Olympia

Wie lange geht das noch gut?Die olympische Welt droht krachend auseinanderzufliegen

22.02.2026, 19:08 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Mailand & Cortina
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Das olympische Feuer brennt in Mailand, aber nicht alle Athleten fanden den Geist der Flamme während der Spiele in sich. (Foto: dpa)

Die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina gehen zu Ende. Sportlich haben die 16 Wettkampftage voll geliefert. Aber es gibt auch unüberhörbare Nebengeräusche. Es geht um Politik und darum, ob die Spiele ihren Geist verloren haben.

Kaum waren die Olympischen Spiele in den Ausrichterstädten Mailand und Cortina eröffnet, erzählten sie die Geschichte, die über das Ende von MiCo 26 hinaus, so wurden die Spiele in Norditalien liebevoll genannt, hängenbleiben wird. Die amerikanische Ski-König Lindsey Vonn flog erst auf ihrem Lieblingsberg brutal ab und später ins Krankenhaus. Die Geschichte der 41-Jährigen, die sich mit kaputtem Kreuzband und künstlichem Kniegelenk in den olympischen Gold-Kampf warf, ist eine der größten. Eine andere ist die Menschwerdung des "Eiskunstlauf"-Gottes Ilia Malinin, der dem Druck der Übermenschlichkeit nicht trotzen konnte, in der Kür patzte und nur Achter wurde.

Sportlich haben die 25. Olympischen Winterspiele gehalten, was die Zuschauer sich immer erhoffen, wenn die Wettkämpfe im Zeichen der Ringe ausgetragen werden. Jeden Tag Drama, jeden Tag Sensationen. Und ja, auch schwere Verletzungen gehören dazu. Das ist der Sport. Der Gang an die Grenze macht die Faszination aus. Der Gang darüber hinaus noch mehr. Auch das deutsche Team hat das aufgespannte Netz der Emotionen voll auserkrabbelt. Im Schlittenport ist die Bundesrepublik quasi nicht zu schlagen, auf Skiern gibt's abseits von Rennfahrerin Emma Aicher und Skicrosserin Daniela Maier aber reichlich Nachholbedarf. Vor allem, wenn dann noch ein Gewehr geschultert wird. Die einst große Biathlon-Nation erlebte einen historischen Absturz und verliert mit der unglücklichen Franziska Preuß nun auch noch ihre letzte Galionsfigur. Sie beendet ihre Karriere - ohne die ersehnte olympische Einzelmedaille.

Reichlich davon hat Sturla Holm Laegreid gesammelt. Fünfmal ging er an den Start, fünfmal staubte er ab: Dreimal gab's Silber, zweimal Bronze. In den Schatten gestellt wurde er nur von seinem außerirdischen Landsmann Johannes Høsflot Klæbo, der sechs Mal antrat und sechs Mal Gold gewann. Die Schlagzeilen aber bestimmte, zumindest für einige Tage, Laegreid. In Erinnerung bleibt der Norweger aber nicht wegen seiner sportlichen Erfolge, sondern wegen seines skurrilen Interviews, in dem er berichtete, seiner Ex-Freundin fremdgegangen zu sein. Die Verwunderung über diese Seltsamkeit war groß. Die generierte internationale Reichweite. So wie der Wolfshund, der plötzlich im olympischen Langlaufrennen auftauchte und einfach nur schnuppern wollte. Olympia liefert halt immer. Im Skurrilen wie im Schönen. Im Guten wie im Schlechten.

Der krampfhafte Regel-Kampf des IOC

Was auch hängenbleibt oder hängenbleiben sollte: Der krampfhafte Versuch des IOC, die politische Dimension aus den Spielen herauszuhalten. Die neue Chefin Kirsty Coventry vergoss Tränen, als sie der Welt erklärte, dass der ukrainische Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch nicht starten dürfe. Weil er mit einem Helm fahren wollte, der an Sportler aus seiner Heimat erinnerte, die von russischen Soldaten im Krieg getötet worden waren. Im unbeobachteten Training durfte er, im Rampenlicht des Wettkampfs, der Livebilder, war's ihm dann verboten.

Erst war's Regel 50 der IOC-Charta, die das verhinderte, dann Regel 40. Ganz klar war das nicht. Aber was soll's, Hauptsache man hatte im Paragrafen-Dschungel einen belastbaren Halt gefunden und sich gegen die Menschlichkeit entschieden. Die Coventry noch bei der Eröffnungsfeier beschworen hatte: "Ihr", sagte sie in ihrer Rede an die Sportlerinnen und Sportler gerichtet, "werdet uns zeigen, was es bedeutet, Mensch zu sein. [...] Hindernisse zu überwinden."

