Olympia

Riefenstahl als Heißmacher? IOC wirbt mit Nazi-Propaganda für Olympia

cfe82b7d829faa4afe2549e002da6425.jpg

Der Hype um Olympia bleibt bislang aus.

(Foto: imago images/NurPhoto)

Die Olympischen Spiele starten - und entfachen bislang kein Feuer der Begeisterung. Das IOC will da nachhelfen und veröffentlicht einen Film über die 100 vergangenen Jahre der Spiele. Darin sind ohne Einordnung auch Szenen aus einem Nazi-Propagandafilm zu sehen. Das stößt bitter auf.

Werbung schadet nie - oder doch? Die Olympischen Spiele in Tokio sind bislang nicht gerade das, was man gemeinhin ein Massenspektakel nennt. Coronavirus-Pandemie, ein Jahr verschoben, keine Zuschauer in den Arenen, Ablehnung der Japaner. Am Freitag findet die Eröffnungsfeier statt, doch von Begeisterung und Vorfreude ist zumindest in Deutschland wenig zu spüren. Mutmaßlich ist es in anderen Ländern ähnlich. Da dachte sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) offenbar: Schüren wir mit Werbung doch mal Enthusiasmus.

Mit der 100-jährigen Agnes Keleti, die im knapp zweiminütigen Film als Zeitzeugin dargestellt wird. Die ehemalige ungarische Turnerin, die fünf Olympische Goldmedaillen gewann, damit zu den erfolgreichsten Athletinnen überhaupt zählt. "Einhundert Jahre. Ein Leben. Eine Olympionikin. Was sah Agnes in ihrem Jahrhundert?", so beginnt der Film. Eine schöne Geschichte - wäre da nicht die grausame Realität. Und der mehr als unglückliche Umgang des IOC mit der Geschichte. Denn der Film zeigt Ausschnitte aus Leni Riefenstahls Propagandafilm "Fest der Schönheit" über die Spiele 1936 in Berlin.

Nicht das erste Mal, schon im vergangenen Jahr gab es für Zusammenschnitte dieser Art viel Kritik. Da hatte das IOC bei Twitter einen Zusammenschnitt über die Spiele 1936 veröffentlicht: "Das entpuppt sich schon als ziemlicher #ThrowbackThursday! Berlin 1936 markierte den ersten Olympischen Fackellauf, der das Feuer zum Kessel brachte. Wir können es kaum erwarten, den nächsten in Japan zu sehen. #Strongertogether." So hieß es vor einem Jahr im Twitter-Kanal des IOC. Eine Einordnung der Historie fehlte. Der mit dem Tweet so gerühmte Fackellauf war Teil der damaligen Inszenierung, die Strecke war vom Propagandaministerium von Joseph Goebbels bestimmt worden.

Riefenstahl, Biles, Brown in einer Reihe

imago0125763531h.jpg

Riefenstahl und Hitler.

(Foto: imago images/AGB Photo)

Der Clip wurde noch gelöscht, doch das IOC veröffentlichte schon im Januar dieses Jahres erneut einen Film mit Riefenstahls Propagandabildern. Es sollte um Freundschaft gehen. Nun ja. Der nun aktuelle Film, der bei Youtube zu finden ist und auch bei der Vollversammlung des IOC in Tokio gezeigt wurde, liefert einmal mehr Riefenstahl-Bilder, ohne den geschichtlichen Kontext einzuordnen. Da stehen also Riefenstahl-Szenen der Spiele 1936 neben dem aktuellen Superstar des Turnens, Simone Biles, neben dem erfolgreichsten Olympioniken, Schwimmer Michael Phelps, neben Skateboarderin Sky Brown, die als große Goldfavoritin in Tokio gilt.

Untertitelt sind Bilder von Leichtathlet Jesse Owens bei den Nazispielen Adolf Hitlers mit den Zeilen: "Sie (Keleti, Anm.d.Red.) sah den Enkel von Sklaven Freiheit neu definieren." Bitte was? Owens hat den Nationalsozialisten beigebracht, was Freiheit ist? Er durfte die Freiheit genießen, dass er als Schwarzer im Nazi-Deutschland antreten - und vier Goldmedaillen gewinnen - durfte? Eine seltsame Denkweise. Zumal andere Sportler sehr wohl an ihrer Teilnahme gehindert wurden. Wie etwa die deutsche Hochspringerin Gretel Bergmann, die wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht nominiert wurde.

Keleti verlor ihren Vater in Auschwitz

Mehr zum Thema

Auch Keleti ist die Tochter jüdischer Eltern. Sie war für die Spiele 1940 in Tokio nominiert, verlor diese aber wegen ihres jüdischen Glaubens, wurde aus ihrem Verein ausgeschlossen. Letztlich wurden die Spiele wegen des Zweiten Weltkriegs abgesagt. Keletis Vater und mehrere Onkel wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Sie selbst überlebte den Holocaust nur, weil sie eine andere Identität annahm. Als Dienstmagd getarnt verdingte sie sich in einem ungarischen Dorf. Nach den Spielen 1956 in Melbourne, bei denen sie vier Gold- und zwei Silbermedaillen gewann, beantragte sie politisches Asyl in Australien. Keleti ertrug den Antisemitismus in ihrer Heimat nicht, zog ein Jahr später gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester weiter nach Israel, kehrte erst 2016 zurück nach Ungarn, um bei ihrem Sohn sein zu können.

Ausgerechnet Keleti wird nun vom IOC als Werbefigur für 100 schöne Jahre Olympische Spiele dargestellt. In einem Film, der mit dem Satz endet: "Gemeinsam sind wir stärker als es die Dunkelheit je sein kann." Das ist im Zusammenhang mit Hitlers Propagandabildern mehr als gewagt. Auch der begeisterndste Sport kann die Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg nicht überstrahlen, kann wegen des Krieges ausgefallene Spiele nicht vergessen machen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.