Wirtschaft

"Führung mit Vision und Mut"? Berggruen investiert Zeit statt Geld

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Nicolas Berggruen ist sich seiner Sache sicher.

dpa

Nicolas Berggruen fährt beruflich zweigleisig. Er ist nicht nur Investor, sondern auch Gründer einer einflussreichen amerikanischen Denkfabrik. In beiden Funktionen ist er zurzeit in Deutschland unterwegs. Die Jobs sind für ihn gut vereinbar. In beiden denkt er in denselben Zeit-Dimensionen.

Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen hatte sich seinen Deutschland-Besuch sicherlich anders vorgestellt: Die große öffentliche Bühne hätte er sich wohl eher für sein Buch "Klug regieren. Politik für das 21. Jahrhundert" gewünscht - und nicht für den Streit bei Karstadt. Über das "kluge Regieren" hat er zusammen mit Co-Autor Nathan Gardels nachgedacht. Eigentlich wollte er die Aufmerksamkeit auf das Buch lenken, aber es kommt anders. Nach wochenlangem Schweigen zu den scharfen Vorwürfen der Gewerkschaft Verdi geht Berggruen in die Offensive und gerät damit wieder mit Karstadt ins Rampenlicht der Medien.

Berggruen muss plötzlich den Spagat zwischen zwei völlig unterschiedlichen Rollen üben: Auf der einen Seite gibt er den bescheidenen und zurückhaltenden Vordenker und Weltverbesserer, der den Austausch und die Diskussion sucht. Auf der anderen schlüpft er in die Rolle des knallharten Investors, der vehement jeder Kritik an seinen Fähigkeiten als Sanierer widerspricht.

Politik und Unternehmertum

Was für manchen unvereinbar erscheint, bereitet Berggruen anscheinend keinerlei Probleme. In Deutschland werde er immer wieder auf seine Rolle als Investor angesprochen, klagt er bei der Buchvorstellung in Berlin. Nur hier frage man ihn, warum er eine "Denkfabrik" habe, die nach Möglichkeiten für eine bessere Politikgestaltung suche. In keinem anderen Land werde ihm diese Frage gestellt – weder im angelsächsischen Raum noch in Lateinamerika. Dabei gehe es in beiden Bereichen in der Politik und im Unternehmertum im Wesentlichen um dasselbe, nämlich um die Herausforderung, Veränderungen herbeizuführen. Den Think Tank "Nicolas Berggruen Institute on Governance" gründete Berggruen vor vier Jahren, Karstadt übernahm er ein Jahr später.

Der Karstadt-Investor scheint bei seiner Kritik zu vergessen, dass er hierzulande über das Schicksal von 20.000 Arbeitnehmern entscheidet - und nicht über theoretische Grundlagen einer neuen Weltordnung. Die 86 Karstadt-Warenhäuser stecken tief in den roten Zahlen - nur die 28 Karstadt-Sport-Filialen und die drei Luxus-Kaufhäuser in Berlin, Hamburg und München sollen besser laufen. Die Schuld an der stockenden Sanierung schieben die Gewerkschafter ihm in die Schuhe. Sie werfen dem einstigen Hoffnungsträger vor, dass er bis heute praktisch kein Geld in den Warenhauskonzern gesteckt hat.

Der Manager Berggruen glaubt derweil immer noch "fest" an die Rettung von Karstadt. Die Sanierung sei allerdings erst auf halbem Weg, räumt er ein. Die Probleme durch 20 Jahre Missmanagement seien deutlich gravierender als man es 2010 ahnen konnte. Das brauche Zeit. Er wirbt um Vertrauen. Er habe bereits viele Unternehmen durch eine Krise begleitet und wisse: "Entscheidend ist der Wandel im Unternehmen selbst".

Der schwierige Faktor Zeit

Berggruen plädiert, langfristig zu denken und zu planen. Politische Systeme und Unternehmen stünden in dieser Hinsicht vor denselben Herausforderungen: "Change is the most difficult in business and politics", erklärt Berggruen. Beide Bereiche veränderten sich nur langsam, weil Veränderung grundsätzlich Skepsis hervorrufe. Auf die Frage, was ihn zu einem guten Karstadt-Eigentümer mache, antwortet er: Führung mit Vision und Mut.

Bei anderer Gelegenheit sagte Berggruen einmal, "Geld ist nur totes Kapital", wenn man nichts damit mache. Branchenexperten wollen genau das sehen. Seine Zurückhaltung beim Thema Investitionen halten sie für gefährlich. Ohne Unterstützung von außen könne das Unternehmen nicht mehr lange überleben, warnt ein Einzelhandelsexperte.

Karstadt werde voraussichtlich noch ein bis eineinhalb Jahre schaffen, wenn Berggruen so weitermache. Dieser weist den Vorwurf, dass er nicht helfen würde, wenn es nötig wäre, unterdessen weit von sich. Wenn frisches Geld "automatisch helfen würde", würde er auch Geld zuschießen, sagte der Investor im Interview mit der "Bild"-Zeitung. Vielleicht braucht dieser Gedanke Zeit zu reifen. Wenn das Interesse an Karstadt so groß bleibe – feixt Berggruen mit seinem Co-Autor in Berlin -, dann könnten sie das nächste Buch auch über die Rettung von Karstadt schreiben. Vielleicht kommen sie dann zu ganz anderen Schlüssen.

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Quelle: n-tv.de

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