Nun, dieses Hindernis, der Helm, war zu schwer, um es aus dem Weg zu räumen. Es gibt Punkte, die das IOC für sich hat. Wenn man einmal die Regeln außer Kraft, dann steht man unter Druck, es ein zweites, drittes, viertes und so weiter Mal zu machen. Plötzlich wäre der Weltverband ein politischer Akteur, der entscheiden müsste, was gute und was schlechte Botschaften sind. Die Rolle des Akteurs will das IOC unbedingt vermeiden. Was schon gescheitert ist. Weil der Dachverband mit jeder Entscheidung wie im Fall Heraskewytsch eben doch eine politische Dimension berührt. Hier etwa der Sieg der Russen, denen die emotionalen Bilder, die der Helm geliefert hätte, erspart bleiben. Und dort etwa die Bewunderung für einen Sportler, der sich nicht erpressen ließ. Der seine Werte nicht verraten wollte, für vier Fahrten durch den olympischen Eiskanal.

So steht da nun die Frage, was noch Erinnerung und was schon Protest ist. Als das ukrainische Rodelteam abkniete und ihre Helme in die Luft streckte, am Tag nach dem Starverbot für Heraskewytsch, riefen sie sofort "Support", Unterstützung, kein Protest. So ging alles durch. Verrückt. Und so ist das Klammern an die Idee des unpolitischen Sports bizarr, denn es entspricht längst nicht mehr den Realitäten - entsprach es noch nie. Dafür braucht es nicht mal den Blick in die olympische Vergangenheit.

Bei eigenen Mitgliedern sehr nachsichtig

Es reicht, sich durch die Tage von MiCo 2026 zu wühlen. Da war die Anwesenheit von US-Vizepräsident J.D. Vance und den höchst umstrittenen ICE-Agenten zu Beginn der Spiele. Vance wurde gnadenlos ausgepfiffen und mehrere Sportler stellten sich klar gegen das brutale Vorgehen der Einwanderungspolizei ICE in ihrer US-Heimat, das zwei unschuldige Menschen das Leben gekostet hatte. Der Freestyler Gus Kenworthy hatte kurz vor den Spielen "Fuck ICE" in den Schnee gepinkelt. Das IOC hielt sich raus, die Botschaft fand schließlich nicht auf dem "Field of play" statt. Also im Wettkampf. Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Chefolympioniken da tanzen und sie werden eines Tages abstürzen. Wenn die russischen Sportler in großer Zahl in den Weltsport zurückkehren.

Zudem ist das IOC im Umgang mit den eigenen Mitgliedern offenbar deutlich mehr bereit, die Regeln günstig auszulegen als bei Sportlerinnen und Sportlern. Dass das IOC-Mitglied Gianni Infantino mit seinem mächtigen Fußball-Weltverband eine Partnerschaft mit Donald Trumps Friedensrat eingeht, sehen die Chef-Olympioniken nicht als Verstoß gegen das Neutralitätsgebot der olympischen Charta. Dieses Engagement stehe "ganz im Einklang mit der Rolle eines internationalen Sportverbands", lassen sie wissen. Dass Trump nichts tut, ohne den eigenen Vorteil zu wittern, blenden sie offenbar gerne aus. Dass sich Infantino zudem regelmäßig vor Trump in den Staub wirft, sich mit anderen international streitbaren Politikern umgibt, scheint auch nicht zu zählen.

Zum Abschluss der Spiele bemühte sich Coventry die auseinanderzufallen drohende olympische Familie wieder einzufangen. Es scheiterte. Diese Spiele hätten eine "einende Botschaft" verbreitet, "die nur der Sport liefern kann". Nicht nur Heraskewytsch sah das etwas anders. "Diese Heuchelei ist einfach unglaublich", schrieb er am vorletzten Olympia-Tag an seine Follower.

Russland-Flagge auf italienischem Olympia-Helm

Noch ist nur ein kleiner Kreis zugelassen. Ohne Hymne, ohne Flagge, ohne Insignien. Und trotzdem tauchte die russische Fahne auf, auf dem Helm des italienischen Snowboarders Roland Fischnaller. Er trug die Erinnerungen an all seine Olympia-Teilnahmen auf dem Kopf. Also auch an jene der Skandalspiele von Sotschi, in deren Folge russisches Staatsdoping aufgedeckt worden war. Im Zuge der Heraskewytsch-Debatte wirkte das seltsam gnädig vom IOC, falsch gnädig. Ein weiterer kleiner Sieg für Russland, genehmigt vom traditionell eher russlandphilen und nicht - phoben olympischen Weltverband.

Als der aus Russland stammende neutrale Athlet Nikita Filippov Silber im Skibergsteigen gewann, wusste die Konkurrenz gar nicht so genau, was sie jetzt machen sollte. Nach einigem Zögern und auch dann nur zögerlich nahmen sie ihn kurz in den Arm. Es war ein olympischer Krampf, der in krassem Gegensatz zur neuen Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Alysa Liu und Bronzemedaillen-Teenie Ami Nakai stand, die in herzergreifender Freude übereinander herfielen und damit ein magisches Bild in die Welt entließen, wie Olympia sein soll. Eine Heimat für die Sportler über all die Grenzen hinweg. Das war ein großer Moment dieser Spiele. Er sollte hängenbleiben.

