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"Jeder macht Fehler, sorry!" Der Mann, der Trump zum Schweigen brachte

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"Es war ein Fehler", gesteht der ehemalige Twitter-Mitarbeiter Bahtiyar Duysak im Interview mit "Techcrunch". Jetzt will er sein normales Leben zurück.

(Foto: © Screenshot: Youtube / Techcrunch)

Elf Minuten Stille auf dem Twitter-Account des US-Päsidenten. Trump-Gegner jubeln. Doch wer steckt hinter dieser "Heldentat"? Eine große Suche nach dem Unbekannten beginnt. Jetzt gibt er sich zu erkennen.

Bahtiyar Duysak beschreibt sich als "völlig normalen Kerl". Bis vor vier Wochen war er das möglicherweise auch. Doch was dann passierte, hat das Leben des 28-jährigen Deutschen türkischer Abstammung zumindest für kurze Zeit gehörig durcheinander gewirbelt.

Duysak ist der Mann, der den Twitter-Account des US-Präsidenten am 2. November für elf Minuten lahmlegte. Twitter sprach von einem "menschlichen Fehler" am zufällig letzten Arbeitstag eines Kundenbetreuers. Seine Identität gab der Konzern nicht preis. Die Geschichte hätte dort enden können, tat sie aber nicht.

*Datenschutz

Donald Trump folgen auf Twitter über 41 Millionen Menschen. Der US-Präsident versteht es, das soziale Netzwerk zu instrumentalisieren. Schon im Wahlkampf war es das Herzstück seiner Kommunikation. Seine Nachrichten haben immer wieder einen aggressiven Tonfall. Das sorgt für Öffentlichkeit. Er schimpft über politische Gegner und über ihm unliebsame Medien. Seine Unverblümtheit hat nicht nur großen Unterhaltungswert. Trump selbst erklärte, Twitter sei der beste Weg, um seine Botschaften ungefiltert zu verbreiten.

Als Trump von Twitter verschwand, konnte es zunächst kaum einer glauben. Seine Gegner führten Freudentänze auf. Im Netz ergoss sich Hohn und Spott. Viele witterten eine großartige Gesinnung hinter der Tat, der große Unbekannte wurde zum Helden stilisiert. Während Twitter und die Behörden schwiegen, ließen die Medien nicht locker. Wo war dieser "Held"?

Ein "normales Leben"

*Datenschutz

Vier Wochen später gibt sich ein freundlicher, zurückhaltener Mann zu erkennen. Duysak wuchs in einer kleinen Stadt in Deutschland auf. Im Interview mit Techcrunch strahlt er viel Bodenständigkeit aus. Er mag Autos und Sport und in seiner Freizeit hilft er in einem Zentrum für Muslime. Im Grunde hätte es auch gut gepasst, wenn er sich verkrochen hätte. Das Rampenlicht ist nicht seins. Aber Duysak, der zwei Jahre in Kalifornien studierte und danach als Vertragsarbeiter bei Twitter arbeitete, hat sich anders entschieden.

Er wolle sein "normales Leben" zurück, sagt Duysak. "Ich will nicht vor den Medien fliehen." Die Presse stalke ihn und seine Freunde. "Ich möchte mit meinen Nachbarn und Freunden sprechen. Ich musste Hunderte von Freunden löschen, so viele Bilder, weil Reporter mich verfolgen. Ich möchte einfach nur ein normales Leben führen."

Duysak sieht sich vor allem als Opfer. "Ich habe kein Verbrechen oder irgendetwas Böses getan, aber ich fühle mich wie Pablo Escobar", sagt er. "Langsam wird es wirklich nervig." Das gesperrte Konto sei "ein Fehler gewesen". Wenn er in "irgendeiner Weise an diesem Fehler beteiligt gewesen" sei, entschuldige er sich dafür. "Ich habe nichts absichtlich gemacht."

