Olympia

"Wenn jemand Hamlet spielt ..." Thomas Bach irritiert mit seltsamem Vergleich

0505871d103d9e56cf491565b6c76172.jpg

Bach beruft sich gern auf die Olympischen Werte, wirklich einzufordern scheint er sie jedoch nicht, wenn es darauf ankommt.

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Kurz vor Eröffnung der Olympischen Winterspiele scheint der Sport nur eine Nebensache zu sein. IOC-Chef Bach wartet mit einem merkwürdigen Vergleich auf, um die von seinem Verband eingeschränkte Meinungsfreiheit zu erklären. Der mutmaßliche Völkermord Chinas an den Uiguren ist ihm zu politisch.

Thomas Bach rang gestenreich nach Worten, bisweilen stammelte er, dann wagte er einen skurrilen Vergleich. "Wenn ein Theaterschauspieler den Hamlet gibt, dann wird niemand von ihm verlangen, auf der Bühne seine politische Meinung zu äußern", sagte Bach am Tag vor der Eröffnungsfeier der umstrittenen Peking-Spiele. Gleiches gelte für die Athleten, die in der "neuen Wintersport-Nation China" starten, erklärte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees.

Doch neben ungefährlichen Fragen meist aus dem Gastgeberland, die Bach mit eingespielter Rhetorik beantwortete, kamen bei der einstündigen Pressekonferenz nach der 139. IOC-Session weitere kritische Themen auf den Tisch. Allen voran Peng Shuai. Der Fall der früheren Wimbledonsiegerin im Doppel, die nach sexuellen Missbrauchsanschuldigungen gegen einen hochrangigen chinesischen Politiker zwischenzeitlich von der Bildfläche verschwunden war, verlangte die Öffentlichkeit erst recht nach einem nebulös kommunizierten Videotelefonat zwischen Bach und der Chinesin nach Aufklärung - für die Bach auch nur bedingt sorgen konnte.

Ein persönliches Treffen in Peking sei geplant, erklärte der 68-Jährige, hierzu werde Peng eigens in die Olympia-Blase eintreten. Und das IOC würde sie sogar unterstützen, falls sie eine Untersuchung ihrer Missbrauchsvorwürfe fordere, beteuerte Bach - mit einem Zusatz: "Das muss ihre Entscheidung sein. Es ist ihr Leben, es sind ihre Vorwürfe." Nach dem Treffen werde die Ringe-Organisation "besser wissen, wie es ihr körperlich und mental geht", sagte Bach. Kritiker gehen jedoch davon aus, dass Pengs Entscheidungsfindung längst nicht so frei ist, wie der IOC-Chef es darstellt.

Russische Aggression für Bach kein Problem?

Allerdings blieben auch weitere Fragen, wie die nach den mutmaßlich mehr als einer Million in China internierten Uiguren, die Bach knapp mit dem Verweis beantwortete, das IOC kommentiere "keine politischen Themen", ansonsten geriete man "inmitten von Spannungen und politischen Kräften. Dann riskieren wir die Existenz der Olympischen Spiele." Eine mehr als nur fragwürdige Sicht auf das chinesische Vorgehen, das viele als Völkermord einschätzen.

Bach beruft sich da lieber auf den Olympischen Frieden, der angesichts des Konflikts zwischen China und Taiwan und erst recht des russischen Muskelspiels an der Grenze zur Ukraine arg gefährdet scheint. Das IOC könne "nicht garantieren", dass eine Resolution der Vereinten Nationen respektiert wird, sagte Bach, der im Rahmen der Eröffnungsfeier mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping und dessen russischem Pendant Wladimir Putin zusammentreffen wird. Das IOC könne allein "darum bitten", den Olympischen Frieden einzuhalten. 2008 begann am Tag der Eröffnungsfeier der Krieg zwischen Russland und Georgien, 2014 begann während der Winterspiele die russische Annexion der Krim. Bach scheint das nicht zu stören.

Mehr zum Thema

Im Vorfeld und im geschätzten Umfeld der IOC-Mitglieder hatte es das langjährige FDP-Mitglied Bach deutlich leichter. Mit den Peking-Spielen beginne "eine neue Ära des Wintersports", frohlockte er im Beisein Xis während der IOC-Session. Mehr als 300 Millionen Chinesen seien an die Sportarten auf Schnee und Eis herangeführt worden, erklärte Bach stolz.

Von diesem Wachstum werde die Welt profitieren, "der Boom in China wird die globale Wintersport-Industrie verändern". Dies sei ein Segen für die ausländischen Hersteller von Skiliften, Pistenraupen oder Schneekanonen. "All die Unternehmen, die hauptsächlich in den Alpen und in Nordamerika ansässig sind, werden stark von der Entwicklung des Wintersports in China profitieren", erklärte Bach. Sätze, die während seiner Rede im Olympiastadion am Freitag in ähnlicher Form zu erwarten sind. Peng Shuai und die Meinungsfreiheit der Sportler dürften da eher keinen Platz finden.

Quelle: ntv.de, tsi/sid

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen