Wirtschaft

"Die Kilowattstunde wird teurer"Windradhersteller hält Reiches Energiegesetze für "bestenfalls tollpatschig"

24.09.2026, 15:14 Uhr imageInterview: Christian Herrmann
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Vestas betreibt etliche Windräder in Deutschland. Der Strom wird derzeit für etwa fünf Cent je Kilowattstunde erzeugt. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Die deutsche Windkraft erlebt einen erstaunlichen Aufschwung. Nach Jahren der Flaute boomt der Ausbau. Deutschland sei ein Vorbild für andere Länder geworden, sagt Jens Kück vom dänischen Windradhersteller Vestas im Interview. "Und das alles mit einer europäischen Wertschöpfungskette. Es fließt viel Geld nach Deutschland." Doch ausgerechnet jetzt sorgen die Energiepläne von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche für Unruhe in der Branche. Speziell die geplante Begrenzung der Einspeiseleistung weckt böse Erinnerungen an frühere politische Fehlgriffe. Ohne Änderung werden einige Projekte auf der Strecke bleiben, warnt der Vestas-Manager im Podcast "Das Klima-Labor von ntv". Die Kosten für Windstrom werden sich ihm zufolge erhöhen. Kück sagt aber auch: "Es gibt keinen Grund für Schwarzmalerei."

ntv.de: Wie läuft das Windgeschäft? Der Eindruck ist: Es boomt. Nach einer langjährigen Flaute werden wieder mehr Windräder gebaut. 

Jens Kück: Das stimmt, es läuft sehr gut. Die deutsche Windenergiebranche hat sich in den vergangenen sechs Jahren stark zum Positiven verändert. Mit Beginn des Ukraine-Krieges gab es einen Aufwach-Moment. Anschließend wurde viel getan, um Genehmigungsverfahren für Windprojekte zu beschleunigen. Die sind inzwischen kein Flaschenhals mehr. Das war vor sieben bis zehn Jahren anders. 

Der deutsche Windausbau lag bis vor zehn Jahren im Plan, dann gab es einen Einbruch

Das war die Altmaier-Delle. 2017 wurde im Erneuerbare-Energien-Gesetz ein Auktionsverfahren für Windprojekte eingeführt. Das hat extrem viel Unsicherheit verursacht. Das Vertrauen von Planern und Entwicklern brach ein. 

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Jens Kück ist Senior Vice President beim dänischen Windradhersteller Vestas. Er verantwortet den Vertrieb in Nord- und Zentraleuropa. (Foto: Vestas)

Der Ausbau kam zum Erliegen. 

Ja. Wenn man einen Windpark entwickelt, startet man mit der Flächensicherung. Man spricht mit Kommunen und Grundstückseigentümern und holt Gutachten ein. Bis zur Genehmigung für die Anlagen vergingen damals zwei bis fünf Jahre - je nachdem, wie viel Interesse die Mitarbeiter der Genehmigungsbehörden an den Projekten hatten. Dieses Verfahren wurde standardisiert und digitalisiert. Das war eine Vorgabe des Wirtschaftsministeriums unter Robert Habeck. Teilweise wurden die Abläufe auch umgekehrt. Inzwischen gilt ein Antrag als geprüft und angenommen, wenn er nicht binnen drei Monaten bearbeitet wird. Es wurden auch mehr Flächen für Windprojekte zur Verfügung gestellt. Deshalb sehen wir einen massiven Anstieg bei erteilten Genehmigungen.

Wir sprechen am Rande eines Investoren-Tags. Unterhält man sich mit professionellen Anlegern und Vermögensverwaltern, sagen fast alle: Lass die Finger von der Windenergie. Die Branche ist zu abhängig von politischen Richtungswechseln. 

Die Entwickler werden wegen der aktuellen Pläne für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und für das Netzpaket wieder vorsichtiger. Im ersten Halbjahr gab es einen Einbruch bei den Neuplanungen. Nichtsdestotrotz ist Deutschland ein Paradebeispiel für den Ausbau von Windenergie an Land. 

Wirklich? 

Wir sind ein Land mit einer kleinen Meckerkultur. Nach der Altmaier-Delle wurde zwischenzeitlich maximal ein Gigawatt an neuen Windenergieanlagen im Jahr zugebaut. Nächstes oder übernächstes Jahr werden es mehr als zehn Gigawatt sein. Das ist Wahnsinn. Und das alles mit einer sehr europäischen Wertschöpfungskette. Es fließt viel Geld nach Deutschland

Andere Länder sollten sich das deutsche System abgucken? 

