Wirtschaft

Fragen und Antworten zur Fusion Das haben Vonovia und Deutsche Wohnen vor

Eine dichte Wolkendecke hängt über der Hauptstadt. Foto: Annette Riedl/dpa

Beide Unternehmen sind in Berlin stark präsent.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

In der deutschen Wohnungsbranche bahnt sich eine Großfusion an. Der größte deutsche Immobilienkonzern Vonovia greift erneut nach dem Branchenzweiten Deutsche Wohnen. ntv.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie sieht das Angebot aus?

Deutschlands größter Wohnungsvermieter Vonovia will die Nummer zwei auf dem Markt, die Deutsche Wohnen, für rund 18 Milliarden Euro schlucken. Die beiden Vorstände sind sich über die Konditionen einig, sie haben bereits eine Grundsatzvereinbarung über den Zusammenschluss unterzeichnet.

Vonovia bietet 52 Euro für jede Deutsche-Wohnen-Aktie - einschließlich der Dividende für das Jahr 2020 winken den Anteilseignern des vor allem in Berlin vertretenen Unternehmens damit 53,03 Euro pro Aktie. Das entspricht einer Prämie von knapp 18 Prozent auf den Schlusskurs vom Freitag und von 25 Prozent auf den Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate. Dabei ist Vonovia trotz eines Kursrutsches von 13 Prozent seit Jahresbeginn fast doppelt so viel wert wie Deutsche Wohnen, die um 3 Prozent zulegen konnten.

Das künftige Unternehmen soll dann den Namen Vonovia SE führen, wie mitgeteilt wurde. Der Sitz soll in Bochum bleiben, das Unternehmen aber aus Bochum und Berlin geführt werden.

Wie stemmt Vonovia das Angebot?

Der Bochumer Konzern hat sich insgesamt 22 Milliarden Euro gesichert, um die Übernahme zu finanzieren. Acht Milliarden davon will Vonovia noch in diesem Jahr durch eine Kapitalerhöhung ablösen. Vonovia selbst kommt an der Börse derzeit auf einen Marktwert von knapp 30 Milliarden Euro. Durch den Zusammenschluss sollen die jährlichen Kosten um 105 Millionen Euro gedrückt werden. Das Sparziel soll bis Ende 2024 erreicht werden.

Um wie viele Wohnungen geht es?

Zusammen kommen die beiden einzigen Immobilienkonzerne im Leitindex Dax auf rund 550.000 Wohnungen im Wert von knapp 90 Milliarden Euro. Vonovia besitzt rund 400.000 Wohnungen, Deutsche Wohnen 150.000. Beide Unternehmen sind stark in Berlin vertreten. Die größere Vonovia hat 43.000 Wohnungen in der Hauptstadt, die kleinere Deutsche Wohnen sogar 113.000. Durch den Zusammenschluss entsteht den Angaben zufolge Europas größter Wohnimmobilienkonzern.

Wie hoch sind die Chancen auf den Deal?

Die Übernahme der Deutschen Wohnen durch den größeren Rivalen Vonovia wird nach Ansicht von Vorstandschef Michael Zahn anders als vor fünf Jahren die nötige Zustimmung der Aktionäre bekommen. "Ich bin mir sehr, sehr sicher, dass sehr viele Aktionäre dieses Angebot annehmen werden", sagte Zahn. Das soll bis Ende August feststehen.

Vorstand und Aufsichtsrat von Deutsche Wohnen wollen den Aktionären empfehlen, das Angebot anzunehmen. Die Übernahme kommt aber nur zustande, wenn mehr als 50 Prozent der Anteilseigner von Deutsche Wohnen ihre Papiere an Vonovia verkaufen. Der Deutsche-Wohnen-Chef verwies darauf, dass es große Überschneidungen in der Aktionärsbasis beider Unternehmen gebe. Der US-Vermögensverwalter Blackrock (jeweils rund zehn Prozent) und der norwegische Staatsfonds gehören jeweils zu den größten Anteilseignern.

Kartellrechtliche Bedenken haben die beiden Fusionspartner Analysten zufolge wohl nicht zu befürchten, da der weitaus größte Teil der Mietwohnungen in Deutschland dem Staat, Kommunen oder privaten Vermietern gehört. Vonovia hatte sich angesichts spärlicher und teurer Übernahmemöglichkeiten in Deutschland zuletzt außerhalb der Landesgrenzen umgetan und war in den skandinavischen Markt eingestiegen.

Vonovia kommt in Deutschland auf einen Marktanteil von 1,5 Prozent. Deutsche Wohnen ist mit rund 110.000 Mietwohnungen zwar das größte private Wohnungsunternehmen in Berlin, hat bei über 1,9 Millionen Wohnungen in der Stadt aber nur einen Marktanteil von etwa 6 Prozent. Städtische Gesellschaften halten im Vergleich dazu zusammen mehr als 320.000 Wohnungen. Dies entspricht einem Anteil von rund 17 Prozent. Außerdem kündigten beide Unternehmen an, Wohnungen in Berlin dem Land zum Kauf anzubieten.