Was genau der Mann mit dem sympathischen Gesicht gemacht hat, verrät er nicht. Er besteht aber wiederholt darauf, dass es "nichts Illegales" war. "Ich habe niemanden gehackt, nichts getan, was nicht authorisiert war, ich habe alle Regeln befolgt." Duysak glaubt nicht, dass ihn allein die Schuld an dem Vorfall trifft. "Einer kann so etwas nicht machen", sagt er.

"Einer allein kann das nicht"

Er hätte auch nie gedacht, dass das Konto tatsächlich deaktiviert würde. Tatsächlich war Trumps Twitter-Account eher vor einem Abschalten bei Verstößen gegen die Nutzungsbedingungen des Konzerns geschützt. Erst im Juni hatte Twitter erklärt: Einige Tweets, die scheinbar gegen die Nutzungsbedingungen verstießen, seien dennoch "berichtenswert" und daher im öffentlichen Interesse.

Trumps Account wurde an Duysaks letztem Arbeitstag kurz vor Feierabend lahmgelegt. Duysaks war als Vertragsarbeiter von Pro Unlimited dem Bereich Trust and Safety der Kundenbetreuung von Twitter zugewiesen. Dieses Team bearbeitet die Nutzerhinweise, wenn diese anstößige oder illegale Tweets, Belästigungen etc. finden. Das Team prüft die Beschwerden und entscheidet danach, welche weiteren Schritte unternommen werden. Duysak reagierte in seiner letzten Arbeitsstunde auf einen Alarm, der den Präsidenten-Account betraf. Danach ging er, ohne zu merken, was er angerichtet hatte, nach Hause.

Laut Duysak erfuhr er nicht durch Twitter von dem Vorfall, sondern aus der Presse. Außerdem habe ihn eine Frau, die er nicht namentlich nennen will, informiert, dass sein Name bei Twitter gefallen sei, erzählt er weiter.

Politisch hege er keinerlei Rache gegen Trump, vielmehr bewundere er dessen Erfolg, fügt der sportliche Mann hinzu. Duysak trägt einen Cardigan mit dem Muster der amerikanischen Flagge in schwarz-grau - angeblich keine Botschaft, sondern ein Zufall, wie er Techcrunch sagt. Trump "ist ein sehr erfolgreicher Mensch und ich bewundere seine harte Arbeit und wie er es geschafft hat, die höchste Position zu erreichen", sagt Duysak auch CNNTech. "Aber ich denke, er muss noch ein bisschen als Politiker lernen."

Twitter hat sich in der ganzen Zeit nicht weiter zu dem ehemaligen Mitarbeiter geäußert. Dass Duysak der Verursacher der Panne war, gilt dennoch als weitestgehend gesichert. Ein Insider hat Medien zufolge bestätigt, dass er als eben jener Mitarbeiter identifiziert wurde.

Es wartet Arbeit

Irgendwie kann Duysak das Ganze immer noch nicht verstehen. Der 2. November sei einfach "einer jener Tage" gewesen, sagt der immerzu lächelnde Mann. Sein Leben sei "wild" und er müde gewesen. Eigentlich wäre sein Vertrag erst Anfang 2018 ausgelaufen. Aber er hätte mit Pro Unlimited und Twitter verabredet, den 2. November zu seinem letzten Arbeitstag zu machen. Er wolle Zeit mit seiner Familie in Deutschland verbringen, sagt er. Dass so etwas am letzten Arbeitstag passiert, sei sehr unwahrscheinlich gewesen. Aber "manchmal passieren diese Dinge".

Duysak will nach einer kurzen Pause im Bankgeschäft arbeiten. "Ich bin kein Betrüger. Ich habe für so viele Unternehmen gearbeitet. Jeder wird zustimmen, dass ich zuverlässig und vertrauenswürdig bin", sagt er CNNTech. Vermutlich wird jetzt Ruhe in sein Leben einkehren. Für Twitter ist der Fall dagegen noch nicht ausgestanden: Das Lahmlegen von Trumps Account wirft vor allem die Frage auf, wie viel Zugang Mitarbeiter und Vertragsarbeiter zu Kontodaten haben sollten.

Quelle: n-tv.de

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