Wirtschaft

Fatale Milchmädchenrechnung Brexit-Briten verrechnen sich

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Verzockt? Ein Händler der in London ansässigen Brokerfirma BGC reagiert auf seine Bildschirmanzeige.

(Foto: REUTERS)

Nicht mehr jede Woche Millionen nach Brüssel überweisen. Das war ein Wunsch der Brexit-Befürworter. Nun haben sie binnen Stunden Billionen an Börsenwerten vernichtet. Und das ist noch nicht das Ende der Brexit-Kosten.

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"In den vergangenen acht Stunden hat Großbritannien 350 Milliarden Dollar verloren. Das ist eine größere Summe, als das Land in den vergangenen Jahren zum EU-Budget beigetragen hat – inklusive aller Abzüge", twitterte der ehemalige Premierminister Belgiens und EU-Parlamentsmitglied Guy Verhofstadt am Freitag.

Da war der Börsensturzflug noch in vollem Gange. Analysten zufolge wurden am Freitag weltweit fünf Billionen Dollar an Börsenwert vernichtet. Das entspreche dem Doppelten der gesamten Wirtschaftsleistung Großbritanniens und 17 Prozent der Wirtschaftsleistung der G7-Staaten im vergangenen Jahr. Allein im Dax lösten sich mehr als 65 Milliarden Euro in Luft auf.

Viele Briten zeigten sich von den heftigen Reaktionen der Aktienmärkte geschockt. Die Börsianer waren wiederum entsetzt über die Entscheidung der Inselbevölkerung. Niemand habe doch erwarten können, dass die Briten so irrational und gegen die eigenen Interessen entscheiden würden, hieß es am Tag danach vielerorts hilflos.

Teure Reue

Ein Teil der Antwort ist, dass ein Teil der Brexit-Wähler nicht daran geglaubt hat, dass ihre Protestwahl tatsächlich mehrheitsfähig sein könnte. In ihrem "Bregret", der Reue über ihre Wahl, kriegen sie Gesellschaft von jenen, die sich von Wahlversprechen der prominenten Brexit-Befürwortern verführen ließen, die keine 24 Stunden später schon gebrochen sind.

So war eines der wichtigsten Versprechen des "Leave"-Lagers, die 350 Millionen Pfund, die angeblich wöchentlich nach Brüssel überwiesen würden, ins eigene Gesundheitssystem zu stecken. Nicht nur, dass diese Zahl nie stimmte - Kritiker rechnen vor, dass inklusive Rabatten und Subventionen eher von 110 bis 190 Millionen Pfund auszugehen ist -  nun will schon jetzt niemand mehr garantieren, dass wirklich so viel Geld ins Gesundheitssystem fließen wird.  

Börsencrash nur der Anfang

Die Börsen werden sich vermutlich von den schlimmsten Einbrüchen erholen, auch wenn sich die Märkte in den kommenden Tagen und Wochen auf hohe Schwankungen einstellen müssen. Doch die Europäische Zentralbank und andere Notenbanken halten Notfallpläne bereit, um noch größere Schockwellen in der Währungsunion und an den Finanzmärkten abzumildern.

Gravierender ist die Ungewissheit darüber, welche Vereinbarungen die EU und Großbritannien für die Zeit nach dem Ausstieg schließen werden. Am Horizont warten jahrelange Verhandlungen über Freihandelsverträge, Zölle, Arbeitnehmerfreizügigkeit und anderes. Keine attraktiven Aussichten für Unternehmen und Investoren, keine guten Vorzeichen für die britische Wirtschaftsleistung.

Guy Verhofstadt könnte sich nun den Spaß machen, Woche für Woche auszurechnen, was Großbritannien unter dem Strich für den Brexit draufzahlt. Vermutlich wird er aber mit den Folgen dieser Fehlkalkulation beschäftigt sein.

Quelle: n-tv.de

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