DIW-Präsident Marcel Fratzscher sieht den geplanten Zusammenschluss der Wohnungsvermieter Vonovia und Deutsche Wohnen allerdings sehr kritisch. "Eine Fusion der beiden größten privaten Immobilienkonzerne Deutschlands ist problematisch, da es dadurch weniger Wettbewerb geben dürfte und die Marktmacht des neuen Konzerns noch stärker wird", sagte der Chef des in Berlin ansässigen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Bereits jetzt hätten beide Konzerne in vielen Regionen einen erheblichen Einfluss auf den Wohnungsmarkt, sowohl auf Mietpreise als auch auf Kaufpreise. "Ich vermute, dass das Kartellamt dies ähnlich kritisch sehen wird und daher die Chancen für eine Fusion nicht sehr hoch sind", so Fratzscher.

Warum ging der erste Versuch schief?

Der erste Übernahmeversuch war 2015 unter anderem am Widerstand der Deutsche-Wohnen-Führungsspitze und einem zu geringen Interesse der Aktionäre gescheitert. Der Übernahmekandidat hatte die Offerte im Volumen von 14 Milliarden Euro als feindlich bezeichnet und als nicht im besten Interesse seiner Investoren. Zu Beginn des vergangenen Jahres hatte Vonovia Kreisen zufolge erneut einen Kauf erwogen. Am Ende der Erwägungen habe der Konzern aber entschieden, von dem Vorhaben Abstand zu nehmen. Damals hatte auch Deutsche-Wohnen-Chef Zahn gegen die Fusion gekämpft. Beim neuen Anlauf hat Vonovia-Chef Buch ihn ins Boot geholt. Zahn soll sein Stellvertreter im Vorstand des fusionierten Konzerns werden. Deutsche-Wohnen-Finanzvorstand Philip Grosse übernimmt den gleichen Posten bei Vonovia.

Ist eine Übernahme aus Sicht der Aktionäre sinnvoll?

An der Börse ging es nach Bekanntgabe des Angebots für Deutsche Wohnen um 16 Prozent nach oben, Vonovia gaben dagegen 5 Prozent ab. Von dem Zusammenschluss erhofft sich Vonovia bis 2024 Einsparungen von 105 Millionen Euro, vor allem bei der Bewirtschaftung der Wohnungen. Während Vonovia auf eigene Mitarbeiter setzt, die die Häuser warten und Handwerkerleistungen erbringen, beauftragt die kleinere Deutsche Wohnen bisher Fremdfirmen damit. Die meisten Analysten stufen den Deal als langfristig strategisch sinnvoll ein.

Worauf müssen sich Mieter einstellen?

Die Immobilienriesen suchen für ihren geplanten Zusammenschluss den Schulterschluss mit dem Berliner Senat um den Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der in den vergangenen Jahren gegen steigende Mieten und Privatisierungen gekämpft hatte - etwa mit dem Mietendeckel.

Er hoffe, gemeinsam mit dem Senat den "Unzustand" nicht ausreichenden Wohnraums in der Hauptstadt beenden zu können, sagte Vonovia-Chef Buch. Es müsse einen "Neuanfang" geben. Die beiden Konzerne wollen dem Senat rund 20.000 Wohnungen in der Hauptstadt zum Kauf anbieten. "Im Zuge des Zusammenschlusses bieten beide Unternehmen für die angespannte Mietsituation in der Bundeshauptstadt dem Berliner Senat einen 'Zukunfts- und Sozialpakt Wohnen' an", hatten die Konzerne angekündigt. In den nächsten drei Jahren sollen die Mieten in Berlin maximal um ein Prozent pro Jahr steigen, in den nächsten beiden Jahren nicht stärker als die Inflationsrate. Zudem sollen die Kosten für die Sanierung des Wohnungsbestandes zum Energiesparen nicht voll auf die Mieter umgelegt werden. Die Unternehmen planen eigenen Angaben zufolge auch, den Neubau in Berlin anzukurbeln.

Was sagt Müller?

Die Fusion der beiden Konzerne biete Berlin die Chance, rund 20.000 Wohnungen in kommunales Eigentum zu übernehmen, sagte der Regierende Bürgermeister Berlins. Die beiden Konzerne und der Senat verfolgten ein gemeinsames Interesse mit Blick auf die Stabilität von Mieten. Nunmehr werde mit allen Beteiligten im Detail besprochen, um welche Bestände es sich handele. "Mir liegen soziale Brennpunkte am Herzen, mir liegen Großsiedlungen am Herzen", sagte Müller.

In der Hauptstadt gibt es immer wieder Proteste gegen steigende Mieten. In Berlin tritt zudem eine Bürgerinitiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" an. Sie setzt sich dafür ein, Immobilien von Unternehmen in Berlin gegen eine Milliardenentschädigung zu vergesellschaften. Der Mietendeckel der rot-rot-grünen Koalition in der Stadt war kürzlich vom Bundesverfassungsgericht kassiert worden. Die Vermieter waren gegen die Obergrenze für die Mieten Sturm gelaufen. Sie warnten davor, dass sich Renovierungen dann nicht mehr lohnten - etwa für altersgerechte Wohnungen oder Maßnahmen zu einem geringeren Energieverbrauch.

Warum kommen die Fusionspläne jetzt wieder auf den Tisch?

"Das Marktumfeld ist für Vonovia und Deutsche Wohnen in den vergangenen Jahren immer ähnlicher geworden. Jetzt ist der richtige Moment, die erwiesene Leistungsfähigkeit und Stärken beider Unternehmen zu vereinen", sagte Zahn. Buch zufolge sei das neue Unternehmen dann auch perfekt aufgestellt, um in Europa expandieren zu können.

Quelle: ntv.de, jga/rts/dpa

ntv.de Dienste
Software
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.