Serienreife FeststoffbatterieIst der finnische "Wunder-Akku" zu gut, um wahr zu sein?
Von Klaus Wedekind
Das finnische Unternehmen Donut Lab präsentiert die weltweit erste Feststoffbatterie für Elektro-Fahrzeuge, die serienreif sein und bereits in eigenen Motorrädern zum Einsatz kommen soll. Die angegebenen Werte des Akkus sind so gut, dass nicht nur Konkurrenten misstrauisch sind. Sogar von Betrug ist die Rede.
Bei der kürzlich zu Ende gegangenen Consumer Electronics Show (CES) verursachte Donut Lab großen Wirbel. Denn die erst 2024 gegründete finnische Firma stellte in Las Vegas die angeblich erste serienreife Feststoffbatterie für Elektrofahrzeuge vor. Um zu beweisen, dass der Akku für den mobilen Alltag einsatzbereit ist, soll er ab sofort Motorräder des zugehörigen Herstellers Verge Motorcycles mit Strom versorgen.
Nicht nur die angebliche Serienreife, sondern auch die genannten Eigenschaften der Batterie sorgten beim Fachpublikum für ungläubiges Staunen. Denn im Vergleich zu den Werten aktuell verwendeter Akkus bedeuten sie einen Quantensprung.
Hohe Energiedichte, superschnell geladen
Die Energiedichte der Donut Lab Solid State soll 400 Wattstunden pro Kilogramm (Wh/kg) erreichen. Lithium-Ionen-Akkus, die derzeit Industriestandard sind, haben üblicherweise 150, bestenfalls 250 Wh/kg. Die Feststoffbatterien könnten also bei gleicher Kapazität wesentlich kleiner sein oder mit den gleichen Maßen weit größere Reichweiten ermöglichen.
Der "Wunder-Akku" ist laut Donut Lab in fünf Minuten voll geladen. Dabei gibt das Unternehmen einen Bereich von 0 bis 100 Prozent an, eine Schonung der Batterie mit Ladegrenzen von etwa 20 und 80 Prozent sei nicht nötig, heißt es in der Pressemitteilung. Derzeit hängen Elektroautos unter guten Bedingungen 20 bis 30 Minuten an der Ladesäule. Und auch wenn das Display 0 bis 100 Prozent anzeigt, legt das Batteriemanagementsystem (BMS) Puffer an, die eine vollständige Auf- oder Entladung verhindern.
Enorm langlebig
Trotz der außergewöhnlichen Schnelllade-Fähigkeit soll der Akku mit nur minimalem Kapazitätsverlust mindestens 100.000 Ladezyklen durchhalten. Aktuelle Lithium-Ionen-Batterien sind auf etwa 2000 Zyklen ausgelegt. Lithium-Eisenphosphat-Akkus kommen auf mehr als 3000 Ladezyklen, nehmen allerdings aufgrund einer geringeren Energiedichte mehr Platz ein.
Wie enorm hoch die Reichweite über die gesamte Lebensdauer von E-Autos mit Donut-Lab-Batterien sein könnte, zeigt eine Rechnung des TÜV Nord. Demnach kommen bereits Lithium-Ionen-Batterien mit einer üblichen Kapazität von 60 Kilowattstunden (kWh) bei 1000 Ladezyklen und einem angenommenen Verbrauch von 20 kWh pro 100 Kilometer auf mindestens 300.000 Kilometer. Und der TÜV Nord weist darauf hin, dass die Akkus in der Realität deutlich länger durchhalten. "Denn in der Regel wird das Auto nicht komplett leergefahren und vollständig aufgeladen, sondern die Ladung erfolgt mittendrin. Das verlängert - durch die geringere Belastung - das Akkuleben."
Brände ausgeschlossen
Zusätzlich soll die finnische "Wunder-Batterie" auch noch besonders sicher sein. Denn sie enthält laut Donut Lab keine brennbaren flüssigen Elektrolyte und in den Zellen können keine metallischen Dendrite entstehen. Dabei handelt es sich um nadelförmige Ablagerungen an der Anode (Minuspol), die zu einem internen Kurzschluss führen können, wenn sie bis zur Kathode (Pluspol) wachsen.
Thermische Kettenreaktionen, die als Hauptursache von Batteriebränden bei Elektro-Fahrzeugen gelten, seien damit "eliminiert", schreibt der Hersteller. Bei Temperaturen von minus 30 bis über 100 Grad soll der Akku 99 Prozent seiner Kapazität halten, "ohne Anzeichen von Entzündung oder Leistungsverschlechterung".
Leicht verfügbare Materialien, anpassungsfähig
Und das ist noch nicht alles, die finnische Feststoffbatterie soll obendrein günstiger und unproblematischer herzustellen sein. Sie bestehe "vollständig aus reichlich vorhandenen, erschwinglichen und geopolitisch sicheren Materialien", heißt es in der Pressemitteilung. Sie sei "nicht auf seltene oder sensible Elemente angewiesen und weist niedrigere Kosten als Lithium-Ionen-Batterien auf." Dies deutet möglicherweise auf eine Natrium-Batterie hin.
Um den Traum-Akku perfekt zu machen, soll er auch noch höchst anpassungsfähig sein und unter anderem die strukturelle Integration in unkonventionelle Formate erlauben, "beispielsweise als Gehäuse einer Drohne oder als Fahrzeugchassis."
Die Absatzmöglichkeiten einer solchen Batterie sind nahezu unbegrenzt. Und so schreibt der Hersteller selbstbewusst: "Von Mikroelektronik bis Verteidigung, von Drohnen bis hin zur Schnellladeinfrastruktur - die Donut-Batterie ist eine universelle Plattform für allgemeine Anwendungen, die bereit ist, die nächste Generation von Technologien anzutreiben."
