Wirtschaft

Organisation ohne Hierarchie? Die Management-Theorie der Öko-Rebellen

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Führung ohne Anführer: Gail Bradbook bei einem XR-Protest in London im April 2019.

(Foto: imago images / i Images)

Die Klimaschützer von Extinction Rebellion geben sich antikapitalistisch. Ihre Organisation folgt dabei einem für Firmen entwickelten, hochkomplexen System. Der Beweis, dass große Unternehmen oder eine Bewegung ohne Anführer auskommen können, steht allerdings noch aus.

Ein großer Kreis für den "Anker-Zirkel", da hinein malt Gail Bradbrook auf ihrem Flipchart mittlere und kleinere Kreise etwa für das Finanzteam oder das Visionsteam teilweise nebeneinander, teilweise ineinander. Bestimmte Mitglieder einzelner Kreise bilden wiederum übergeordnete Einheiten. Diese komplexe Struktur, die hier entsteht, ist die von Extinction Rebellion (XR), jener Umweltbewegung, die vor wenigen Tagen große Teile Berlins und anderer Städte weltweit als Teil ihrer "Rebel Wave" lahmlegte. Dass nicht mal ein Jahr, nachdem die Bewegung erstmals öffentlich in Erscheinung trat, mehrere Hundert Ortsgruppen in fast 50 Ländern selbstständig, aber doch bestens koordiniert handeln können, hat mit der Struktur zu tun, die Bradbrook, eine der XR-Gründerinnen, in dem Youtube-Video aufmalt.

Anders als etwa die von der Schwedin Greta Thunberg ausgelöste Bewegung Fridays for Future, in deren Namen Schüler überall in der Welt völlig unabhängig voneinander für mehr Klimaschutz demonstrieren, hat XR eine klare Führungsstruktur - allerdings zumindest theoretisch ohne Anführer. Die Kreise, in denen sich die Ökorebellen organisieren, entstammen der Holacracy-Theorie. Die wurde vor gut zehn Jahren von dem US-amerikanischen Softwareingenieur Brian Robertson entwickelt, um Unternehmen zu managen, aber ohne Manager.

Robertson war der Star auf Management-Konferenzen. Mehrere prominente Unternehmen testeten das radikale und hochkomplizierte System, das versprach, klassische Hierarchien und Posten abzuschaffen. Stattdessen sollte die Unternehmensführung auf sich autonom organisierende Kreise verteilt werden, in denen alle Mitarbeiter Verantwortung übernehmen. Nach einer anfänglichen Begeisterungswelle, in der unter anderem Google versuchte, Halocracy in einigen Einheiten einzuführen, wurde es jedoch stiller um die Methode - bis Extinction Rebellion weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Informelle Autoritäten statt klarer Rangordnung

Kritik und Widerstand in vielen Unternehmen an Halocracy kam nicht nur von den Chefs, die fürchteten, ihren Status einzubüßen, sondern auch von vielen Fachleuten, die beklagten, sich aufgrund ihrer neuen Aufgaben in der Organisation nicht mehr in ausreichendem Maße ihrer eigentlichen Arbeit widmen zu können. Das größte Unternehmen, das nach wie vor Halocracy in einer allerdings mittlerweile modifizierten und abgeschwächten Form anwendet, ist der zu Amazon gehörende Online-Schuhhändler Zappos mit etwa 1500 Mitarbeitern.

Extinction Rebellion mit seinen Zehntausenden Mitgliedern und Aktivisten auf allen Kontinenten stellt eine neue Dimension für die Umsetzung eines Systems dar, das Robertson einst für ein eigenes Software-Startup mit nur ein paar Dutzend Kollegen entwickelte. Die weltweite Aufmerksamkeit für die radikalen Klimaschützer lenkt allerdings den Fokus auf eine der zentralen Schwächen von Halocracy. Obwohl es theoretisch keine Rangordnung und keine Anführer geben soll, entwickeln sich in vielen Firmen offenbar informelle Hierarchien und Autoritäten. Und so laufen wohl auch bei Extinction Rebellion viele Entscheidungswege auf einen Führungskreis um die Gründer Roger Hallam und Gail Bradbrook zu, auch wenn die offiziell keinen Cheftitel tragen. Nur heißt das Leitungsgremium nicht Vorstand, Präsidium oder Ähnliches, sondern eben "Anker-Zirkel".

Quelle: n-tv.de

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