Olympia

Ewige Sekunden und verhinderte Pinkelpausen Sieben Dinge, die von Olympia bleiben

DI30175_20120813.jpg6435694406725383868.jpg

In Peking noch zweimal mit Gold dekoriert, in London ohne Medaille: Britta Steffen ging mit ihren Schwimmkollegen in London unter.

(Foto: dapd)

Die Olympischen Sommerspiele in London sind Sportgeschichte. Ober-Olympier Jacques Rogge findet sie "glücklich und glorreich". Was bleibt noch? Weltrekorde, die einfach nur wahnwitzig sind. Sekunden, die nie enden wollen. Begeisterung, die nicht mal Platz zum Pinkeln lässt. Und eine bittere Erkenntnis.

1. Man kann auch schwimmend untergehen

"Jetzt werden wir erstmal zwei Stunden das böse Wort mit Sch... ins Handtuch brüllen und dann ist wieder alles gut." Schwimmtrainer Frank Embacher hatte im Londoner Aquatics Centre schlechte Laune, die Schwimmwettkämpfe hatten gerade mit einer deutschen Blamage begonnen. Im weiteren Verlauf der Spiele hat sich dann leider herausgestellt, was allein Britta Steffens Doppel-Gold 2008 in Peking noch verdeckt hatte: dass die olympischen Schwimmwettkämpfe in Gänze aufs Höchste blamabel waren für Deutschland und nichts gut ist. Die Beckenschwimmer haben in London das Kunststück fertiggebracht, keine Medaille mitzunehmen. Das war ihnen zuletzt 1932 geglückt. Von allen deutschen Enttäuschungen war es die enttäuschendste. Der Deutsche Schwimm-Verband DSV hat anschließend strukturelle Probleme eingeräumt und personelle Konsequenzen ausgeschlossen. Von Herrn Embacher sind keine weiteren Bonmots überliefert. Womöglich brüllt er immer noch in sein Handtuch.

2. Briten sind perfekte Gastgeber

RTR36AN5.jpg

Party-People: Die Briten feierten stimmungsvolle Spiele in London. Und sich selbst.

(Foto: REUTERS)

Dass Zuschauer beim Sport ihre Landsleute anfeuern, ist nichts Besonderes. Dass sie auch den Wettkampftrichter bejubeln, bloß weil er ein Brite ist, kommt schon seltener vor. Dass aber an einem Wochentag bereits morgens 80.000 Menschen im Olympiastadion den Athleten bei den Vorkämpfen zusehen, ist ein Phänomen. Auch, dass sich 30.000 am Dorney Lake versammeln, um die Ruderer anzufeuern. Wer die Sportler fragt, bekommt Antworten wie "atemberaubend", "fantastisch", "unglaublich". Es zeigt, dass große Sportereignisse am allerbesten dort aufgehoben sind, wo der Sport eine Tradition hat. Völlig beeindruckt war der deutsche Radprofi André Greipel nach dem Straßenrennen vor über einer Million Zuschauer. "Es war das Wahnsinnigste, was ich je in meinem Leben erlebt habe. Es gab keine Stelle zum Pinkeln." Danke, London.

3. Eine Sekunde ist zu lang

Von allen Randsportarten, die nur bei Olympischen Spielen eine Bühne geboten bekommen, ist Fechten mit seiner Mischung aus Höchstleistung, Technik und aristokratischem Gestus für viele Sportfans noch die olympischste. Die rückständigste ist es auch. Warum? Weil die Fechter nur Uhren mit Sekundenanzeige verwenden, obwohl es auf Zehntelsekunden ankommt, mindestens. Die Südkoreanerin Shin A Lam hat dieser bedauerliche Umstand viele Tränen gekostet, die deutschen Florettherren die Chance auf Gold. Den Spielen in London haben die Fechter die längste Sekunde der olympischen Geschichte geschenkt. Manche Präsente möchte niemand haben.