Nachhaltigkeit hat einen hohen Preis

Das Gefühl der olympischen Grenzenlosigkeit erlebte allerdings nur rare Momente. Die Olympia-Planer hatte die Spiele im Sinne der Nachhaltigkeit weit verstreut, auf eine Fläche von 25.000 Quadratkilometern. Weiter verteilt waren die Wettbewerbe in der Historie noch nie. Wer es mit der Zukunft des Planeten erstmeint, wer nicht möchte, dass Once-in-a-lifetime-Bauwerke ohne Rücksicht auf Verluste in die Landschaft geknallt werden, wie bei Turin 2006, dafür Wälder geopfert werden, der wird nicht umhinkommen, in MiCo 2026 die Zukunft gesehen zu haben. Es ist eine Zukunft, die emotional einen hohen Preis fordert. Vor allem bei den Winterspielen, die vom Wetter noch viel abhängiger sind als die Sommersportarten.

Weit verzweigte Wettkampf-Cluster sorgen dafür, dass viele Sportler in ihrer Bubble bleiben (müssen). Es herrschte an vielen Orten eher Weltcup-Atmosphäre, nicht Olympia-Flair. Bilder aus Paris, wo Athleten aus Nationalteams in großer Größe Teamkollegen aus anderen Disziplinen unterstützen, lieferte MicCo 2026 nicht. Im zauberhaften Cortina war der olympische Geist wohl noch am lebendigsten. In der kleinen Innenstadt, eingerahmt von den beeindruckenden Gipfeln der Dolomiten, war's international, bunt. Das hatte großen Flair, vor allem wenn es dunkel wurde und das olympische Feuer so richtig strahlte. Da entstanden ikonische Bilder, die die Menschen ergriffen. Das hatte fast sakrale Züge.

Olympia, das dürfte der Blick in die Zukunft, der sich nun öffnete, verraten, wird zumindest im Winter mehr ein TV- als ein Vorort-Ereignis werden. Das hatte schon die Eröffnungsfeier offengelegt, als das legendäre San-Siro-Stadion geisterhafte Momente beim Einlauf der Athleten erlebte. Schließlich waren die Sportler schon auf ihre Wettkampforte aufgeteilt, die Feier fand dezentral statt. Durch guten TV-Schnitt wurde es für die heimischen Wohnzimmer dennoch stimmungsvoll inszeniert.

Zum Glück kommt Trump doch nicht

In Cortina endete nicht nur die Karriere von Vonn, in Cortina sprengte nicht nur der andere US-Superstar Mikaela Shiffrin endlich die Ketten ihres olympischen Fluchs, hier wuchsen auch die Curler zu internationalen Riesen. Weil sie fantastische Steine spielten. Weil ihnen Moonwalk-Ikone und Eismeister Marc Callan eine perfekte Fläche "pebblete". Weil sie sich kurz aber heftig anpöbelten, dabei seltene Einblicke in die nicht immer nur heile Welt des "Gentlemen Sports" gaben. Und weil sie in einer heißen Atmosphäre curlten, die Fußballstadion-Vibes entwickelte. Und in Cortina weinte Coventry, um wenig später an der Tofana-Piste wieder zu feiern. Hier war Olympia greifbar, hier war es im Herzen der kleinen Stadt, deren Infrastruktur tatsächlich noch eher 1956, als die Spiele zum ersten Mal hier zu Gast waren, als 2026 war. In Mailand lagen die Wettkampfstätten an den äußeren Rändern. Im Herzen der Mode-Metropole war der Geist kaum greifbar. Hier lebte es sich mondän, aber nicht olympisch.

Und hier, wo alles begann, mit Pfiffen gegen JD Vance und das israelische Team. Mit der Anwesenheit von ICE-Agenten gegen die in Mailand wütend und aggressiv demonstriert wurde. Mit der politischen Vermischung, die das IOC nicht wahrhaben will. Hier in Mailand endete alles - hochpolitisch. Mit dem Eishockey-Finale der Männer. Zum Glück aus olympischer Sicht tauchte der unberechenbare Donald Trump doch nicht auf. Auch er hatte die Spiele geprägt, aus der amerikanische Ferne. Kritische US-Sportler hatte er in gewohnter Wut-Manier durchbeleidigt. Und auch das Finale hatte er emotional massiv aufgeladen. Mit der vagen Ankündigung nach Mailand zum Eishockey kommen zu wollen, mit provokanter Vorgeschichte im vergangenen Jahr. Als er die Kanadier vor dem mit Übernahme-Fantasien bis aufs Blut gereizt hatte. Die totale Eskalation blieb den Spielen ohne Trump erspart. Die Spiele bekamen ein denkwürdiges Endspiel. Eines, über das man noch lange redet. Amerikas Helden, sie bieten die sportliche Klammer von MiCo 2026. Ciao.

Quelle: ntv.de

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