und ausgelassene Eskalationen, wie es erfahrene Kollegen gerne erzählen und schreiben, dürfen nicht. Zumindest offiziell nicht. Gesperrt in Folge des bewiesenen jahrelangen Staatsdopings, mit dem vor allem die olympischen Heimspiele von Sotschi 2014 systematisch manipuliert wurden.

Da, also anwesend und aktiv in Pyeongchang, sind sie dennoch. Mit 168 überwiegend unerfahrenen Athleten, auffällig vielen Fans und dem vielleicht bizarrsten Ort im großolympischen Umfeld. Keine drei Kilometer vom "Olympic Park" entfernt, wo gecurlt, gefreestylt, geschlittert und geshorttrackt wird, haben sie ihr "Haus des Sports" eingerichtet. In einem umfunktionierten Hochzeitssaal, gelegen in einem Hinterhof, dafür unmittelbar am Meer. Am Gyeongpo Beach, dem angeblich schönsten Strand in Südkorea.

Schön ist der direkte Weg zum "Haus des Sports" indes nur für Freunde der Frischfisch-Zubereitung. In unendlichen Bassins "warten" gestapelte Krebse und zahlreiches Flossentier auf Abnehmer. Wer nicht genau weiß, wo die Heimstätte der Russen ist, der läuft erst einmal dran vorbei. Garantiert. Das ist aber nicht nur eigenen Orientierungsschwächen geschuldet, sondern auch den rot-weiß-blauen Maskottchen, Cheerleadern und Kapellen, die demonstrativ auf der schönen Strandpromenade flanieren und Suchende in die Irre führen.

Der Minimalbann wirkt

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Schön ist anders.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Dann aber der unscheinbare Seiteneingang, der Einlass gewährt ins "Haus des Sports". Das empfängt den Besucher in Weiß-Blau-Rot. Also doch ein "Russisches Haus"? Erste Frage, erste Ansage: "Kein Haus der Russen." Nachfrage: unerwünscht. Der Ton ist freundlich, aber bestimmt. Aus gutem Grund: Durch den vom IOC verhängten Minimalbann darf sich in Pyeongchang keine russische Funktionärsdelegation olympisch niederlassen. Die Sportler müssen in neutralen, roten Rennanzügen antreten oder in grau-biederen Trainingsoutfits. Die Landesflagge dürfen sie nicht nehmen, auch die Nationalhymne wird nicht gespielt. Offiziell starten sie als "Olympische Athleten aus Russland". Und sie halten sich dran. Den einzigen Vorfall gegen die Bann-Regeln haben nicht russische Sportler, sondern die Olympia-Organisatoren zu verantworten. Auf den regulären Ergebnisseiten waren am ersten Wettkampftag kurzzeitig drei russische Sportlerinnen im Ski-Freestyle mit den russischen Nationalflaggen abgebildet. Ein Fauxpas, der eiligst korrigiert wurde.

Der Olympia-Sperre und der Hinterhof-Demütigung begegnen die Russen indes mit einem Maximum an nicht regelbrechendem Nationalstolz, auch bei der Inneneinrichtung: Kleine und größere Bilder von sportlichen Legenden, alle acht olympischen Goldmedaillen im Eishockey zwischen 1956 und 1992 sind in Vitrinen ausgestellt, daneben hängen die Originaltrikots. Von den Wänden grüßen riesige Matrjoschkas - mal mit Eishockeyschläger, mal als DJ, mal als Köstlichkeiten anreichende Hostess. Auf Bannern an zwei hochliegenden Galerien steht: "RUSSIA IN MY HEART". Auf der Bühne singt ein russischer Männerchor, Besucher tanzen Kasatschok, den Kosakentanz. Auch Präsident Wladimir Putin ist da. Nicht persönlich, dafür aber in einer ausladend auf Staffeleien aufgestellten Bildergalerie. Alle Fotos haben einen Bezug zu südkoreanischen Besuchen oder Ehrungen. "Wir sind stolz", sagt eine echte Hostess. Sie trägt ein Kleid. Farbe: rot.

Stolz, aber auch gedemütigt

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Der russische Stolz schimmert im "Haus des Sports" überall durch.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Sie sind stolz, aber auch gedemütigt. Selbst die nach Expertenmeinung viel zu milde Strafe durch das IOC für einen der größten Dopingskandale der olympischen Geschichte ist für die Russen inakzeptabel. "Selbstverständlich sind wir wütend! Sehr sogar. Wie könnten wir nicht wütend sein? Was denken Sie denn?“, sagte Eduard Subotsch, Vize-Präsident des Skisprungverbands, in einem Gespräch mit dem Sportinformationsdienst. Bis heute weigern sich Sportler, Funktionäre und Politiker, staatlich gelenktes Doping zuzugeben, obwohl die Beweise erdrückend sind. Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte sogar, sie seien "ohne Skrupel" von den USA inszeniert worden, weil "sie uns nicht fair schlagen können". Umso größer wird jeder einzelne Erfolg der OAR-Mannschaft gefeiert. In den Stadien, noch mehr aber hier am tosenden Meer, wo täglich bis zu 350 Besucher im "Haus des Sports" vorbeikommen. Darunter sind auch Athleten, erst am Morgen sollen 40 OAR da gewesen sein. Es kommen aber auch viele internationale Gäste. Sie sind gespannt auf Stimmung und Atmosphäre. Und die ist leidenschaftlich.

Als der erst 21-jährige Dennis Spitsow in der Herren-Langlaufstaffel plötzlich 20 Sekunden Rückstand auf das norwegischen Wunderkind Johannes Hoesflot Klaebo aufgeholt hatte und ihn drei Kilometer vor dem Ziel plötzlich attackierte, da explodierte der Nationalstolz: "Russia, Russia", hallte es durch den umgebauten Hochzeitssaal, angepeitscht wurde die Stimmung von einem DJ. Wer jetzt noch kein weiß-blau-rotes Herz auf der Wange hatte, der ließ in der kleinen Schminkstube noch schnell nachrüsten.

Wodka? Gibt es nicht

Zum russischen Stimmungsdämpfer werden nicht IOC oder USA, sondern Langläufer Klaebo. Er kontert, den OAR bleibt Silber, bereits die elfte Olympia-Medaille in Pyeongchang. Eine goldene fehlt zwar weiterhin, darauf trotzdem einen Wodka, der doch hier früher hektoliterweise geflossen sein soll! Problem: Den gibt's nicht mehr, klärt eine Hostess auf. Dann eben einen Tee und Zuckergebäck.

Täglich zwischen 12 und 22 Uhr ist das "Haus des Sports" geöffnet. Nächtliche Partys? "Machen wir hier nicht", sagt die Hostess, während die tägliche Sause noch lärmt. Der nächtliche Feierboykott aber könnte sich bald ändern: Eine Kommission des IOC berät darüber, ob die OARs zur Schlussfeier nach einem läppischen Zwei-Monats-Bann schon wieder als Russen Abschied von Olympia nehmen dürfen, mit Hymne, Flagge, mit allen nationalen Insignien. Angesichts schwammiger Kriterien deutete viel auf Russlands rasche Wiedereingliederung in die olympische Familie hin - das war allerdings vor dem mutmaßlichen Dopingfall um den russischen Curler Alexander Kruschelnizki. Dessen B-Probe soll am Montag geöffnet werden. Auch im "Haus des Sports" dürften sie das ganz genau verfolgen.

Quelle: ntv.de

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