Wirtschaft

Deutsch-russisches Projekt Am Polarkreis wird Gas gefördert

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(Foto: picture alliance/dpa)

Am Polarkreis bohren deutsche und russische Firmen seit Jahren gemeinsam nach Gas. In Eis und Kälte läuft das Geschäft für beide Länder gut. Kommt ihnen dabei die Weltpolitik in die Quere?

Am nördlichen Polarkreis hebt sich die Sonne in der dunklen Jahreszeit selbst zur Mittagszeit kaum über den Horizont. Die Temperaturen liegen bei rund 30 Grad unter dem Gefrierpunkt. Es sind beste Bedingungen in Russlands Gashauptstadt Nowy Urengoi: Frostige Temperaturen bedeuten im hohen Norden des Riesenreiches nämlich mehr Arbeit.

Mit Fellmützen machen sich die Ingenieure auf den schneebedeckten Weg. Allzu lange dürfen sie sich nicht in der klirrenden Kälte aufhalten. Ihr Ziel ist die Gasaufbereitungsanlage UKPG-31 von Achimgaz, einem Zusammenschluss zwischen dem deutschen Gas- und Erdölförderer Wintershall aus Kassel und einem Tochterunternehmen des russischen Platzhirschs Gazprom.

Das deutsch-russische Unternehmen fördert seit seiner Gründung vor 15 Jahren Erdgas aus der rund 4000 Meter tiefliegenden und schwer zugänglichen Atschimow-Formation, das in Deutschland Millionen Haushalte wärmt. Irgendwann soll Gas auch durch die geplante Nord-Stream-2-Pipeline durch die Ostsee nach Europa gepumpt werden. Täglich holen die Arbeiter rund 28 Millionen Kubikmeter Gas und 12.000 Tonnen Kondensat aus dem Permafrostboden. Damit könnte man nach Angaben von Achimgaz rund 15.000 deutsche Haushalte pro Jahr versorgen. "Das ist absolut einzigartig und rekordverdächtig", sagt zumindest das deutsche Vorstandsmitglied Ingo Neubert von seinem Unternehmen vor dem schneebedeckten Bohrturm. Von politischen Querelen zwischen Moskau und dem Westen will man hier weit oben im Norden aber nichts wissen.

Das Gas aus der Nähe der Industriestadt Nowy Urengoi rund 3000 Kilometer nordöstlich der russischen Hauptstadt fließt bislang durch ein weit verzweigtes Netz nach Europa. Ein paar Kilometer nördlich des Polarkreises auf der Halbinsel Jamal liegt ein Großteil von Russlands Erdgasreserven - das über Nord Stream 2 dann auch nach Deutschland kommen soll. Doch genau hier gibt es noch Probleme. Mit der erneuten Eskalation um die Ukraine ist auch der Streit um die Pipeline wieder da, obwohl der Bau bereits läuft. Bis Jahresende muss die Grenze des deutschen Küstenmeeres erreicht sein, Ende 2019 soll das erste Gas nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern fließen.

Achimgaz will noch Jahrzehnte bohren

Doch die USA, die baltischen Staaten, Polen und auch die Ukraine stemmen sich gegen das Projekt. Seit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland und dem anschließendem Krieg in der Ostukraine sind die Beziehungen zwischen Moskau, Brüssel und Washington extrem angespannt. Auch Nord Stream 2 stand deshalb wiederholt in der Schusslinie.

Als der russische Küstenschutz Ende November in der Meerenge von Kertsch ukrainische Boote kaperte und Matrosen festnahm, wurden Forderungen zum Einlenken auch in Deutschland wieder laut. Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock betonte, spätestens jetzt dem Projekt den Rücken zu kehren. Die Bundesregierung will das jedoch nicht zur Diskussion stellen. Auch der Russland-Chef von Wintershall, Thilo Wieland, plädiert wohl mit Blick auf sein Geschäft: "Einseitige, voreilige Schritte sollten jetzt vermieden werden."

Die Gasförderung bei Achimgaz Tausende Kilometer von der Krim entfernt wird durch Ukraine-Krise nicht beeinträchtigt. "Das alles sind bislang keine besorgniserregenden Entwicklungen für unser Projekt", sagt Vize-Geschäftsführer Neubert. Achimgaz will noch 50 Jahre Gas aus der Erde holen. Insgesamt besitzt das Unternehmen 100 Bohrstellen; weitere Bohrflächen werden für eine andere deutsch-russische Kooperation in den angrenzenden Gasfeldern vorbereitet.

Vor allem im Winter herrschen für die besonderen Bauarbeiten die besten Bedingungen. Im Sommer würde der tauende Permafrostboden zu schnell nachgeben und die Arbeiten deutlich erschweren, erklärt Chefingenieur Roman Lukowkin. Im Achimgaz-Bürogebäude nahe den Bohrstellen sammelt sich eine Gruppe von Ingenieuren. Vor der Kantine hängen drei tellergroße Uhren, die die wichtigsten Zeitzonen für die Männer darstellen: Moskau, Nowy Urengoi und Kassel. Din Kadajew, der die Anlage UKPG-31 leitet, blickt kritisch auf die Zeiger. Die drohende politische Eiszeit habe ihn aber bislang noch nicht aus der Ruhe gebracht, sagt der Russe. Die Arbeit laufe ja weiter. "Erst ab minus 40 Grad denken wir hier über einen Produktionsstopp nach." Denn dann könnte bei der Technik ein Stillstand drohen.

Quelle: n-tv.de, Claudia Thaler, dpa

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