Wirtschaft

Verleiher bietet Training an E-Scooter fahren, aber sicher

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Seit Mitte Juni dürfen die E-Roller als sogenannte Elektrokleinstfahrzeuge mit Zulassung am Straßenverkehr teilnehmen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Seit knapp zwei Monaten rollen die E-Scooter durch Berlin. Unter die Begeisterung für die rasanten Flitzer mischt sich Ärger über rücksichtslose Fahrer. Die Verleiher arbeiten an ihrem Image: Ein Besuch bei einem Fahrsicherheitstraining für Elektroroller.

Als Christian vor wenigen Tagen die App des E-Scooter-Anbieters Lime heruntergeladen hatte, wollte er eigentlich nur einen verwahrlosten Elektroroller in seiner Straße melden. Genutzt hatte er die App danach nicht noch einmal. Dennoch erhält der 32-Jährige eine Einladung des Anbieters zum Fahrsicherheitstraining. Ohne lange zu zögern, sagt er zu. Und findet sich wenige Tage später auf dem Mercedes-Benz-Platz im Herzen Berlins wieder, beim First Ride Training.

Bei dem Training erklären Lime-Instruktoren den Teilnehmern alles rund um den E-Scooter und das richtige Verhalten im Straßenverkehr - besonders in Gefahrensituationen. Denn so groß die anfängliche Euphorie gewesen sein mag als die Elektro-Roller vor knapp zwei Monaten an den Start gegangen sind: Der Unmut über Verleiher und rücksichtslose Nutzer wächst. Viele scheinen sich nicht besonders um das Fahrverbot auf Gehwegen zu scheren. Die Roller werden achtlos und teilweise gefährlich abgestellt.

Die Berliner Polizei hat seit der Zulassung in der Hauptstadt bereits 38 Unfälle registriert. Die Dunkelziffer dürfte allerdings deutlich höher sein. In fast allen Fällen hätten die E-Scooter-Fahrer die Unfälle selbst verursacht. Gründe dafür sind neben der "unzulässigen Gehwegbenutzung auch Unachtsamkeit oder Trunkenheit".

Christian ist oft mit dem Auto in der Stadt unterwegs und sagt: "Die Leute missachten auf den E-Scootern am laufenden Band Verkehrsregeln und bringen sich selbst und andere in Gefahr." Er habe schon einige Unfälle beobachtet. Ein Fahrsicherheitstraining könne da sicherlich nicht schaden.

Sicherheit geht vor

Der Instruktoren macht gleich zu Beginn klar: "Ohne Helm wird bei uns nicht gefahren." Alle 35 Teilnehmer erhalten deswegen einen faltbaren Helm, den sie am Ende des Trainings auch mit nach Hause nehmen können. Obwohl es in Deutschland keine Pflicht gibt, verlangt Lime von seinen Kunden einen Helm - bei den Nutzungsbedingungen muss ein entsprechender Haken gesetzt werden. Ein digitales Lippenbekenntnis: Dass jeder Nutzer auch wirklich einen Helm dabei hat, ist unwahrscheinlich. In Berlin werden E-Roller spontan oder von Touristen benutzt.

Die ersten Fahrversuche sehen bei vielen Teilnehmern noch etwas zaghaft aus. Einige sind merklich eingeschüchtert und suchen krampfhaft am Lenker nach Halt. Nach Spaß sieht das noch nicht aus. Diese Beobachtung macht auch Lime-Manager Jashar Seyfi. "Viele Nutzer fühlen sich vor der ersten Fahrt unsicher oder trauen sich erst gar nicht auf einen Scooter zu steigen."

Eineinhalb Stunden lang leiten zwei Instruktoren die vor allem männlichen Teilnehmer mittleren Alters an. Auf einem abgesperrten Bereich fahren die Lime-Nutzer durch einen mit Hütchen abgesteckten Parcours und üben Gefahrenbremsungen. Eine Vollbremsung aus zwanzig Stundenkilometer erfordert Balance und Koordinationsgeschick. Am Lenker wird die Vorderradbremse bedient, die Hacke stoppt das Rückrad. Bei vielen klappt das erst nach mehreren Versuchen, dann aber umso besser.

Lime ist von den Fahrtrainings überzeugt: Wenn Unfälle mit E-Scootern passierten, dann besonders häufig bei der ersten Fahrt, sagt Seyfi. "Ein E-Scooterfahrer ist für einen anderen Verkehrsteilnehmer keine Bedrohung. Lkws oder Autos können ihnen allerdings gefährlich werden. Wir wollen unsere Nutzer deswegen dafür sensibilisieren, vorausschauend zu fahren."

Eigene Stellflächen auf Straßen oder Parkplätzen

Die meisten der Teilnehmer werden während des Trainings schnell mutiger und nehmen selbst Kurven mit ordentlich Schwung. Am Ende der Veranstaltung ist zwar weder ein Teilnehmer gestürzt noch kam es zu anderen Unfällen. Doch was kann ein Fahrsicherheitstraining schon wirklich gegen rücksichtslose Rollerfahrer auf den Straßen ausrichten? Lime ist deswegen mit eigenen Teams auf der Straße unterwegs. In Berlin patrouillieren acht Mitarbeiter und weisen Nutzer auf etwaige Regelverstöße hin.

Auch die Berliner Senatsverwaltung hat sich mit der Polizei und Vertretern der Leihfirmen in der vergangenen Woche getroffen und auf die Zwischenfälle mit E-Scootern reagiert. In Zukunft sollen die Anbieter demnach ihre Roller nicht mehr auf Gehwegen abstellen. Für die Kleinstfahrzeuge werden bald eigene Stellflächen auf Straßen oder Parkplätzen ausgewiesen. Die Stadt verspricht im Gegenzug, dass bis 2020 Autoparkplätze für E-Scooter-Stellplätze weichen werden. Auf Gehwegen und an besonders stark frequentierten Orten wie um das Brandenburger Tor soll das Abstellen dagegen verboten werden. Die Anbieter wollen es an solchen Orten in ihren Apps nicht mehr erlauben.

Lime und Co wollen gleichzeitig ihr Geschäftsgebiet Stück für Stück weiter ausbauen. Während die E-Scooter-Anbieter sich derzeit noch auf die Innenstädte konzentrieren, soll sich ihr Angebot schon bald auch auf die Außenbezirke erstrecken. Davon würde auch Christian profitieren. Nach dem Fahrsicherheitstraining möchte er zwar die letzten Meter bis zur Haustür auf dem Roller fahren, doch sein Zuhause liegt noch außerhalb des Geschäftsgebiets.

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Quelle: n-tv.de, mit AFP

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