Kann das wahr sein?
Dafür müssen natürlich auch die Produktionskapazitäten, genauer die Skalierung, passen. Dabei geht es um Stückzahlen, die wirtschaftlich, stabil und mit gleichbleibender Qualität produziert werden können. Laut "Cleanthinking.de" erreicht das Unternehmen derzeit in Finnland rund 1 Gigawattstunde (GWh) pro Jahr. 2027 sollen es 10 GWh, langfristig 100 GWh sein – "mit weiteren Produktionsstandorten in Großbritannien, im arabischen Raum und in den USA." Offizielle Angaben der Finnen gibt es allerdings nicht, auch nicht, woher die Milliarden-Investitionen für die Skalierung kommen sollen.
Stimmen die Angaben von Donut Lab, wäre dies eine Revolution. Deshalb sind die Zweifel in der Branche groß, speziell bei der Konkurrenz, die schon viel länger als Donut Lab an Feststoffbatterien arbeitet und/oder mit ihren herkömmlichen Akkus weiter viel Geld verdienen möchte.
"Betrug!"
"Diese Batterie existiert auf der Welt nicht", sagte beispielsweise kürzlich Yang Hongxin, Chef des chinesischen Svolt Energy. "Alle Parameter widersprechen sich … Jeder Techniker mit Grundkenntnissen würde das als Betrug erkennen", zitiert der Branchendienst "CnEVPost" aus einem Bericht des "Xuanyuan Business Review". Chinas Technologie sei weltweit die fortschrittlichste, sagte er weiter. Wenn China eine solche Feststoffbatterie nicht produzieren oder perfektionieren könne, "können es Unternehmen aus anderen Ländern erst recht nicht".
Viele Kommentare und Einschätzungen sind auch höchst skeptisch, weil Donut Lab keine konkreten Angaben zu Materialien, Technik und Bauweise macht. "Cleanthinking.de" verlinkt auf Tom Böttcher, der wie andere Experten vermutet, es handele sich gar nicht um eine Feststoffbatterie. Die genannten Werte sprächen eher dafür, dass es ein Kondensator sei. Er verweist auf einen elektrostatischen Bipolarkondensator von Nordic Nano, das eine Partnerfirma von Donut Lab ist.
Einfach machen statt belegen
"Cleantech.de"-Gründer Martin Jendrischik kann die Zweifel nachvollziehen, die unter anderem darauf basieren, dass es keine öffentlich zugänglichen Zelltests, unabhängige Überprüfungen, Zertifizierungen et cetera gibt. Vor allem sei auch die Frage der Finanzierung völlig offen.
Doch Donut Lab arbeite nach dem Prinzip, dass die Realität als besten Beweis sieht, schreibt Jendrischik. Das bedeutet vereinfacht: Wenn etwas funktioniert, funktioniert es - mehr muss man nicht wissen. Unternehmen wie Tesla, SpaceX oder BYD seien beste Beispiele dafür, dass die sogenannte "Iteration im Feld" schneller sein könne als perfekte Vorabvalidierung.
Validierung im Motorrad
Die Realität von Donut Lab sind die Motorräder von Verge Motorcycles. Die Hochleistungs-Donut-Batterie werde alle Verge-Motorräder des Modelljahres 2026, die im ersten Quartal 2026 auf den Markt kommen, mit Strom versorgen, heißt es in der Pressemitteilung.
Und Verge ist keine Firma, die Donut Lab mal schnell gegründet hat. Im Gegenteil: Die Motorradfirma erblickte 2018 das Licht der Welt in Estland, Donut Lab entstand 2024 als Spin-Off. Und beide zusammen haben bereits bewiesen, dass etwas funktioniert, was andere für ein Hirngespinst hielten: den Donut-Motor, der ringförmig im Hinterrad der Verge-TS-Modelle sitzt und ein sehr hohes Drehmoment ohne Umwege aufs Hinterrad bringt.
Technik-Chef (CTO) von Verge Motorcycles war bis November 2025 Marko Lehtimäki, der CEO von Donut Lab. Dessen Selbstverständnis erkläre, warum Verge als frühes Serien-Testfeld diene, Donut-Technologien ungewöhnlich schnell "auf der Straße" seien und warum Demo, Produkt und Vision kommunikativ eng zusammengeführt würden, so Jendrischik. Ein E-Motorrad ist auch besser geeignet, eine Iteration im Feld umzusetzen, als ein komplexeres E-Auto.
Vorreiter oder Lachnummer
Jendrischik kann sich sogar vorstellen, dass Donut Lab wie von Tony Seba in "Stellar" beschrieben, ein Vorreiter eines Produktionssystems ist, das nicht mehr linear skaliert, sondern zellular, modular, softwaredefiniert funktioniert. "Komponenten sind Plattformen. Fabriken sind Knotenpunkte. Geschwindigkeit ersetzt institutionelle Vorsicht." Doch dann kehrt er zurück in die Realität, in der Donut Lab unter anderem das Kapital fehlt. Mehr als einige Dutzend Millionen Euro bringt es zusammen mit Nordic Nano aktuell nicht auf.
Was nicht ist, kann noch werden, Donut Lab kann aber auch als Lachnummer enden. Aktuell ist schwer einzuschätzen, ob die finnische "Wunder-Batterie" tatsächlich existiert. Das wird sich erst in den kommenden Monaten herausstellen, wenn die damit ausgestatteten Motorräder ausgeliefert werden - oder eben nicht. Vielleicht läuft es so, wie auf Reddit gespöttelt wird: Die Bikes könnten statt auf der Straße in Laboren landen, um ihre Akkus auseinanderzunehmen und zu analysieren.