Auf jeden Fall. Unsere Auktionen sind stark nachgefragt und sichtbar wettbewerbsintensiv. 

Wie laufen diese Auktionen ab? 

Die Bundesnetzagentur legt im Namen der Bundesregierung fest, welches Volumen jedes Jahr auktioniert wird. In diesem Jahr sind es elf Gigawatt. Hat ein Entwickler alle Genehmigungen, also ein baureifes Projekt, darf er auf dieses Volumen bieten. Um zu beweisen, dass dieses Projekt auch realisierbar ist, müssen sie ein bisschen Geld als Sicherheit in die Hand nehmen. 

Die Bundesregierung entscheidet, wie viel Windenergie wir uns jedes Jahr zutrauen?

Das Auktionsvolumen orientiert sich an den Ausbauzielen der erneuerbaren Energien. Nächstes Jahr werden es 15 statt 11 Gigawatt sein. Das ist auch dem Ketchup-Effekt geschuldet. Durch die Delle haben vor einigen Jahren zu wenige Projekte an den Auktionen teilgenommen. Der Entwickler, der bei diesen Auktionen den niedrigsten Preis für die Erzeugung einer Megawattstunde Strom bietet, erhält den Zuschlag - und damit die Garantie der Bundesregierung, dass er 20 Jahre lang mindestens diese Vergütung für seinen Strom bekommt. In den vergangenen anderthalb Jahren sind die Tarife stark gesunken. Es gab superviel Wettbewerb und wir als Branche haben gelernt, die Projekte deutlich effizienter zu entwickeln. 

Wo stehen wir preislich aktuell? 

Bei etwa 50 Euro die Megawattstunde. Das entspricht fünf Cent die Kilowattstunde. Liegt der durchschnittliche Börsenstrompreis darunter, erhält der Betreiber der Windenergieanlagen die Differenz, damit sich das Projekt trotzdem rechnet und zustande kommt. Ist der Börsenstrompreis höher, darf der Betreiber das zusätzliche Geld behalten. Das ändert sich ab dem 1. Januar 2027. 

Wo finde ich das "Klima-Labor"?

Dieses Interview können Sie sich anhören: Sie finden "Das Klima-Labor von ntv" auf ntv.de und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+, Amazon Music, Apple Podcasts, Spotify, RSS-Feed.

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Und damit werden die Projekte unwirtschaftlich? 

Windenergie ist wirtschaftlich. Das Problem ist die Finanzierung. Eine Windenergieanlage ist nicht gerade günstig. Für den Bau nimmt man normalerweise einen Kredit auf. Das Geld spielt man später über die niedrigen Betriebskosten und 20 bis 25 Jahren Laufzeit wieder rein. Das bisherige EEG bietet einen fantastischen Rahmen, um diese Finanzierungskosten niedriger als in anderen Ländern zu halten. Damit sinken auch die Stromgestehungskosten, also die Kosten für die Stromerzeugung. 

Dieser Rahmen ändert sich jetzt zum Schlechten? 

Die Vergütung verändert sich, aber nicht zum Schlechten. Die Betreiber werden auch in Zukunft entschädigt, wenn der Börsenstrompreis niedriger ist als bei der Auktion geboten. In Zukunft müssen sie aber auch Gewinne abgeben, wenn der Preis höher ist. Es gibt also oben und unten einen Rahmen. Die Finanzierbarkeit der Projekte bleibt gewahrt. Spannender wird es beim zweiten Gesetzespaket, das parallel im Bundestag verhandelt wird. 

Das Netzpaket?

Ein Vorschlag, der uns als Branche große Kopfschmerzen bereitet, ist die Begrenzung der Wirkleistung. Windräder sollen ab 1. Januar 2027 nur noch einen Teil des erzeugten Stroms in Netz einspeisen dürfen.

Das betrifft nicht nur kleine Solaranlagen?

Nein. Bei Windenergieanlagen ist das Verhältnis von Rotorblatt und Nennleistung ausschlaggebend. Die Begrenzung wurde strikt bei 280 Watt pro Quadratmeter gezogen. Aber unterschiedliche Regionen haben unterschiedliche Windbedingungen. Daran orientiert sich die Rotorgröße einer Anlage. Küstenstandorte sind extrem windstark. Dort kann man mit einem kleinen Rotor zu fantastischen Kosten Strom produzieren. Im Süden braucht man einen größeren Rotor.  

Eine Anlage im Norden erzeugt mehr Strom als eine im Süden? 

Ja. Es wäre komplett unsinnig, eine Anlage an der Küste abzuregeln. Die befindet sich in einem maximal effizienten Umfeld. Dazu kommt, dass fast alle Anlagen, die derzeit in Deutschland gebaut werden, über dieser Begrenzung liegen. Die Anlagen sind aber schon gekauft und bestellt. Die sind durch eine Auktion gegangen. Es gibt einen Kreditvertrag. Die werden nicht plötzlich günstiger, heißt: Die Kosten verändern sich nicht, die Einnahmen schon. Das ist bestenfalls ein tollpatschiger Versuch, um für ein effizienteres Energiesystem zu sorgen. 

Was ist der Hintergedanke? Bei Solaranlagen ist das Drohszenario der angebliche Solarinfarkt. Das kennt man von der Windenergie so nicht. 

Ich kann nur spekulieren. Klar ist, dass die Windbranche bei Genehmigungen und Flächensicherung in den vergangenen Jahren geliefert hat und jetzt mit Vollgas beim Zubau durchstarten könnte. Beim Netzausbau war das eher nicht der Fall. Es ist bekannt, dass das Bundeswirtschaftsministerium den Netzausbau und den Ausbau der Windenergie synchronisieren und harmonisieren möchte. Das wird die Kosten aber nicht senken, sondern sie im Gegenteil erhöhen. 

Weil die Anlage mit weniger verkauften Strom gegenfinanziert werden muss?

Ja. Die Kilowattstunde wird teurer. Die smartere Lösung wäre ein Baukostenzuschuss. Das hieße, dass sich ein Windparkprojekt an den Kosten für Stromleitungen und den Netzanschluss beteiligen muss. Die Kosten für den Netzausbau würden über die Netzentgelte nicht mehr ausschließlich auf die Privathaushalte umgelegt.

Was passiert, wenn diese starre Begrenzung im Bundestag nicht gekippt wird? 

Wird sie rückwirkend für Projekte eingeführt, bei denen Leute bereits Geld in die Hand genommen haben, werden es nicht alle schaffen. Einige werden auf der Strecke bleiben. 

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte zu Beginn ihrer Amtszeit angekündigt, sie wolle den "Business Case für Erneuerbare herunterbringen". Hat sie dieses Ziel erreicht? 

Ich möchte keine Böswilligkeit unterstellen. Die Absichten hinter den Plänen sind nachvollziehbar, aber wenn man diese Regelung einführen möchte, sollte man das mit entsprechendem Vorlauf machen und eine Übergangsphase festlegen. 

Droht ein erneuter Einbruch beim Ausbau der Windenergie? 

Nein. Es gibt keinen Grund für Schwarzmalerei. Der Bundestag wird in den nächsten zwei, drei Wochen über diese Gesetze entscheiden. Es stehen viele gute Sachen drin, vor allem im EEG. Windenergie ist günstig. Der Strom wird vor Ort produziert. Er macht unabhängig. Die Branche hat eine extrem tiefe Wertschöpfungskette in unserem Land mit mehr als 150.000 Beschäftigten nur in Deutschland. Windenergie ist ein Treiber von Wirtschaftswachstum, Energieunabhängigkeit und geopolitischer Souveränität. Wenn ich mir anschaue, wie beschäftigt meine Kollegen in den USA sind, obwohl die dortige Regierung alles daran setzt, Windenergie zu verhindern, sieht man: Es gibt keine Alternative. Ich bin extrem optimistisch für unsere Branche - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

Mit Jens Kück sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde am 15. September auf dem TBF Investor Day in Bad Homburg aufgezeichnet und zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.

Klima-Labor von ntv

Was hilft wirklich gegen den Klimawandel? Funktioniert Klimaschutz auch ohne Jobabbau und wütende Bevölkerung? Das "Klima-Labor von ntv" ist der Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen, Lösungen und Behauptungen der unterschiedlichsten Akteure auf Herz und Nieren prüfen.



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Quelle: ntv.de

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