4. Olympia ist Begeisterung

Wenn sich plötzlich so viele Menschen für Sportarten begeistern, die sie zuvor mutmaßlich nur vom Hörensagen kannten, dann ist das Olympia. Und wenn dann noch zwei Strandjungs Deutschland die Goldmedaille im Beachvolleyball gewinnen, sitzen zu Hause in Deutschland am späten Abend Millionen vor den Fernsehern und fiebern mit. Spitzensport begeistert, klar. Noch mehr aber sind es die großen Momente und Gefühle. Häme war es nicht, die den Gewichtheber Matthias Steiner begleiteten, als er unter seiner 196 Kilogramm schweren Hantel zusammenbrach und den Wettkampf abbrechen musste. Die Zuschauer litten mit. Und als der Deutschland-Achter in der Mittagszeit zum Sieg ruderte, war das eine olympische Sternstunde. Und spektakulärer als der Triumph der deutschen Hockeyspieler war wohl nur die anschließende Feier auf der MS Deutschland im Londoner Hafen. Sie sangen noch um halb sechs in der Früh, als sie ihnen die Musik längst abgedreht hatten. "Wenn nicht jetzt, wann dann". Genau.

5. Eine Legende ist eine Legende ist eine Legende

Usain Bolt ist eine lebende Legende. Sagt Usain Bolt, der in der kommenden Woche 26 Jahre alt wird. Der Sprinter aus Jamaika hat bei den Spielen über die 100 Meter, die 200 Meter und in Weltrekordzeit mit der Staffel drei Goldmedaillen gewonnen. Er hat es allen gezeigt. Sagt Usain Bolt. Sagen aber auch alle anderen. Weil er schlichtweg Recht hat. Wenn einer so schnell läuft wie er, dann sieht man ihm auch sein äußerst ausgeprägtes Selbstbewusstsein nach. Und wenn nicht: Er bleibt eine prägende Figur dieser Spiele. Weil er der schnellste Mann der Welt ist - und die Menschen mit seiner Show fasziniert. Nur Jacques Rogge, oberster Olympier, sieht das etwas anders. Um zur Legende zu werden, müsse man schon an drei oder vier Olympischen Spielen teilnehmen. Usain Bolt war empört. "Was soll ich noch machen, um in Rogges Augen eine Legende zu werden?"

6. Hauptsache, es sieht gut aus

Allyson Felix sagte: "Für so lange Zeit war der Weltrekord völlig außer Reichweite. Auf der Anzeigetafel diese Zeit zu sehen - einfach Wahnsinn." Ines Geipel sagt: "Ein hochgedopter DDR-Weltrekord, einfach ausgelöscht - es tut mir leid, aber so eine Leistung ist ohne Chemie definitiv nicht möglich." Von den 44 Weltrekorden der Olympischen Spiele 2012 war die neue 4x100-Meter-Bestmarke der US-Frauen neben dem chinesischen Schwimmwunder jene, die den Spagat zwischen dem Wunsch nach Spektakel und sauberem Sport am besten verdeutlichte. Und zeigt, welches Verlangen bei Sportlern und Zuschauern überwiegt. Der Sportphilosoph Gunter Gebauer sagt: "Die Älteren sind von Doping schon sehr angewidert. Andere, Jüngere, finden das völlig belanglos." Ines Geipel sagt: "Die Realität spielt keine Rolle mehr. Das ist erschütternd." Allyson Felix sagt: "Das ist verrückt."

7. Deutschland ist ein Wintersportland

Irgendwann weit vor den Olympischen Spielen in London haben die deutschen Sportverbände Zielvereinbarungen mit dem Bundesinnenminister getroffen. Unmittelbar nach ihrer juristisch erzwungenen Veröffentlichung am Freitag wurden sie eilig in Fördervereinbarungen umgetauft. Ansonsten hätte der Deutsche Olympische Sportbund DOSB jetzt zugeben müssen, dass die vereinbarten Ziele in London verfehlt wurden. Grandios verfehlt. Der unbestechliche Medaillenspiegel weist für die Sportnation Deutschland Platz sechs aus. Knapp hinter Südkorea, das Gegenteil von knapp hinter den Großmächten USA, China, Russland und Gastgeber Großbritannien. Der Sport ist in der Spitze breiter geworden, das führt der DOSB gern als Entschuldigung an. Immer mehr Athleten und Trainer hierzulande sagen: Die deutsche Spitzensportförderung funktioniert im Sommer nicht, es fehlt ganz einfach an einem Versorgungssystem für die Athleten. Man könnte auch sagen, es fehlt die Bundeswehr. Die stellt im Winter fast alle Olympioniken, die beschert dem Armeesportland Deutschland Platz zwei im Medaillenspiegel. Grandios. Würde das Bundesinnenministerium sagen.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema