Wirtschaft

Inside Wall Street Die Parkett-Kicker

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Wenn Klinsmann und seine Jungs auf den Rasen stehen, vergisst die Wall Street schon mal das Geschäft.

(Foto: dpa)

Punkt zwölf wird es still auf dem Parkett… High Noon? Das alles entscheidende Duell auf dem Parkett? – Weit gefehlt. Die WM wird angepfiffen. Vor lauter Fußballfieber verpassen die Trader am Dienstag einen massiven Kurseinbruch.

Der Handel an der New York Stock Exchange läuft zu 95 Prozent elektronisch ab. Zwar stehen auf dem altehrwürdigen Parkett an der Wall Street immer noch ein paar Dutzend Spezialisten, und in ausgesuchten Momenten läuft auch mal ein Händler mit seinem Tablet vorbei – doch so hektisch wie einst geht es hier längst nicht mehr zu. Wo einst Gewimmel und Gebrüll herrschten, tratscht man heute, während die Computer den allergrößten Teil der Arbeit machen. Kein flottes Tippen auf bunten Tastaturen mehr – höchstens hin und wieder ein Abgleich zwischen zwei Monitoren.

Wo es so ruhig ist, kann man sich schon einmal wegmachen. Nun ist das Management der New Yorker Börse alles andere als fußballfreundlich. Auf den mehr als tausend Bildschirmen auf dem Parkett laufen die Börsensender – das bleibt auch so, wenn die amerikanische Nationalmannschaft kickt. Nur eine Handvoll von harten Fans holt sich die WM auf den Laptop, und um sie herum sammelt man sich dann, lästert über England und Spanien, drückt ein Südamerikanern die Daumen, macht lobende Kommentare über Deutschland (weil der Kolumnist daneben steht!) und feuert Klinsmanns Männer an, von deren Leistungssteigerung in den letzten Jahren man sichtlich überrascht ist.

Sicher, ein paar Amis werden Fußball nie kapieren. "Ich kann das nicht schauen", sagt ein Optionshändler. "Da kann ich ja dem Gras beim Wachsen zusehen – so langweilig." Über die idiotische Meinung des überzeugten Baseball-Fans machen sich selbst enge Freunde lustig. Die allermeisten haben sich anstecken lassen, und es hilft, dass die WM in Brasilien bisher auch zahlreiche atemberaubende Spiele geliefert hat.

Am Dienstag nun standen die meisten Trader am Laptop mit Blick auf die Begegnung zwischen Italien und Uruguay – da ging es ja noch um den Einzug in die Finalrunde. Als das Spiel aus war und die Südamerikaner feierten, war den Börsianer weniger lustig zumute: Der Dow Jones war eingebrochen, um fast ein Prozent. Das ist nicht viel - vor allem nicht, wenn der Index nahe eines Allzeithochs von fast 17.000 Punkten steht. Und doch: Es war der größte Tagesverlust in mehr als einem Monat. Das zeigt, wie wahnsinnig die Börsen zuletzt wieder zugelegt haben. Unabhängig von der konjunkturellen Lage, unabhängig von Quartalszahlen und Fed-Entscheidungen, klettern die Indizes von einem Hoch zum nächsten. Der Markt ist völlig überkauft. Analysten streiten sich, ob der S&P 500 zunächst um zwei bis drei Prozent nachgibt, oder ob gleich eine massive Korrektur kommt. Doch eine solche beschwört man ja schon seit Monaten herbei.

Warum der Markt so handelt wie er es nun einmal tut, verstehen auch die Akteure an den Schalthebeln der Finanzwelt nicht mehr. Auf Nachfragen nach dem Fußballspiel – "Wie bitte? Wir verlieren mehr als hundert Punkte? Was ist denn passiert?" – gab es hier und da nur Schulterzucken. Naja, es muss ja mal runtergehen, kann ja nicht immer nur rauf. Einen Auslöser für die Verkäufe scheint es ebenso wenig zu geben wie einen Grund für die anhaltenden Kursgewinne der letzten Monate, oder sagen wir: Jahre. Der irrationale Aktienmarkt, der sich längst von der Wirtschaft abgekoppelt hat, hat nicht mehr den Reiz der alten Tage, als sich aktuelle Meldungen in Kursbewegungen niedergeschlagen haben. Für Reporter ist es schwer, Marktbewegungen zu begründen – und den Tradern ist oft einfach nur langweilig. Gottseidank gibt es in diesen Tagen immer wieder mal Abwechslung im drögen Börsengeschäft: jeden Mittag um 12 Uhr, wenn in Brasilien angepfiffen wird.

Quelle: n-tv.de

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