Wirtschaft

Neuer Wertekanon, enttäuschende Quartalszahlen Deutsche Bank kapituliert vor der Vergangenheit

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Die Deutsche-Bank-Chefs Fitschen (li.) und Jain betonen in ihrem Wertekanon viel Selbstverständliches.

(Foto: picture alliance / dpa)

„Wir tun das, was nicht nur rechtlich erlaubt, sondern auch richtig ist“: Was selbstverständlich sein sollte, trägt die Deutsche Bank seit vergangener Woche als neuen Wertekanon vor sich her. Die enttäuschenden Geschäftszahlen zeigen, dass Deutschlands größtes Geldhaus den Kulturwandel bitter nötig hat.

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Geht es nach den PR-Strategen der Deutschen Bank, ist Deutschlands größtes Geldhaus seit vergangener Woche eine andere Bank. Integrität, nachhaltige Leistung, Kundenorientierung, Innovation, Disziplin, Partnerschaft – das sollen künftig die neuen Werte des Frankfurter Geldhauses sein, so haben es Mitarbeiter und Konzernspitze beschlossen. Zinsmanipulation, Hypothekenklagen, Umsatzsteuerbetrug, angebliche Bilanztricksereien, Kirch-Prozess, unterlaufende Iran-Sanktionen – das sind die gröbsten Sünden der Vergangenheit, mit denen die Deutsche Bank immer noch zu kämpfen hat.

Der Kulturwandel, das Lieblingsprojekt von Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen, soll all das nun ändern. Die Bank hat ihre Verhaltensrichtlinien überarbeitet: Aus dem Rendite-Diktum der Ackermann-Ära - "Wir haben uns einer ergebnisorientierten Geschäftskultur verpflichtet" - wurde „Wir streben nachhaltigen Erfolg an und teilen die geschaffenen Werte fair“. Trotz solcher Beteuerungen bleibt ein tiefes Misstrauen.

Selbstverständlichkeiten als neue Werte

Denn die Deutsche Bank will sich wandeln, weil ihr keine andere Wahl bleibt. Seit der Finanzkrise engen Öffentlichkeit und Aufseher den Spielraum für Zocker-Geschäfte am Rande der Legalität immer mehr ein. "Wir nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung ernst", hat sich die Bank nun vorgenommen. "Wir halten uns an Regeln und stehen zu unseren Zusagen." Es wirkt fast komisch, dass ein Finanzkonzern solche Plattitüden ausdrücklich betonen muss.

Die entscheidende Frage ist zudem, ob auch die Führung der Deutschen Bank mit gutem Beispiel vorangeht. "Wir wollen der Partner unserer Kunden sein": Wie glaubwürdig sind solche Versprechen, wenn an der Spitze der Bank Anshu Jain steht - der Mann, der jahrelang die Investmentbankingsparte verantwortete, deren Kunden sich reihenweise getäuscht und betrogen fühlen?

Öffentliche Selbstkasteiung

"Wir tun das, was nicht nur rechtlich erlaubt, sondern auch richtig ist. Wir schaffen Wert für unsere Aktionäre, indem wir langfristigen Erfolg über kurzfristige Gewinne stellen. Wir richten uns stets nach den höchsten Integritätsstandards – in Worten und Taten". Für Jain und seine Turbo-Investmentbanker in London müssen sich diese Bekenntnisse wie eine öffentliche Selbstgeißelung anfühlen. Wenn man so will, ist der neue Wertekanon eine Kapitulationsurkunde.

Denn dass die Deutsche Bank nun Selbstverständlichkeiten wie Kundenorientierung und sauberes Geschäftsgebaren vor sich herträgt, kann man auch als Eingeständnis verstehen, dass die richtigen Werte bei Deutschlands größtem Geldhaus offenbar in der Vergangenheit eben nicht überall und immer gegolten haben. Wenn das Einhalten von Regeln als hart erkämpfte Errungenschaft eines fundamentalen Kulturwandels gefeiert wird, kann man ahnen, wie die Deutsche Bank früher Geschäfte gemacht hat.

Milliarden für Strafen und Prozesse

Die Bank beweist das eindrucksvoll selbst mit ihren jüngsten Geschäftszahlen: Noch einmal 630 Millionen Euro musste die Bank allein in diesem Quartal für Rechtsstreitigkeiten zurücklegen. Insgesamt drei Milliarden Euro hat das Geldhaus inzwischen für drohende Strafen, Vergleiche und Prozesskosten gebunkert. Beim Amtsantritt von Jürgen Fitschen und Anshu Jain vor einem Jahr war es noch eine Milliarde Euro. Die hochfliegenden Deals der Vergangenheit, die in der Ära Ackermann unter Jain in der Investmentabteilung ausgeheckt wurden, erweisen sich immer mehr als Bumerang: Einst waren sie Rendite-Beschleuniger, nun schlagen sie krachend in die Bilanz ein.

Die Altlasten bedrohen inzwischen die finanzielle Gesundheit der gesamten Bank. Der Gewinn schnurrte im Jahresvergleich wegen der Kosten für die Rechtsstreitigkeiten im zweiten Quartal um die Hälfte auf gerade noch 335 Millionen Euro zusammen. Auch die hauseigene Bad-Bank – eine Art interne Müllhalde, auf der Bilanzschrott der Vergangenheit wie unrentable Beteiligungen, exotische Derivate und faule Kredite lagert – produzierte vor Steuern erneut ein Minus von rund 700 Millionen Euro. In der Zukunft wird nun dank des neuen Wertekanons bestimmt alles besser: „Wir erreichen operative Exzellenz, indem wir alles, was wir tun, möglichst schon im ersten Anlauf richtig machen“.

Quelle: ntv.de

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